Klassenkampf

Klassenkampf

Immer wenn es mir mit dem Hartz IV nicht reichte, schaute ich mich nach dem nächsten Job um. Im letzten hatte ich ohne nennenswerten Erfolg Wohnungen verscherbelt. Dieses Mal musste es ein größeres Rad sein, soviel stand fest. Mein Ziel war es, möglichst viel Geld zu verdienen, bevor jemand merkte, dass ich eigentlich gar nicht arbeiten wollte. Verkaufen fiel schon mal aus. Erstens hatte ich davon genug und zweitens versprechen sie einem das Blaue vom Himmel und hinterher stehst Du an der Broilerbude und bist froh, wenn Du Dir Dein Abendessen leisten kannst. Es gab viele Stellen, die hätte ich sofort genommen, aber was nützt es, wenn Du rechnen, lesen und schreiben kannst, sie aber Fachidioten suchen, die eine Lizenz zum Fahrstuhlfahren haben. Nein, dieses Mal musste es was Großes sein, ich wollte anschließend genug Ruhe haben, um mich davon zu erholen. Also studierte ich den Jobmarkt. Mir fiel eine Anzeige auf, deren ganzer Text darauf schließen ließ, dass auch die Gegenseite ein sehr großes Rad drehen wollte. Es ging darum, für einen großen Computerkonzern ein neues Produkt am Markt zu platzieren, eine extra für das Produkt entworfene, deutschlandweite Help- und Service-Hotline einzurichten und Service-Upgrades zu verschachern, die teurer waren, als die Produkte selbst. Der Konzern suchte einen, der die ganze Sache vor Ort klar machte. Ich nahm mir das Briefpapier meines Maklernetzwerks, beschrieb mich in einem Fantasiezeugnis als der Mann, der alles klar macht, unterschrieb mit einem Fantasienamen und schickte den ganzen Krempel samt einem Lebenslauf, der vor Erfolg nur so strotzte, los.

Eine Woche später kam ein Anruf aus der Zentrale. Genau in dem Moment, in dem ich auf meiner PlayStation einen neuen Streckenrekord im Gran Turismo schaffte. Ich ging ran und wollte wissen, wer stört. Man wisse, dass ich vielbeschäftigt sei, begann eine aufregend junge und weibliche Stimme das Gespräch, aber man schlage mir in großer Hoffnung drei Termine vor und würde sich freuen, wenn ich einen davon realisieren könne. „Nun“, sagte ich, während ich mit dem Butterbrotpapier vom Kiosk auf dem Frühstückstisch raschelte, „Sie haben Glück. Eben cancelte ein Investor einen Termin, nun könnte ich den für Sie einrichten“. „Da wird sich Dr. Chester aber freuen“, sagte das junge Weibsbild. Das klang nach einem englischen Namen, also suchte ich nach dem Gespräch den Lebenslauf ab, ob ich meine Englischkenntnisse mit fließend angegeben hatte. So war es natürlich. Es blieb noch eine Woche, so investierte ich in den darauf folgenden Tagen etwas in einen Intensivsprachkurs, damit ich das Interview auch in Englisch bestehen würde. Wie sich herausstellte, lag ich damit goldrichtig. Neben Dr. Chester, der mich in meinem besten Anzug und der perfekt abgestimmten Krawatte augenblicklich als einen seiner Klasse einschätzte, waren vier weitere Gestalten dabei und lauschten dem Dialog zwischen dem großen Chef und mir. Ab und an nickte einer zustimmend. Ich war einfach dermaßen überzeugt von mir selbst, dass auch sie nicht den geringsten Zweifel hatten. Dann sagten sie, ich solle mich noch einige Tage gedulden, bis sie sich melden, aber ich sah schon, wie Dr. Chester seinen Headhuntern zunickte. Ich war geradewegs auf dem Weg nach oben.

