Deutschland, einig Vaterland

Deutschland, einig Vaterland

Früher war alles besser! Oder wie Loriot zu sagen pflegte: Früher war mehr Lametta! Die Musik war besser, die Zeiten waren politischer und das Volk war es auch! Jedes Mal, wenn ich so etwas zu mir selber sage oder es irgendwem sonst erzähle, kommt es mir vor wie Altes-Männer-Geschwätz. Dann denke ich darüber nach und stelle fest: Früher war wirklich mehr Lametta! Abgesehen davon, dass so ziemlich jeder Musikstil in den 70ern ausgebaut und kultiviert wurde und dadurch ein ganzer Kosmos neuer Musikrichtungen entstand – was wir damals für völlig normal hielten, weil wir es nicht besser wussten – die Zeiten waren sowas von politisch, das glaubt einem heute keiner mehr, der nicht selbst dabei war. Die Grünen entstanden aus einer Protestbewegung, die sich selbst erfand, die aber auch bitter notwendig war, denn selbst um 1980 herum träumte die Bundesrepublik immer noch den schweren Traum des ordentlichen Gehorsams, der lohnenden Arbeit und sicheren Rente, des schwermütigen Gangs durch die Institutionen. Rund um die Republik und auch mittendrin standen die Raketen, beladen mit Atomsprengköpfen und bereit, die BRD und sämtliche Staaten rundherum in Schutt und Asche zu legen und Europa für viele Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte zu zerstören. Die Dinger wogen schwer auf der Seele, aber nicht auf jeder. Viele reagierten wie die Herdentiere, denn es wird schon alles gut sein, wenn es sogar ein Sozialdemokrat sagt. Helmut Schmidt hatte gerade den deutschen Herbst hinter sich, in dem fast jeden Monat irgendein anderer fetter Kapitalist dran glauben musste und wir, der politischen Heimat beraubt, weil es keine Partei links der SPD gab, es sei denn man mochte in der DKP vom Verfassungsschutz beobachtet werden, uns blieb nichts anderes übrig als entweder den bewaffneten Kampf zu bewundern oder die Gründung der Grünen als ein Zeichen des Himmels zu erkennen. Ich saß mit vielen der ersten grünen Parlamentarier in Sitzblockaden, marschierte mit ihnen in Ostermärschen für eine friedliche BRD und wurde mit ihnen in Schlachten in Wackersdorf oder Gorleben verwickelt. Sie zogen mit selbstgestrickten Pullis, langen Bärten, Nickelbrillen und Sonnenblumen, samt ihren Kleinkindern in ein Parlament der Anzüge und Krawatten ein und stritten am liebsten mit sich selbst. Und heute bereiten sie eine Koalition mit der CDU/CSU und was fast noch viel schlimmer ist, mit der FDP vor. Früher war definitiv mehr Lametta.

