Erbsenzähler

Erbsenzähler

Obwohl wir kaum was hatten, fehlte es mir an überhaupt nichts. Ich kann mich einfach nicht daran erinnern, dass ich unter irgendwas gelitten hätte, was ich nicht besaß. Als Kind nahm ich alles so, wie es kommt und wenn etwas nicht da war, war es nicht da. In den Ferien durfte ich abends länger aufbleiben und an manchen Tagen fuhr ich mit dem Rad ins Schwimmbad und blieb dort den ganzen Tag über von früh morgens an bis abends zur Schließung. Mir wurde einfach nie langweilig, selbst wenn ich ganz alleine war.

Einmal war ich zu Besuch beim Sohn des Direktors der Bank, in der meine Mutter als Datenerfasserin versklavt war. Er hatte ein elektronisches Schiffe-Versenken-Spiel, bei dem man, wenn man mit dem Stift auf seiner Seite auf das richtig Quadrat tippte, ein Explosionsgeräusch hörte und wenn man daneben traf, ein Wasserplatschen. So was Fantastisches! Wir spielten den ganzen Nachmittag über, aber ich hatte zu keinem Zeitpunkt den Wunsch, so was selbst haben zu wollen. Drei Tage später dachte ich schon nicht mehr dran. Ein anderer hatte von seinem Vater Armeen von Zinnsoldaten, Hunderte von einzeln modellierten Figuren, mit denen er irgendwelche Schlachten nachstellte. Wir schoben den ganzen Tag über die Figuren hin und her, aber ich wollte das nie selbst besitzen. Dass das Zeugs 'nen Haufen Geld kostete, war mir nicht mal bewusst. Ein Dritter hatte ein Spiel, mit dem man auf einer Spielmatte, die ein Fußballfeld darstellte, mit einer Fußballerfigur einen Ball hin und her kicken konnte und mit einer anderen Torhüterfigur Tore verhinderte. Je nachdem, ob der Ball mit seiner schwarzen oder seiner weißen Seite liegen blieb, wechselte das Kickrecht. Wir spielten die ganze Fußballbundesliga mit allen Spielen des Spieltags rauf und runter und notierten sorgfältig die Ergebnisse. Manchmal ging ein Spiel sensationell mit 9:6 oder mit 7:7 aus und wir kommentierten beim Spiel unsere Spielzüge selbst, während wir uns mit Superlativen überboten. Es war ein großer Spaß, den wir liebten. Aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, meine Mutti zu fragen, ob ich sowas haben kann. Es war ja auch so da. Nur eben nicht in unserem Haushalt.

Als Einzelkind hatte ich gelernt, mich stundenlang mit den geringsten Dingen zu beschäftigen. Oft führte ich Listen über das, was ich gerne tat oder über das Wetter der letzten drei Wochen. Es gab einfach immer was zu notieren: Meine besten Freunde, meine ganze Verwandtschaft, die schönsten Straßen unserer Stadt, mein liebstes Gemüse, ich schrieb einfach alles auf, zwängte es in Lieblingslisten und ich führte über alles Statistik, sogar über den Inhalt meines Glases voller Himbeerbonbons. Dazu benutzte ich einen Trick, den mir Opa beigebracht hatte. Ich zählte die Bonbons einmal in die eine Richtung, dann in die andere und dann die Reihe hoch und rechnete mir das Ergebnis aus. Dann nahm ich das Glas, leerte es aus und zählte sie. Und fast immer stimmte das Ergebnis. Ich war sehr stolz auf diesen Trick, den ich meinen Cousinen und Cousins und Freunden vorführte, indem ich still rechnete und dann das ziemlich genaue Ergebnis präsentierte, was mir stets Bewunderung einbrachte.

Dass andere Kinder in den Ferien zum Teil über Wochen verschwanden, nahm ich zwar wahr, hinterfragte es aber nicht. Sie waren einfach 'ne Weile nicht zu sehen. In den Ferien war halt schulfrei, es war stets warm und es gab genug zu tun. Ich spielte Fußball auf dem Sportplatz neben dem großen Garten meines Opas. Oft ganz alleine. Ich legte mir den Ball auf den Elfmeterpunkt oder auf die Strafraumlinie und schaffte es manchmal, den Ball zehnmal nacheinander an die Latte zu knallen. Oder ihn mit hohen Schüssen ständig in der Luft zu halten. Manchmal rief mich Opa, damit ich ihm bei der Ernte helfe. Die ganzen Kohlköpfe, Erdbeeren, der Spargel, der Spinat, die Kartoffeln, die Bohnen, all das war ohnehin für Mutti und mich und ich dachte nicht darüber nach, dass wir kaum was hatten und damit unseren Speiseplan bestritten. Ich sammelte das Gemüse ein und abends fuhren wir mit Opas Moped nach Hause. Aber ich wusste exakt, wieviele Kartoffeln ich in den Eimer gefüllt hatte und notierte mir das Ergebnis zuhause. Opa lenkte das Motorrad, Mutti saß hinten und ich dazwischen in umgekehrter Fahrtrichtung, meine Beine über denen von ihr und sie klammerte sich an ihrem Vater fest. Ich dachte jahrelang, dass man nur so mit dem Moped fahren kann und dass das so sein müsste. Es war mein Highlight des Tages, ich genoss den schönen, warmen Fahrtwind des Sommerabends. Helme hatten wir natürlich keine und die Ernte baumelte in Eimern am Lenker links und rechts und hinten gab es noch einen Platz für einen dritten Eimer auf einer Art Gepäckträger.

