La Boum

La Boum

Es gab da dieses Anzeigenblatt in den 80ern mit der Idee, Kleinanzeigen kostenlos zu veröffentlichen und den Verdienst über den Verkauf der Zeitung einzufahren – quasi das analoge Modell zu den heutigen Plattformen im Internet, wobei der Verdienst etwas weniger von der enthaltenen Werbung und etwas mehr vom Verkauf abhängig war. Ich erinnere mich noch genau an diese Nacht im Jazzkeller, als ich einen der drei Gründer traf und der fragte mich nach dem dritten Bier, ob ich helfen wollte, das Projekt aufzubauen. Ich wollte. Dazu hackte ich zwei Mal die Woche den Text der Kleinanzeigen, die damals postalisch und auf handschriftlich klein geschriebenen Zetteln in der Redaktion eintrafen, in ein Layout-Programm, das dann als druckfähige Datei bei der Druckerei abgeliefert wurde. Wir hatten, oh Wunder der Datenverarbeitung, drei IBM XT 286er-PCs mit Windows 2.0, von denen zwei ständig abschmierten und das Sichern der Druckdatei auf einer Reihe von Disketten dauerte mitunter Stunden. Trotzdem gab es viel zu lachen mit den Jungs. Es erweiterte meinen Horizont, was es alles so zu kaufen und verkaufen gibt. Eine gute Zeit mit einem guten Job. Es war unbeschwert und ich besserte meinen Sold als Zivi mit etwas auf, was ich gerne tat, ich hatte was zu erzählen und traf und liebte, wen ich wollte.

Die Zeitung hatte auch eine Rubrik, in der man mehr oder weniger sinnfrei grüßen konnte. Wenn es schon umsonst war, seine Unterwäsche, Omas Backblech oder die Konzertkarte von Udo Jürgens anzubieten, dann war es natürlich auch umsonst, unter irgendwelchen Pseudonymen Blödsinn in die Welt zu trompeten, wovon ich selbst regen Gebrauch machte. Ich fing an, Fernschachpartien über die Kleinanzeigen zu spielen. Ein anderer erzählte Flachwitze und ein Dritter philosophierte in Raten. Der Bedarf daran, gepflegten Unsinn in die Welt zu streuen, war enorm und so wuchs die Rubrik von Ausgabe zu Ausgabe. Alle hatten sie lustige Pseudonyme in dieser Gruppe und irgendwann kam mir die Idee, die ganzen Freaks einzuladen. Ich rief zu einem Treffen auf und begann damit, Andere für die Idee zu begeistern. Ich lernte, dem einen zu sagen was er am besten könne und dem anderen, wofür ich ihn am liebsten einsetzen würde. Auf diese Weise kamen Zehn oder Zwölf zusammen und ich begann, mich nach einer geeigneten Halle umzusehen. Schließlich fand ich eine ausgediente Turnhalle, die direkt über einer Kneipe lag und der Wirt sagte mir, ich könne sie umsonst haben, müsste aber die Getränke über ihn beziehen und dann handelten wir eine knappe Stunde lang die komplette Preisliste aus.

Der größte Unsicherheitsfaktor war, dass ich keine Ahnung hatte, wie viele tatsächlich kommen würden. Es waren verdammt viele und von meinem Job als Anzeigenerfasser wusste ich, wenn alle kommen würden und noch ein paar dazu, könnten es so um die Zweihundert werden. Wir druckten Eintrittskarten zum Preis von Dreizehn Mark Elf, weil die Rubriknummer Dreihundertelf war und gaben stattliche vier Freigetränke dafür her, wobei für große Gläser und Cocktails zwei „Kuh-Pongs“ ausgegeben werden mussten. Jedes Bier mehr gab es für lächerliche zwei Mark. Ich organisierte eine RocknRollBand, der ich meiner Kalkulation nach etwa dreihundert Mark zahlen konnte und das war so ziemlich genau auch der Preis, den sie dafür verlangten. Dann rief ich bei der Feuerwehr und dem THW an und sagte ihnen, dass es bald eine Feier in der alten Turnhalle über der Kneipe gäbe und ich ihnen was spenden würde, wenn sie da mal vorbeischauen. Der Wirt war begeistert, als ich ihm meine Bestellung zeigte: 500 Liter Bier, 100 Colaflaschen, 200 Wasserflaschen, 10 Flaschen Whiskey, 10 Flaschen Wodka, 10 Flaschen Gin, 100 mal Orangensaft … und nachmittags rollte ein Truck vor die Halle und wir wuchteten das ganze Zeugs nach oben.

Mit dem Wirt vereinbarte ich, dass er mir die Sandwiches auf Kommission liefert und später stellte sich heraus, dass er gar nicht so viele produzieren konnte, wie abends am laufenden Band bestellt wurde. Die Bühne war eine der größten Herausforderungen. Ich sorgte für Boxen, Mischpult, Schallplatten, zwei ausgewachsene Musikanlagen, einen Monster-Verstärker und ordentlich Lightshow als Equipment, das ich mir teils zusammen geliehen hatte, von zuhause aus mitbrachte oder von der Band kriegte. Die Bühne sah aus, wie vor einem gigantischen Rockkonzert, nachdem ich auf jedem Kanal sieben bis acht Boxen und die Soundmonitore der Band in Reihe geschaltet hatte. Mittags lud ich meine Leute zur Besprechung und die Band zum Soundcheck, wir verteilten die einzelnen Rollen im Team und dann ging das los. Nach den ersten 250 Gästen gingen uns die Tickets aus. Zeitweise waren mehr als Vierhundert gleichzeitig in der Halle und als die Band anfing zu rocken, die noch nie vor mehr als fünfzig Zuschauern gespielt hatte, kam man nirgendwo mehr durch. Ich behielt die ganze Sache im Überblick, wurde andauernd mal hier und mal da hin gerufen, löste die kleinen und großen Knoten, legte als DJ die Platten auf und moderierte die Show von der Bühne aus. Die Einnahmen übertrafen unsere Vorstellungen bei weitem und es lief wie geschmiert. Tatsächlich kam eine ganze Mannschaft der Feuerwehr und zwei Jungs vom THW vorbei, so dass das Ganze einen hochprofessionellen voll durchstrukturierten Eindruck machte. Aber ich wusste nicht mal, ob die Bude einen Notausgang hatte.

„Machst Du das professionell?“, wurde ich ständig gefragt und ich sagte „Nein, ich hab es es mir einfach ausgedacht und dann hab‘ ich es so gemacht“. Die ganze Show, samt Deko, Licht, Musik, Getränken, Essen, Kasse, Helfern, Kalkulation, Koordination, Organisation, Halle, Werbung und Band hatte ich innerhalb von drei Monaten über die Bühne gebracht. Es war ein Knochenjob, aber ich merkte die Belastung nicht mal, weil es fantastisch war, dass alles genauso funktionierte, wie ich es geplant hatte. Und ich hatte tausendzweihundert Mark in der Tasche, von denen ich die Hälfte ans Team weitergab. Den Rest sicherte ich mir als Grundkapital für meine Karriere als Konzertveranstalter.

Im nächsten Jahr wiederholten wir es noch mal, aber dieses Mal fühlte es sich schwerer und komplizierter an, die Hürden und die Kosten waren höher, das Team war weniger motiviert und im dritten Jahr beschloss ich, irgendwem den Überschuss für die Fortsetzung zu schenken, weil ich einfach keine Lust mehr drauf hatte.

Irgendwer sagte auch Danke dafür, aber ich erinnere mich nicht mehr, wer.

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