Auch ich liebte meinen selbstgestrickten, grauen, dicken Wollpullover. Ihn zierte ein großer, gelber „Atomkraft – Nein Danke“ oder ein weißer „Schwerter zu Pflugscharen“ – Button, die ich beide mit Stolz trug, denn es war ein gutes Gefühl, aktiver Teil einer Bewegung zu sein, um die Welt zu einer friedlicheren zu machen. In Amerika wählten sie einen Schauspieler zum Präsidenten, aber da ahnten wir noch nicht, dass es 35 Jahre später noch schlimmer kommen sollte. Für Reagan war die UdSSR das „Reich des Bösen“ und all die mühsamen, kleinen Schritte der Entspannungspolitik wurden mit einem Handstreich hinweggefegt. Das Gegenteil stand nun auf der Tagesordnung. Von nun an wurden atomare Sprengköpfe gezählt, Startrampen, Cruise Missiles, SS-20 und Pershings. Namen für Mittel- und Langstreckenraketen. Jeden einzelnen Abend in der Tagesschau sah man die stilisierten Kartendarstellungen, auf denen sich die Raketen gegenüber standen und fürwahr, wir hatten Angst. Wie wir Jahrzehnte danach durch Öffnung der amerikanischen Regierungsakten erfuhren, völlig zu Recht. Anfang der Achtziger war die Gefahr eines atomaren Krieges so groß, wie nie wieder zuvor oder danach. Einem Großteil der Bevölkerung war es in der Tat egal, weil sie sich ohnehin ohnmächtig der Bedrohung gegenüber sahen. Viele von ihnen schrieben eine fette, schwarze Zahl auf ihrem Girokonto und kompensierten ihr fehlendes, politisches Engagement damit. Mit den Wahlbeteiligungen ging es stetig bergab, aber die sogenannte Friedensbewegung wuchs und mit ihrem Wachstum riss sie viele von ihrer Couch und ihren Sesseln mit auf die Straße, insbesondere diejenigen, deren sozialer Abstieg besiegelt war. Den Arbeitslosenzahlen konnte man beim Wachsen zusehen. Kernthema der Aufrüstung war der sogenannte NATO-Doppelbeschluss, der besagte, dass große Mengen an Tomahawk und Pershing-II Raketen, bestückt mit atomaren Sprengköpfen, in der BRD aufgestellt werden und gleichzeitig Verhandlungen über die Begrenzung von Mittelstreckenraketen aufgenommen werden. Das war den Russen nicht recht, denn sie verfügten nur über wenige Langstreckenraketen, aber über jede Menge von SS-20 Mittelstrecken-Raketen mit Reichweiten bis 5.000 km, die wiederum gegen den Westen aufgestellt wurden. Die ganze Welt konnte mit der Sprengkraft beider Supermächte dutzendfach plattgemacht werden. Am 10. Juni 1982 demonstrierten mehr als 300.000 Menschen in Bonn gegen eben diesen Beschluss. Wenn Du mal Teil einer solchen Masse warst, dann bewegst Du auch den ganzen Globus, so viel ist sicher.

In dieser aufgeheizten politischen Lage, machten wir mit der Schule 1982 einen Ausflug in den Deutschen Bundestag. Es war üblich, dass Schulklassen die politischen Debatten verfolgen durften. Man machte im Rahmen des Deutsch- oder Politikunterrichts einen Ausflug nach Bonn, unternahm eine kleine Stadtrundfahrt und wurde dann von den Staatsdienern des Deutschen Bundestags, die mit Frack und weißem Hemd wie die Pinguine aussahen, ins Parlament vorgelassen, wo man ein bis zwei Stunden geduldig die Debatten verfolgte. Unsere sollte eine ganz besondere sein, denn Franz-Josef Strauß, der größte Dampfplauderer aller Zeiten, stand als Gastredner auf der Tagesordnung. Und wenn ich Dampfplauderer sage, dann sogar mit allergrößtem Respekt. Es gab niemanden sonst, der mich in so kurzer Zeit mit seinem reaktionären Geschwätz auf die Palme brachte. Und ausgerechnet der König von Bayern, der als Verteidigungs- und Finanzminister die Weichen für die Wiederaufrüstung selbst gestellt hatte, der für den Spiegelskandal verantwortlich war, weil er das Nachrichtenblatt für das Verbreiten der Wahrheit verbieten wollte, der sich aus jeder seiner Verfehlungen mit Lug und Trug befreite, der seinen Freunden ungestraft Millionenaufträge zuschusterte, der den Einkauf der Militärjets Starfighter zum Milliardengrab machte, ausgerechnet der sollte an diesem Tag reden! Thema war der NATO-Doppelbeschluss und Strauß hatte die Aufgabe, die CDU/CSU-Fraktion auf Linie zu bringen. Er sollte als politisches Schwergewicht ein Zeichen setzen, dass diese Republik bedingungslos dem amerikanischen Willen folgen wird. Aber es war längst nicht mehr diese eine, ungeteilte Westrepublik. Ich wusste, was ich zu tun hatte und setzte mich auf der Zuschauertribüne in die erste Reihe.