Etwa drei oder vier mal schickte mich Mutti aber doch während der Ferien mit einer Jugendgruppe der Arbeiterwohlfahrt auf Tour. Dann ging es in irgendwelche Jugendherbergen oder Naturfreundehäuser. Es gab dort so viel zu sehen und zu tun und zu spielen, dass ich hinterher richtig froh war, wieder zuhause in Ruhe meine Listen zu führen oder den Ball auf dem Sportplatz an die Latte zu knallen. Sobald ich was in der Gruppe machen musste, wurde es mir irgendwie unbequem. Man musste dann mit den anderen was zusammen erreichen, freundlich zu seinen Mitspielern sein, andere motivieren, Teamgeist beweisen und gemeinsam über Tore und erzielte Punkte jubeln und all sowas. Ich machte sowas nicht gerne, vor allem wenn wir nicht gewannen. In einem der Jugendlager gab es abends ein Gewinnspiel, welches mit den Nachbarhäusern, in denen auch lauter Ferienkinder übernachteten, gemeinsam veranstaltet wurde. Es gab eine Tombola, an der ich nicht teilnahm, weil ich das dafür einzusetzende Taschengeld mit den Preisen verglich und es schien mir nicht attraktiv genug, für 50 Pfennig vielleicht ein Quartettspiel oder zehn Schokowaffeln abzuräumen oder wenn man Pech hatte, nur einen Radiergummi.

Aber auf dem Tombolatisch stand eine riesige Glasvase, die voll gefüllt mit Erbsen war und wir alle sollten schätzen, wie viele Erbsen sich darin befinden. „Da sind 10.000 drin“, rief einer. Ein anderer sagte, „mehr als 500 können das nicht sein.“ Wieder jemand anders meinte, da seien unendlich viele drin. Die meisten sahen sich das Glas nur kurz an und schrieben dann irgendeine Fantasiezahl auf den Zettel. Auch die Erwachsenen schauten das Ding keine Minute an und schrieben dann irgendwas auf. Ich aber erinnerte mich an die Himbeerbonbons im Glas zuhause. Wie oft hatte ich sie schon mit der Raumzählmethode geschätzt, um das Ergebnis irgendwie überprüfbar zu machen! Nun hatte ich aber nur ein einziges Literglas und 64 Himbeerbonbons, da konnte man richtig liegen oder es waren halt 62 oder 66.

Ich betrachtete mir das Ding aus der Nähe. Es waren mächtig viele Erbsen und noch eine halbe Stunde Zeit, bis der Wettbewerb zu Ende war. Ich fing an zu zählen. Glücklicherweise war das Ding ungefähr eckig. 17 in der Breite, 17 in der Tiefe. Das stimmte also soweit. Jetzt musste ich sie noch hoch zählen. Ich nahm mir einen der Stühle, die rumstanden und setzte mich direkt vor die Glasvase. Es muss lustig ausgesehen haben, so als ob jemand die Erbsen aus nächster Nähe betrachtet, weil er noch nie welche gesehen hat. Während des Zählens kam ich dauernd aus dem Takt. Immer wieder wurde ich unterbrochen, weil irgendein Arsch kam und rief „Haha, der zählt die einzeln, der Wahnsinnige“ und ähnlich unqualifiziertes Zeugs. Einmal war ich schon bei 81, als ich die Reihe aus den Augen verlor. Nach einer Ewigkeit schaffte ich es endlich. Ich notierte mir die Zahl und multiplizierte sie mit 17 und dann nochmal mit 17. Allein dafür brauchte ich mehrere Anläufe, weil die Serviette, die ich dazu benutzte, mit dem Übertrag der Zahlen kaum ausreichte.

Dann notierte ich mit meiner bestmöglichen Schrift auf dem Teilnahmezettel: „Heute am soundsovielten um soundsoviel Uhr, rechtzeitig vor der Stimmabgabe und ohne Hilfe gezählt: 33.524 Erbsen! Gezeichnet; Name, Vorname, Wohnort, Adresse, zur Zeit wohnhaft da und da, in der und der Feriengruppe, in dem und dem Zimmer, Betreuer heißt soundso. Ich schrieb einfach auf der Rückseite weiter. Dann betrachtete ich mir das Zettelwerk sehr zufrieden, dachte aber dann, es sei zu kleinlich, die genau errechnete Zahl hinzuschreiben und rundete im letzten Moment noch großzügig auf 34.000 Erbsen auf.

Abends verkündete der Leiter der Jugendfreizeit, man komme nun zur großen Verlosung des Hauptgewinns und alle Schüler des Ferienlagers lauschten aufmerksam der Ansprache, nachdem alle Tombolagewinne verteilt waren und die große, riesige Erbsenzahl verkündet wurde. Zuerst kamen diejenigen, die nahe dran waren, aber selbst der Drittplatzierte und der Zweitplatzierte waren weit davon entfernt. Dann sagte der Mann, jemand habe mit einer unglaublichen Genauigkeit geschätzt, damit aber knapp daneben gelegen, 34.000 Erbsen geschätzt und rief meinen Namen auf. Ich freute mich wie Bolle und stand unter großem Applaus der anderen Schüler auf, schritt zur Bühne und holte meinen Gewinn ab. Es war ein riesiger Malkasten mit einhundert verschiedenen Farbstiften, was natürlich ein treffendes Geschenk für ein Kind mit Farbsehschwäche war, das noch nie ein Bild malen wollte. Aber das war mir egal, denn der Gewinn war umsonst und ich war der Star des Abends. Dann sagte der Jugendleiter noch, die genaue Anzahl sei 33.524 Erbsen gewesen, aber so genau könne das ja keiner schätzen.

Ich litt Jahre lang darunter, dass mir die Geschichte nie jemand glauben wollte. Aber zuhause hatte ich was zu erzählen.

 

 

 

 

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