Job Nr. 19

Es war eindeutig einer der schlechteren unter den beschissenen Jobs, aber ich hielt ihn monatelang durch. Ich steuerte meinen Kadett morgens um halb vier durch die menschenleere Stadt und schlief noch auf einem Auge dabei. Gegen Vier hatte ich die Badewanne am Straßenrand vor dem Koloss der Speditionshallen geparkt und torkelte schlaftrunken in die Dispo. Von Arbeitsschutz hielten sie hier nicht viel. Alle Minute rauschte ein anderer LKW rein oder raus aus dem Gelände am Büro vorbei und man war froh, seinen Arsch schon mal heil dort rein zu bringen. Ab jetzt musste man hellwach sein. Es ging zu wie im Taubenschlag. Jeden Tag neue Gesichter. Zuerst musste man zum Einsatztableau und sich dort die sechsstellige Nummer des Fahrzeugs neben seinem Namen suchen, sie sich merken, und damit zur Verteilerstelle mit den Papieren: Ein riesiges Papierfächersystem, geordnet nach den Nummern vom Tableau und da drin die jeweiligen Ladepapiere. Für manchen von uns war das schon eine Herausforderung für sich. Also liefen die Jungs oft wie die Ameisen hin und her, nur weil sie ihr Fach nicht fanden oder sich die Nummer drei Sekunden lang nicht merken konnten.


Die Papiere in der Hand, musste man sie auf Vollständigkeit kontrollieren. Erst nachschauen, ob alle Einzelaufträge auf der Verladeliste obenauf standen und dann ob alle Einzelaufträge komplett waren. Falls der Verladezettel eines Auftrags fehlte, konnte man davon ausgehen, dass es sich um eine Palette Videorekorder oder ähnliches handelte, was man prima als "vom LKW gefallen" verkloppen konnte. Irgendein Gauner war dann wieder schneller gewesen und wer jetzt mit unvollständigen Papieren die Dispo verließ, war gefeuert – so waren die Regeln. Kein Schwein erklärte einem das mit den Papieren vorher. Es stand irgendwo im Vertrag im Kleingedruckten und niemand von uns hatte das Zeugs je gelesen. Der Trick dahinter war, dass man sich eine wertvolle Ladung aus nem Fach fischte, die Palette als erstes in seinen LKW verladen ließ und dann wieder in die Dispo zurück kam, um sich seine eigenen Aufträge dazu laden zu lassen. Der Auftrag ohne Verladezettel landete wieder im fremden Fach. Echte Profis. Das Kontrollsystem bestand lediglich darin, dass der Gabelstaplerfahrer bestätigte, die Palette verladen zu haben – und genau der Zettel war ja fahrerseitig nicht mehr da. Die Stapelfahrer kassierten Provision, indem sie die Paletten in die LKWs der Diebe schoben und das Papier dann verschwinden ließen. Mehr war nicht zu tun. Und die Anfänger mussten dafür bluten ohne zu wissen, was sie falsch gemacht haben. Der Kram war einfach weg und der Job auch.


Wenn die Papiere in Ordnung waren, holte ich mir die Schlüssel für den Truck. Der Disponent saß hinter ner Glasscheibe und rückte die Schlüssel auf Zuruf raus. Es erinnerte mich an den Puff im Bahnhofsviertel. Wenn der Hänger dran war, musste man den zuerst beladen lassen und wer schon mal 'nen Hänger rückwärts an eine Rampe bugsiert hat, damit der Stapelfahrer reinrollern konnte, der weiß, dass man das nicht beim Brötchenholen lernt. Wenn du den Lenker beim Rückwärtsfahren nach links oder rechts führst, folgt Dir der Hänger nur kurz und überdreht dann auf der Anhängerkupplung. Die Kunst dabei ist, in den Lenkbewegungen hin und her auszubalancieren, denn wenn der Hänger mit dem Hintern in der Kurvenfahrt weiter nach rechts muss, musst Du vorne rechtzeitig nach links rudern – aber nur bis zur Reaktion des Hängers, dann wieder zurück. Die Königsdisziplin war es, mit Hänger rückwärts in einer längeren Kurve gleichmäßig so zu rangieren, dass man ausgangs der Kurve das Ding wieder in der Reihe hatte. In den Innenstädten mit den parkenden Autos links und rechts musste man das drauf haben. Es gab schließlich keine Alternative  – außer aufgeben und nach Hause gehen. Mit jedem Tag ging es besser. Das Gespann ohne Korrektur rückwärts in eine Einfahrt zu bugsieren, gelang mir zum ersten Mal nach einer Woche. All das war learning by doing. Kein Schwein fragte Dich nach Fahrpraxis. Man legte den Führerschein hin und war quasi eingestellt, denn wir alle waren nicht bei der Spedition, sondern bei Subunternehmern beschäftigt. Und von einem Tag auf den anderen bugsierst Du ein 12-Meter-Gefährt durch die City.


