Sommerpause: Drei neue Grüße an den Meister

Sommerpause: Drei neue Grüße an den Meister

DIE TRETMÜHLE

Wirklich, zu den schauderhaftesten Dingen
gehört es, Nacht für Nacht
im Bett zu liegen
mit einer Frau
die man nicht mehr pimpern will.

Sie werden alt, sehen nicht mehr gut
aus, fangen sogar schon an
zu schnarchen, und verlieren ihr
Temperament.

Da liegst du also im Bett
und manchmal drehst du dich um
und berührst dabei ihren Fuß –
mein Gott, schauderhaft!
und die Nacht ist da draußen
hinter den Vorhängen
und sperrt euch zusammen
in eurem
Grab.

Und am nächsten Morgen, wenn du
ins Badezimmer willst, geht ihr
im Flur aneinander vorbei, redet etwas,
sagt belanglose Dinge; Eier brutzeln,
Motoren springen an.

Aber am Frühstückstisch
sitzen sich 2 Fremde gegenüber,
schieben sich Toast in den Mund
und gießen sich heißen Kaffee
in den Bauch.

In zehn Millionen Wohnungen in Amerika
ist es dasselbe –
ausgelaugte Lebewesen, aneinander-
gelehnt,
ohne jede
Chance.

Du steigst ins Auto,
fährst zur Arbeit,
und dort sind wieder Fremde, die meisten
ebenfalls mit jemand verheiratet,
und in der Tretmühle, unterm Fallbeil,
finden sie noch Zeit miteinander zu
flirten, Witze zu machen, sich gegenseitig
in den Arsch zu kneifen, gelegentlich mal
irgendwo einen Stehfick durchzuziehen –
zu Hause geht’s nicht –
und dann wieder
die Fahrt nach Hause,
das Warten auf Weihnachten, auf den 1. Mai,
auf den Sonntag,
oder sonstwas.

*

EIN GENIE

Heute hab ich im Zug einen
genialen Jungen
kennengelernt.
Er war ungefähr 6 Jahre alt,
saß direkt neben mir,
und als der Zug an der Küste
entlangfuhr
sah man das Meer
und wir schauten beide aus dem
Fenster
und sahen das Meer an
und dann drehte er sich
zu mir um
und sagte,
„Das is nich schön“.

Da ging mir das zum
ersten Mal
auf.

*

BEMERKUNGEN ÜBER DAS PFERD

Es war vor 10 Jahren im Hollywood Park –
ich hatte eine die mir das Bett warm hielt, 2 Autos, ein
Haus, und einen Hund
so groß wie ein besoffener Nero,
und ich schaffte was an
bei den Pferden; jedenfalls bildete ich mir’s ein;
aber als das 7. Rennen kam, war ich runter bis auf
50 Dollar; ich setzte die 50 Dollar auf „Determine“
und dann wollte ich mir eine Tasse Kaffee holen,
hatte aber nur noch 10 Cents und Kaffee kostete 15.

Ich ging aufs Scheißhaus und wollte mich runterspülen.
Sie hatten mich geschafft. Alles was ich noch hatte
war ein Stück Papier in meiner Brieftasche; für 40 Dollar
wäre ich bereit gewesen, mich wieder davon zu trennen,
aber ich brachte es nicht fertig. Naja, ich ging raus
und sah mir das Rennen an und „Determine“ siegte.

Ich kassierte meinen Gewinn, legte einen Zehner auf die
Seite und setzte den ganzen Rest auf „My Boy Bobby“.
„My Boy Bobby“ machte das Rennen. Ich kassierte ab
und stellte mich in eine Ecke und sortierte die 50er und
20er und Zehner und Fünfer, und dann fuhr ich nach Hause;
ich machte ihr das Zeichen, Daumen nach oben, als ich
in die Einfahrt einbog, und als ich reinkam
warf ich das ganze Geld in die Luft.

Sie war eine außergewöhnlich schöne Hure, und die Augen
fielen ihr beinahe raus als sie das sah, und der Hund kam
reingerannt und schnappte sich einen Zehner und rannte damit
in die Küche, und ich schenkte die Gläser voll, und sie
sagte „Hey, der Köter hat’n Zehner!“ und ich sagte
„Ach was, soll er doch!“ Wir kippten unsere Drinks.

Dann sagte ich, „Hmmh, ich denke ich werd‘ ihm den Zehner
besser doch wegnehmen“, und ich ging rein und nahm ihm
den Schein weg, er war nur leicht angefressen, und in
der Nacht zeigte sie mir im Bett alle Tricks die sie drauf-
hatte, und später regnete es und wir hörten uns Carmen an
und tranken und lachten die ganze Nacht.

Tage und Nächte wie die gibt’s einfach viel zu selten.

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(Aus: Charles BUKOWSKI: ‚Poems Written Before Jumping Out Of An 8 Story Window‘, Litmus Berkeley 1967) 

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