Als der Fußball noch Fußball war

Heute, während der Ball bei der WM 2026 rollt, werden Spiele wegen der Werbepausen in vier Viertel geteilt; unterwirft sich die FIFA einem Diktator; entscheidet die KI über Erfolg und Misserfolg. Dann denke ich gern zurück an die Zeiten, in denen ich das Spiel so sehr liebte.

„Ich verliebte mich in Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: unvermittelt, unbegreiflich, unkritisch, ohne einen Gedanken an den Schmerz oder den Schaden, den er mir zufügen würde.“ Diesen wunderbaren Satz schrieb Nick Hornby in FEVER PITCH und fürwahr, so kam es, wie bei Millionen und vielleicht Milliarden anderer Verrückter auch.

Was ich über den Fußball vor den 1970ern weiß, weiß ich nur aus Erzählungen oder aus Dokus. Die WM in Mexico 1970 war die erste, von der mir mein Vater erzählte. Davon und von den sagenhaften zehn Buden, die Gerd Müller damals machte. Als Fünfjähriger traf ich im Kindergarten alle Tore ein zweites Mal, genau so wie sie mir erzählt wurden. Ich ballerte alles, was sich dort ballern ließ, so dass alle anderen die Köpfe einzogen. „Tante Gaby“, wie wir die Kindergärtnerin nannten, bremste mich aber ständig aus und nahm mir die Pille weg. Aber sonst wusste ich noch nichts von den Spielen und einen Fernseher – vor 55 Jahren – den hatten wir eh noch nicht. Zur EM 1972 konnte ich aber die Namen der Jahrhundertelf schon runterbeten – vor allem weil die meisten davon vom FC Bayern waren. Denn als wir endlich einen dieser riesigen Röhrenfernseher hatten, waren es die Bayern, von denen ich das erste Spiel sah. Es war das Landesmeister-Viertelfinale 1973, als die Bayern von Ajax Amsterdam aus dem Europacup gekegelt wurden. Vom Fußball dieses Abends weiß ich nicht mehr viel, aber die Massen im Fernseher waren voll am Ausrasten! Sie klatschten und schrien und feierten wenn die Tore fielen, manche völlig in Extase. Und dieses Bild wollte ich bei meinem ersten eigenen Stadionbesuch natürlich auch sehen. Da war ich gerade acht Jahre alt und sah den heimischen FCS in der Regionalliga, was damals noch die zweithöchste Spielklasse in Deutschland war. Mein Vater überraschte mich damit, obwohl wir damals schon gar nicht mehr viel zusammen unternahmen.

Wenn mich nicht alles täuscht, ging es gegen Wormatia Worms und das Spiel endete 2:2 – was ich vorhin nachschauen musste, da ich wieder nichts mehr vom Spielverlauf weiß. Ich war einfach nur beeindruckt von all den Emotionen rundherum, das Geschrei, die Wut, die explosive Freude bei den Toren, so dass ich die ganze Zeit die Männer um mich herum beobachtete und gar nicht das Spiel. Mit einem Ticket ins Stadion Teil dieser ausgeflippten Masse zu werden, faszinierte mich. Das nächste Spiel, an das ich mich erinnere, war wieder eines im Fernsehen: Das Landesmeister-Finale im Europacup, 1974 im Mai. Bayern München hatte sich eher glücklich bis ins Finale gespielt und trat gegen Atletico Madrid an. Es sah nicht gut aus für meine Mannschaft, denn nach dem 0:0 ging es in die Verlängerung und sechs Minuten vor Schluss ging Atletico mit 1:0 in Führung – alles schien vorbei. Doch dann traf ausgerechnet Katsche, der als Vorstopper noch nie getroffen hatte, mit einem Knaller aus dreißig Metern in der letzten und hundertzwanzigsten Minute zum Ausgleich. Ich flippte völlig aus und führte einen solchen Freudentanz auf, der beinahe den Fernseher gekostet hätte, es war das pure Glücksgefühl. Das Rückspiel ging 4:0 an uns. Von jetzt an war kein Halten mehr in meiner Begeisterung fürs Kicken. Die Fußball WM 1974 nahte – in Deutschland – mit dieser Mannschaft und sieben Spielern vom FC Bayern, das musste doch einfach klappen.

Als Kind brachte der Fußball solch heftige Emotionen aus mir, dass ich bei der Niederlage gegen die DDR (die für mich im Übrigen ein fremdes Land war wie jedes andere auch), weinen musste, als der Schiedsrichter abpfiff. Und als wir später das Finale sahen, auf dem Farbfernseher meines Onkels, da blieb mir jede einzelne Spielszene über Wochen und Monate im Gedächtnis. Noch heute, wenn das Spiel im Dritten als Vorprogramm zur WM läuft, erinnere ich mich an alle Emotionen, an die Wut, an die Angst, an die Freude, die dieses Spiel in mir auslöste, an jeden Zweikampf der gleich folgt. Natürlich war es Gerd Müller, mein Held, der zum Sieg traf und später in der Schule, wenn wir uns nachmittags zum Kicken trafen, da wollte jeder der kleine dicke Bomber der Nation sein. Aber wenn wir ehrlich sind waren die Niederlande klar stärker und letztendlich war es schon glücklich damals.

Was bleibt von diesen Gefühlen heute übrig, wenn wir die WM 2026 sehen? Wenn sich Neymar schon auf den Boden wirft und stirbt, bevor er überhaupt berührt wurde? Wenn nach dem Tor erst mal minutenlang gecheckt wird, ob einer mit dem großen Zeh im Abseits stand? Wenn einer rot sieht, weil er die Hand vor den Mund hielt? Wenn ständig alle reklamieren, weil sie beim Gegner den Ball auch nur in der Nähe von Schulter oder Arm sahen? Wenn überhaupt grundsätzlich alles angezweifelt wird, was der Schiri entscheidet? Der Fußball ist schneller, athletischer, taktisch raffinierter geworden und er brachte in den letzten 55 Jahren unfassbar wendige, intelligente, starke Fußballer hervor, die in den 70er Jahren vermutlich die Superhelden gewesen wären – sofern sie das erste Foul von Katsche überstanden hätten. Das Spiel hat sich inzwischen komplett verändert und vieles daran mag faszinierend sein. Aber emotionaler wurde das Spiel ganz sicher nicht.
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