Tags darauf begann ich, mir eine Wohnung direkt neben dem Dienstort zu suchen, denn ich hasste es, für einen Job früher aufzustehen, als unbedingt notwendig. In ein paar Tagen sollten die Vertragsdetails geklärt werden. Es dauerte nicht lange, bis ich fand, was ich suchte. Sie lag keine hundert Meter vom künftigen Arbeitsort entfernt, verfügte über eine Dachterrasse, zwei Bäder, eine komplett eingerichtete Küche und vier Zimmer von jeweils der Größe eines Tanzsaals. Ich sagte dem Vermieter, dass er sich bei mir keine Sorgen um die Miete machen müsse. Ich käme in wenigen Tagen mit einem Koffer voll Geld vorbei, der bis zum Jahresende reiche. Dann kam der zweite Termin mit den drei Entscheidern im Personalamt des Konzerns. Kurz vorm Betreten des Raums zwang ich mich, an das ganz große Rad zu denken, das ich drehen wollte. Sie fragten mich, was ich für den Job haben wolle und ich sagte entschieden und ohne Zögern „60000 plus 30% wenn es gut läuft, dreißig Tage Urlaub und 'nen Dienstwagen“. Sie schauten sich untereinander an. Man konnte es knistern hören. Dann sagte einer der drei, Dienstwagen hätten sie keinen, aber sonst seien sie einverstanden. Ich sah es jetzt ganz deutlich, das ganz große Rad. „Okay“, sagte ich, „Weihnachten bis Neujahr macht den Job aber jemand anders“ und sie nickten alle fleißig. Ich hatte insgeheim das Gefühl, dass ich meine Arbeitslosenhaut zu billig verkauft hatte, aber ich wollte sie nicht verärgern. Dann sagte ein anderer, dass wir den Vertrag in etwa zwei Wochen schließen würden, ich aber vorher noch den Geschäftsführer treffen müsse. „Geht in Ordnung. Sie haben meine Nummer“, sagte ich sehr professionell und verabschiedete mich. Es ging gerade sehr steil nach oben!

Der dritte Termin. Ich hatte noch nie drei Vorstellungsgespräche für einen einzigen Job. Was kann jetzt noch kommen, dachte ich mir, vielleicht schlürfen wir einen Sekt miteinander und dachte an die Geschichten aus Japan, wo sie ihre Geschäftspartner besoffen machen, weil es Tradition ist. Ich wartete im gleichen Vorzimmer, das ich schon von den anderen Terminen her kannte. Die blonde Sekretärin von wem-auch-immer kam und nahm mir den Mantel ab, warf mir ein bezauberndes Lächeln zu und ich wartete auf den großen Meister, den letzten in der Reihe von zwanzig Kopfnickern. Dann ging es los. Ein etwa fünfunddreißigjähriger, sehr smarter Typ mit Drei-Tage-Bart erschien auf der Bildfläche. Es war der erste Mensch, den ich im ganzen Headquarter ohne Krawatte sah. Er begrüßte mich und führte mich in ein gläsernes, kleines Büro in dem nicht mehr stand als ein kleiner Tisch und zwei Stühle. Er sprach englisch, bat mich Platz zu nehmen und schloss dann von innen die Glastür zum Flur, bevor er gegenüber Platz nahm. Es gab kein Wasser, keinen Kaffee, nicht mal irgendwelche künstliche Pflanzen im Raum oder auf dem Tisch. Es gab nur ihn und mich und diese Holzplatte zwischen uns. Während ich langsam begriff, dass dieser Typ da gegenüber der Mann sein musste, auf den ich gewartet hatte, sah ich ihm bei seinen Vorbereitungen zu. Er blickte mich überhaupt nicht an, schlug seine Hemdsärmel sorgfältig von den Handgelenken bis über die Armbeuge hoch, nahm seine goldene Rolex vom Handgelenk und stellte sie auf dem Uhrenband so ab, dass wir sie beide sehen konnten. Dann erst sah er mir direkt in die Augen und sagte mit der festesten und überzeugendsten Stimme, die ich je im Leben hörte: „My name is John. I am from Brussels, Belgium and it’s up to me hiring every leadership personality in Europe. This date is exclusively arranged for you and this your opportunity to convince me. We have ten minutes and not a single second more. From now on“. Und er betätigte den Schalter seiner Stoppuhr.

