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Ab und an war’s mir einfach zu wenig Kohle. Dann war es wieder mal an der Zeit, Kalle zu fragen, was er so macht. Kalle hatte immer mal wieder was Neues am Start. Das musste man ihm lassen. Wenn es lange Zeit nichts mehr zu verdienen gab, dann hatte er zuverlässig eine Idee, wie es weiterging. Mal waren es Umzüge, mal waren es Wohnungsräumungen, mal schraubten wir Lautsprecher in Supermarktdecken. Und als ich dieses Mal fragte, scannte er gerade Dokumente und Fotos für die Autobahnpolizei ein. „Coole Sache“, sagte ich, „kann ich da mitmachen“?
Es ging darum, immer ein Datenblatt und mit der zweiten Seite das Blitzerfoto samt Kennzeichen einzuscannen. Datenschutz war kein Thema, nicht mal ansatzweise – auf dem Datenblatt stand die Uhrzeit des Fotos, der Name, die Adresse, das Geburtsdatum und der Geburtsort vom Autobesitzer. Der ideale Job für einen Stalker. Auf der dritten Seite war eine Vergrößerung des Fotos, auf dem der Fahrer zu sehen war. Manchmal war das Foto so schlecht, dass es auch ein Känguru oder ein Waschbär hätte sein können. Dann gab man über ein Tastenfeld eine Vorgangsnummer ein, die auf dem Datenblatt stand und der Scanner wandelte das auf Microfilm. Die Firma, die uns den Job bezahlte, brauchte die Scanner tagsüber, also mussten wir nachts arbeiten und jede Nachtschicht brachte so um die hundertfünfzig Öcken – das konnte sich schon sehen lassen.
Es war einsam nachts. Wir gaben’s dem Scanner und redeten nicht viel. Manchmal sah ich mir die überraschten Gesichter an. Ausgesprochen dämlich sahen die oft aus. Auf einigen konnte man erkennen, dass es gleich blitzt. Angstvoll starren Mariettas Augen auf die Straße oder genau auf den Blitzkasten und dann FLASH – frontal auf die Frontscheibe. Solche Fotos waren immer lustig und die besten davon schoben wir auf die Seite, um sie uns vor der nächsten Rolle gegenseitig zu zeigen. Wer die schlimmste Panikfresse fand, gewann das nächste Freibier, wovon wir für die langen Nächte so einige im Kühlschrank bunkerten. Wenn wir dann morgens nach Hause schwankten, waren wir müde, angesoffen, aber auch immer noch beschwingt von unserem kleinen Wettbewerb.
Ansonsten war da nachts nicht viel los. Die ungefähr Klavier-großen Maschinen brummten und ratterten vor sich hin, immer mit so ’ner Art Ventilatorengeräusch und wenn wir beide zugleich den Maschinen was zu fressen gaben, dann war da eine ätzende Lärmkulisse, der uns auf Dauer nervte. Schon in der zweiten Nacht brachte ich meinen fetten Ghettoblaster mit und gemeinsam mit dem Bier und den lustigen Schreckgesichtern gab das eine wohltemperierte Kneipenstimmung ab, nur die Frauen fehlten halt. Von denen hatten wir zwar die Namen und Adressen und sogar das Alter, aber was fängst du mit dem Wissen an, dass Carla aus Niederwürzbach letzte Woche zu schnell am Autobahnkreuz Frankfurt-West durchrauschte?
Außerdem kam dann wie es kommen musste, denn ich bin einfach kein Typ fürs immer gleiche und dann auch noch konzentrierte Arbeiten. Ich sah mir diese Walzen an, zwischen die ich die Papiere schob und wie sie immer am Rollen nach dem nächsten Papier gierten. Schlierfs, machte das Papier, wenn ich es gerade reinkriegte und Schlürps, wenn es einen Knick hatte. Da musste man aufpassen, weil die mussten da ja alle gerade rein für den Mikrofilm. Ab und zu blieben die Dinger auch stecken, wenn ich nicht aufgepasst hatte, weil ich gerade ein neues Bier entkorkte. Oder ich setzte das Teil schief an, weil ich mich exakt in dem Moment in ein hübsches Bild verliebte. Die sah ich mir schon genauer an, die jungen Damen. Sonst war ja nix los hier in der Kneipe. Wenn es mal wieder nicht weiterging, musste man die Walzen hochklappen, das Papier wie aus einem Kopierer raus ziehen und dann irgendwie glatt bügeln.
Wenn die Fahrer so richtig mies aussahen, wie Ganoven auf der Flucht oder Godzilla auf Speed, dann lohnte sich ein Blick aufs Datenblatt: Wenn nämlich Kalle auch ein Horrorbild fand, entschied über den Sieger der Nacht letztlich, welcher Gasfuß am schnellsten war. Und da hatte ich oft was am Start. Ich meine, 54 km/h nachts um drei auf der Autobahn zu schnell – welches Motiv steckt dahinter? Kam Rainer von seiner Freundin und seine Alte zuhause sollte das nicht wissen? War Bleifuß-Rolf ein Testfahrer und musste bis morgens auf der Teststrecke sein? Klemmte das Gaspedal fest? So als Ausgleich für den Stau tagsüber?
Irgendwann ließ auch die letzte Begeisterung nach. Nach einigen Nächten übelster Panikgalerie schaute ich gar nicht mehr so genau hin, wen ich da zwischen die Walzen schob. Das Papier machte immer öfter Schlürps und nicht mehr Schlierfs, aber das war mir inzwischen egal. Kalle hingegen war langsamer damit, aber seine Ergebnisse stellten den Chef zufrieden – das machte den Unterschied. Und was fast noch schlimmer war: Wenn ich tagsüber bei Kalle auf der Couch schlief, verfolgten mich die schlimmsten Gesichter im Traum. Die wenigen hübschen Mädels hingegen vergaß ich sofort wieder. Sehr frustrierend. Ich träumte, der Richter fragt mich ständig, wie schnell die alle waren. 25 – 35 – 41 – 53 – 5, sagte ich. Was, nur fünf, schrie er – hinfort mit dir, du Wicht. In der nächsten Woche rief der Chef bei Kalle an. „Kalle, du kannst deinen Job behalten“, hörte ich ihn durchs Telefon, „aber der andere“, schnaubte er in den Hörer, „hinfort mit ihm“! Ich hatte einfach zu viele zu schräg auf den Film gebracht, aber jetzt reichte die Kohle wieder eine Weile.
Kalle und ich waren eigentlich ganz gut im Team. Aber er fühlte sich auch immer ein bisschen dafür verantwortlich, was er mir so anbot. „Also ganz ehrlich, frag mich nächsten Monat nochmal“, sagte er, „ich halt das hier auch nicht mehr lange durch“. Das schätzte ich sehr an ihm.
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