An der Rampe suchte man sich einen der Gabelstaplerfahrer. Das waren echte Heißsporne. Es machte ihnen Spaß mit dem Stapler durch die Halle zu rasen, enge Kurven mit hoher Geschwindigkeit zu reißen und sich den Weg frei zu hupen. Einen von denen mit Kleinaufträgen auf sich aufmerksam zu machen, erforderte Connections, die man sich wiederum mit Provisionen von Waren erkaufte, die vom LKW fielen. Es war ein Scheißspiel. Ich stand da und blickte hilfesuchend um mich und um mich herum Verkehr wie am Times Square, aber keiner hielt an. Also stellte ich mich mutig in den Weg und zwang den Stapelfahrer zur Vollbremsung, was meist funktionierte, aber halt nicht immer. Man musste auf Zack sein, um hier zu überleben. Wenn es funktionierte, drückte ich ihm die Papiere in die Hand und hoffte darauf, die Stadt noch vor Sonnenaufgang hinter mir zu lassen. Wenn alles im Truck drin war, lieferte ich die Empfangspapiere in der Dispo ab und kriegte 'nen Ausfuhrschein vom Gelände. Das war deren Art von Kontrolle – Hauptsache, den Job richtig gemacht. Jetzt noch den Fahrtweg zusammenstellen: Duisburg, Essen und über Belgien zurück. Oder nach Rostock und dann auf dem Rückweg in Bielefeld was aufladen. Oder nach Wien und direkt wieder zurück. Oder sonstwohin. Ob man das mit einer Zehn-Stunden-Schicht überhaupt schaffen konnte, war der Spedition egal – das war Sache des Subs. Und der stattete natürlich keinen der Trucks mit zwei Fahrern aus. Dafür aber mit jeder Menge Fahrscheiben für den Fahrtenschreiber und einer ausführlichen Anleitung, wie man die Dinger manipuliert. So war das und jeder wusste das. Und niemanden scherte das irgendeinen Dreck.


Dann raus auf die Autobahn. Der einzige Moment des Tages, an dem sich ein Gefühl von Zufriedenheit einstellte. Man schob die Kassette in den Player, goss was von dem Schwarzen in den Becher und steckte sich eine an. Dann die Karre auf knappe 90 hochziehen und rollen lassen. Wenn man es schaffte, vor Sieben am Frankfurter Kreuz vorbei zu sein, konnte nicht mehr allzu viel schief gehen. Nur nicht zu schnell werden. Weniger wegen den Fahrtenschreibern, die tauschten wir alle zwei Stunden aus und sie mussten in einem ziemlich vertrackten System mehrmals wieder eingelegt werden. Es war mehr wegen den installierten Blitzgeräten. Es brauchte einige Wochen, bis man sie auf den Stammstrecken drauf hatte: Am Kasseler Kreuz Richtung Norden, auf dem Kölner Ring Richtung Aachen, am Dietzener Hang undsoweiter undsofort. Und das musste man auch wissen, denn man blieb einfach auf den Kosten sitzen. Ein Autobahnfoto kostete fast einen Tageslohn und mehrere den Job, weil man dann 'ne Zeit lang die Pappe abgeben musste. Dann die Sache mit den Innenstädten. Zur Rush-Hour durch's Ruhrgebiet zu fahren und erst nachmittags um Fünf beim Kaufhof in Dortmund eine Palette Irgendwas abzuladen, war kein Vergnügen. Oft standen die Anlieferer Schlange mit riesigen LKWs voll, die entleert werden mussten und nicht selten hatten diese Kaufhäuser ihre Zulieferer-Rampen in den viel zu kleinen Innenstadtgassen und dann nur einen Stapler und einen Packer, was oft stundenlanges Warten bedeutete. Wenn man morgens dran gedacht hatte, die Ladung richtig verteilen zu lassen, ließ man den Anhänger vor der Stadt stehen. Aber man musste sich immer nach vorne betteln mit seiner popeligen einzigen Palette oder höchstens mit zweien, die für das gleiche Ziel vorgesehen waren. Und wenn dann der Typ an der Rampe ein Säufer oder ein Depp war, was auf's Gleiche rauskam, zählte der die 240 Einzelpackungen dreimal durch mit drei verschiedenen Ergebnissen. Es war kein Zuckerschlecken.