Ich versuchte den Fluchtreflex zu unterdrücken, zwang mich, meinen Namen zu stammeln und weswegen ich hier war, aber er fiel mir ins Wort und wollte wissen, warum um alles in der Welt ich mich bei all diesen tollen anderen Jobs ausgerechnet hier beworben hatte. Wo es doch kaum was zu verdienen gibt. Ich sagte, ich wäre hier zu Hause und er fragte, wie viel ich verdienen will. Ich versuchte mich zu erinnern, was ich zuvor verhandelt hatte, erinnerte mich aber nicht mehr genau. Während all dieser Zeit sah er mir direkt in die Augen und zum ersten Mal im Leben wich ich einem Blick aus und sah zur Decke, während ich krampfhaft überlegte, ob ich ihm weniger anbieten sollte. Das ergab einen Anblick, der ihn noch mehr befeuerte, Kleinholz aus mir zu machen. „Wie viel“? fragte er. Ich sagte 60000 und er fragte „Wozu?“

Wozu, wozu?“, fragte ich stirnrunzelnd zurück, versuchte mir das selbst zu beantworten, scheiterte aber kläglich. „Wozu eigentlich“, dachte ich, doch dann schnitt er erneut mit seinem Ninjaschwert in die Butter: „Mit oder ohne Steuern?“ fragte er, „mit oder ohne Boni?“ legte er nach. Ich log sehr leise, ich hätte vorher 50000 verdient und das hier sei halt mehr. „Und wenn wir sie feuern?“ legte er nach. Ich verstand den ganzen Sinn der Unterhaltung plötzlich nicht mehr. Wieso sollten sie mich feuern?, dachte ich, sie haben mich ja noch nicht mal angestellt. „Wenn wir Sie feuern“, sagte er, wo wollen Sie dann noch hin?“. Ich verstand schon wieder nichts, aber diesmal war er gnädig und erklärte es mir. „In Ihrem Alter finden Sie doch nie wieder einen ordentlichen Job, wenn das hier schief geht!“, rief er. Endlich dämmerte es mir. John der Belgier. Der europäische Personalchef des Konzerns war hier, um mich fertig zu machen, um zu sehen, ob ich dem Druck standhielt. Ich war die ganze Zeit über vorbereitet gewesen, hatte mir auf alle vernünftigen Fragen in allen Terminen alle Antworten zurechtgelegt, hatte Englisch gebüffelt und jetzt zerlegt dich Ninja-John kurz vor der Ziellinie, dachte ich. „Sie haben 50000 verdient?“, haute er noch einen raus. „Womit denn? Wie viele Wohnungen haben Sie verkauft?“ Ich blieb inzwischen stumm. Ich war darauf einfach nicht vorbereitet. Es schien mir das klügste, durch Verweigerung wenigstens den Anschein zu mimen, beleidigt worden zu sein, als mich noch weiter in die Scheiße zu reiten. „Wie viele Stunden arbeiten Sie in der Woche? Geht das an Ihre Gesundheit? Trinken Sie Alkohol?“, haute er einen Kracher nachdem nächsten raus. Ich saß einfach nur da und wartete, bis es vorbei war.

Dann endlich stellte er die Stoppuhr ab, zog sich das Gliederarmband wieder übers Handgelenk zurück, faltete das Hemd sorgfältig zurück, knöpfte es zu. Jetzt schaute er mich wieder nicht mehr an. Ich stand auf, ohne seine Verabschiedung abzuwarten, verließ das gläserne Büro und lief schnurstracks aus dem Vorzimmer raus, vergaß meinen Mantel in der Ecke und ging zum Fahrstuhl, ohne die Sekretärin anzusehen. Sie kam mir nach und rief den Fahrstuhl mit ihrer Sicherheitskarte, drückte mir meinen Mantel in die Hand und lächelte sehr souverän. Mir war nicht mehr nach Lächeln und ich drückte wieder den Knopf.

Den nach ganz unten.

 

 

 

 

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