Franz-Josef hob an und breitete sein Rüstungsgeschwätz aus. Um es abzukürzen: Die da drüben, die Roten, waren der heilige Feind und wenn wir jetzt nicht handeln, werden wir alle noch russische Stiefel putzen. Er kam gerade so richtig in Fahrt, sein Gesicht hatte dann immer so eine glühend rote Farbe, seine Schweinsaugen wurden immer kleiner und verkniffener, seine Wortwahl immer drastischer und sein Kopf ruhte halslos auf seinem Dreifachkinn, nur seine Schultern zuckten auf und ab und stampften den ganzen massigen Körper immer wieder auf das Rednerpodest, als ob er sich mit seinen Gesten selbst mit jedem Satz permanent in den Boden des Bundestags stampft und sich gratuliert für den ganzen Schwachsinn. Je länger er redete, desto mehr vereinten sich seine Worte zu einem schwerfälligen Brei aus Hass und Hetze, jedes Wort ein atomares Geschoss gegen den Weltfrieden. Ich hielt es einfach nicht mehr aus. Die ganze Zeit über zischte ich meinen Nachbarn dies und jenes zu, rutschte unruhig auf dem Sessel hin und her und dann dachte ich, ich muss es einfach tun. Meine Wut ließ mir keine andere Wahl. Und so erhob mich von meinem Zuschauersitz, sofort beobachtet von den Pinguinen und der Klassenlehrerin und stellte mich breitbeinig und standfest für meinen Protestakt bereit. Hätte ich den Mut gehabt, ein faules Ei oder eine Tomate mit reinzuschmuggeln, hätte ich es versucht, aber wahrscheinlich hätte es der Wurf eh nicht bis zur Schweinsbacke geschafft. Immerhin gab es Kameras im Bundestag, welche die Rede ins Fernsehen übertrugen. Mit etwas Glück würde ich es in die Tagesschau schaffen. Ich krempelte meine Ärmel hoch, als ob dadurch mein Stimmorgan gestärkt würde, aber ich brauchte es einfach wie um mich zu rechtfertigen, das Herz klopfte wie wild, aber ich stand ja nun mal schon, also musste ich es auch tun. Die ganze angestaute Wut atmete sich ihren Weg durch den Bauch über meine Muskeln bis zur Stimme und dann tat ich es einfach und schrie so laut, wie ich nur konnte und noch im Augenblick des Schreis erbebte alles in mir, denn ich legte meine ganze Kraft in diesen Ruf, damit der König hört, dass das Volk noch eine Stimme hat: „Du verdammter Kriegstreiber, Du Lügner!“ schrie ich, „Du Schwein! Sieh zu, dass Du Land gewinnst“, legte ich lautstark nach und dann waren sie auch schon da, die Pinguine. Sie zerrten michaus der Reihe und wenigstens für diesen einen Moment, legte Strauß eine kurze Pause ein und einzelne Abgeordnete drehten sich nach oben zur Tribüne. Ich ließ mich wehrlos abführen und wurde in einen etwa 4 x 4 m großen Raum gebracht, indem lediglich ein Stuhl und ein Tisch stand. Hier sollte ich auf irgendwen warten. Langsam, sehr langsam, beruhigte sich mein Puls wieder.

Mir passierte überhaupt nichts. Ich war nicht mal volljährig. Ein paar Ermahnungen vom Sicherheitsdienst des Bundestags und schon war wieder alles vergessen. Nur die Schulleitung fühlte sich bemüßigt, einen weiteren blauen Brief zuzustellen. Aber die sammelte ich sowieso. Wie andere Lametta am Baum. Früher war mehr davon, das kann ich Euch sagen!

 

 

 

 

*************

 

One response to “Deutschland, einig Vaterland”

  1. Klausi sagt:

    Gelesen am 9.10. im Café Cralle, Text Nr. 3

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.