Wenn man konditionell am Ende war, gab es drei Möglichkeiten: Kurz zwischenschlafen, Hallo-Wach-Tapes oder eine Nase Speed. Da sich aber keiner von uns in diesem verschissenen Job von seinem Hungerlohn Drogen leisten konnte und diese Pillen nie wirkten, aber auch keiner Lust hatte, statt im Bett auf dem Fahrersitz zu schlafen, blieb nur Kaffee oder sich gezielt im richtigen Maß zu betrinken und ab nach Hause. Nicht selten fiel man nach vierzehn Stunden "vom Bock" und schnurstracks ins Bett, um dann um halb vier morgens darauf wieder in der Dispo die Aufträge zusammen zu suchen. Bezahlt wurde nur, solange man fuhr. Du konntest Dich krank melden, aber wenn Du länger als drei Tage nicht am Start warst, war der Job Geschichte. Die Disponenten riefen einfach beim Sub an, der dann einen anderen aus dem Bett klingelte oder selbst fahren musste, was seine Laune nicht verbesserte. Also wurde man nicht krank. Ich kannte Kollegen, die sich quasi am Lenkrad auskurierten. Sie saßen ja schön warm und eine besondere physische Anstrengung erforderte das Fahren nicht. Ein dauerhaft bleibendes Problem war halt die Gefahr des Einschlafens, insbesondere bei den Kranken. Hin und wieder hörte man, den oder den hat es hier oder da erwischt und dann sah man ihn nicht wieder.


Eines Abends rief ich Höhe Hildesheim beim Disponenten an, weil ich die Ladung nicht mehr los wurde. Es waren mehrere Staus und schon kurz vor Sechs und ich konnte es unmöglich bis zur Annahmefrist nach Bremen schaffen. Der Disponent fackelte nicht lange: "Du fährst mit den Papieren nach Göttingen zur Zufall-Spedition und lädst da ab" – und schon war er wieder weg. Idiot, dachte ich. Verarschen kann ich mich selber. Ich stieg wieder in den Sessel und fuhr weiter Richtung Bremen, bereit, eine Nachtschicht wegzuschlafen. Nach einer Weile war ich mir nicht mehr sicher, ob er mich wirklich nur ärgern wollte, also hielt ich an der nächsten Raststätte wieder an und wählte die Nummer ein zweites Mal. "Was ist?" herrschte er mich an. "Spedition Zufall, ja?" fragte ich spöttisch zurück. "Adresse?" war die Antwort. "Ja?" war die vierte Frage des Gesprächs. Er sagte die Adresse an und legte wieder auf, ohne die Antwort abzuwarten. Idiot, dachte ich schon wieder – jetzt hatte er sich auch noch 'ne Adresse ausgedacht! Bevor ich wieder einstieg, besorgte ich mir in der Raststätte einen Sechserpack Bier, öffnete die erste Flasche noch auf dem Parkplatz und zog sie in zwei Zügen durch. Es ging mir jetzt entschieden besser. Dann ging ich mit der Gewissheit, ohnehin erst morgen weiterzufahren, zu einem der Kollegen und lud ihn auf den Rest des Vorrats ein. Es war ein Tscheche, der aber ganz passabel deutsch sprach. Wir leerten die Flaschen und tauschten ein paar Horrorgeschichten aus und zum guten Schluss gab ich die Pointe mit der Spedition Zufall zum besten. Er grinste mich an, wie jemand nach drei Bier grinst und sagte: "Na klar gibt's die. Göttingen". Ich zögerte im Hinblick auf den Heimschlaf keine Sekunde, bedankte mich und lenkte den Wal zum Zufall, hielt an der nächsten Tanke und sorgte für ausreichend Vorrat. Nach drei Monaten Tortur schmiss ich hin, um den Job Nr. 20 anzunehmen, was den Sub in keiner Weise beeindruckte.

 

 

 

 

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Ein Kommentar

  1. Gelesen am 06.11.17 im Cafe Cralle, Text 2

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