Kriegsdienstverweigerer

Bild: Rainer Sturm / pixelio.de

Im Fernsehen lief anfangs der Achtziger ein amerikanischer Mehrteiler über den Holocaust und in der Generation meiner Eltern hieß es schon damals "Ach, ich kann das alles nicht mehr hören". Dabei gab es nichts zu hören. Und auch nichts zu sehen. Wer mehr über den Krieg wissen wollte, musste sich aktiv auf die Suche danach begeben und wären heute die Bilder des Krieges so selten wie damals, wäre es nicht schwer, an eine große Verschwörung zu glauben, die den Krieg verschwinden lassen will, indem sie ihn verschweigt. Es ist schwer, diesen Zeitgeist heute zu beschreiben. Der Geschichtsunterricht war unsere einzige Quelle. Ich konnte kaum glauben, was ich da hörte. Aber ich wusste, dass Opa dabei gewesen war, also fragte ich ihn danach. Opa sprach nie vom Krieg. Jedenfalls nicht darüber, was genau er da gemacht hatte. Höchst sporadisch und überraschend fielen Bemerkungen, dass ich es "unter Hitler" nicht weit gebracht hätte. Was genau meinte er damit? Was hätte ich "unter Hitler" denn werden sollen? Später wurde mir klar, dass das seine Art war, mir klar zu machen, dass ich seiner Meinung nach entschlossener werden sollte. Einmal sagte er sowas wie, dass man mich "unter Hitler" an die Wand gestellt hätte. Er nahm nie das Wort Nazi in den Mund. Für ihn gab es die gar nicht. Denn er hätte sich ja selbst anklagen müssen, was überhaupt nicht in Frage kam. Ja, mein Opa war ein Nazi.

Er war ein Fremdenhasser. Und er kämpfte in Kriegszeiten für seine Sache in voller Überzeugung. Für ihn muss es eine große Enttäuschung gewesen sein, dass Deutschland den Krieg verlor. Er war in Norwegen im Einsatz, aber ich hatte nie herausfinden können, was genau er da gemacht hatte. Für mich bestand der Krieg aus den Bildern der Holocaust-Serie und aus dem ein oder anderen Bildband, obwohl auch die sehr dünn gestreut waren. Und aus meinen eigenen Bildern, die ich mir anhand von Nachrichtensendungen oder Unterrichtsstunden zusammenstellte. Für mich waren das Bilder aus Schützengräben, in denen "der Kommiss" rumschrie und das Kanonenfutter dirigierte. Ab und an traf eine Kugel einen Kameraden und er sank zu Boden. Entweder konnte man ihn noch ins Lazarett schaffen oder er starb an Ort und Stelle. Aber das konnte nach meiner Vorstellung doch nicht alles gewesen sein. Anhand der wenigen Bemerkungen meines Opas war es anscheinend ein sehr angenehmer Job, dort oben in Norwegen. Mit Kanonenfutter, eines seiner Lieblingswörter, hatte das nichts zu tun. Jedenfalls benannte er jedes seiner acht Kinder, die er nach dem Krieg zeugte, mit nordischen Vornamen. Drei Kinder hatte er bereits, als er in den Krieg zog. Davon verlor er eins, sowie seine Frau, als die Alliierten Deutschland bombardierten. Für ihn müssen diese Angriffe das Unrecht dargestellt haben, aber er tat etwas in voller Überzeugung, für das er sich nie rechtfertigen musste.

Wer sich heute Dokumentationen aus den 60ern ansieht, wenn Reporter die Passanten auf der Straße danach fragten, was sie von den Studenten hielten, der ahnt, was für ein Geist in Deutschland überlebte. Dieser unsägliche Hass, der in diesen Filmen aus ihren Mündern wie Eiter rinnt, als sei es die normalste Sache der Welt, jemanden dafür zu töten, der nicht ihren Vorstellungen entspricht! Klar, es wurden allein schon wegen der natürlichen Selektion immer weniger Nazis, aber der Geist des unbesiegbaren deutschen Siegfrieds, hart wie Kruppstahl und blond wie der Hans, der überlebte in ihnen. Die Generation der im Krieg geborenen, wie meine Eltern, die Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger die Schalthebel der Macht in greifbarer Nähe hatten, duckten sich reihenweise weg vor dem tatsächlich vorherrschenden Zeitgeist, für den wiederum ihre Eltern voll verantwortlich waren, aber nicht darüber redeten. "Ich kann es nicht mehr hören, es muss doch jetzt mal genug sein – immer dieser Krieg in den ganzen Filmen". So oder so ähnlich ist der Satz millionenfach von der Generation unserer Eltern formuliert worden, aber uns ließen sie mit der Aufarbeitung alleine. Mit der Aufarbeitung zu verstehen, woher man kommt, damit man weiß, wohin man gehen will. Erst die grüne Bewegung in den frühen 80ern, machte es uns Kindern der 60er möglich, sich selbst organisiert über das Grauen der von Deutschland ausgehenden Kriegsverbrechen zu informieren.

Das war natürlich längst nicht alles was es zu wissen gab, aber die Ostermärsche, die "Schwerter zu Pflugscharen", die vereinigten Kriegsdienstverweigerer, die organisierte antifaschistische Bewegung und all jene, die uns rund um das Thema mit Aufklärungsmaterial begegneten: Wir waren unser eigenes Produkt. Wir Kriegsgegner erschufen und definierten uns selbst, weil unsere Eltern anscheinend zu müde waren, den Krieg zu beschreiben. Wir Kinder der so verklärt träumerisch benannten Friedensbewegung besprachen solche Themen nächtelang und trugen sie in die Schulen. Wir waren dabei nicht friedlich. Wir wehrten uns. Wir saßen vor den Chemiewaffenlagern der Amerikaner, wir waren in Gorleben und in Wackersdorf, gründeten die Republik freies Wendland, boykottierten die Volkszählung, marschierten gegen die Aufrüstung und besetzten die Häuser Westberlins. Aber die notwendige Aufklärungsarbeit unserer Eltern erledigten wir selbst und wurden dadurch zu den Pazifisten, über die heute nur noch ungenügend reflektiert wird, wenn auf ZDF-Info, Phoenix oder ARTE, eine Kriegsdoku nach der anderen läuft. Aber auch die haben wir, also unsere Generation, ja erst produziert, um sie heute in Endlosschleifen, die wiederum aus anderen Gründen ihrer Informationspflicht nicht mehr gerecht werden, im Fernsehen abzuspulen.

Als Kriegsdienstverweigerer war ich Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft. Gemeinsam mit den "Vereinigten Kriegsdienstverweigerern" bot sie uns die Möglichkeit, sich selbst nicht nur fortwährend weiterzubilden, sondern auch die Begründung, warum wir den Dienst an der Waffe verweigern, zu verinnerlichen und ihn gegenüber dem Prüfungsausschuss zu verteidigen. Dazu reichte man einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung ein beim Kreiswehrersatzamt (ja, solch ein Amt mit einem solch scheußlichen Namen gab es), legte ein polizeiliches Führungszeugnis hinzu und schrieb eine entsprechende Begründung, denn das Recht auf die Verweigerung ist ein Grundrecht. Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst an der Waffe gezwungen werden. Für diesen Satz im Grundgesetz bin ich dankbar, aber das bedeutete damals harte Arbeit.

Ich schrieb nicht weniger als 21 dicht von Hand beschriftete DIN A 4 Seiten voll und wurde dann vor eine Prüfungskommission geladen, deren Auftrag es war, mein Gewissen zu prüfen. Sie saßen zu dritt vor ihrer lächerlich drapierten Deutschlandfahne, zwei von ihnen in Armeeklamotten und sie musterten mich. Einer sagte: "Das ist aber sehr viel, was Sie da aufgeschrieben haben". Ich fragte: "Haben Sie es gelesen?" und bekam keine Antwort. Dann fragte ein anderer: "Was würden Sie denn tun, wenn Sie eine Waffe hätten…" und ich unterbrach ihn noch bevor er seinen Blödsinn zu Ende formulierte: "Der Krieg ist ein Verbrechen an der Menschheit. Ich bin daher entschlossen, keine Art von Krieg zu unterstützen und an der Beseitigung aller Kriegsursachen mitzuarbeiten", entgegnete ich ihm mit der Internationalen. "Bitte sparen Sie sich das Schauspiel", fügte ich hinzu. "Ich werde niemals eine Waffe anfassen, die auch nur eine ihrer Fragen rechtfertigt". Das genügte ihnen und ich wurde vom Dienst an der Waffe befreit – und dafür nicht an die Wand gestellt.

 

 

 

 

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2 Kommentare

  1. Schnörkellos, präzise formuliert. Gefällt mir gut, schöner Text.

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