Samstagnachmittag

Samstagnachmittag

 

Wir trugen das ganze Zeugs in den LKW. Vorratsschränke, Sessel, Couchtisch, Regale, Teppich, Bett, alles was so übrig bleibt und keiner mehr haben wollte aus einer Wohnung, in der jemand verstorben ist. Ich kannte sie nur flüchtig. Sie war irgendwie um drei Ecken mit mir verwandt, aber ich bin mir heute nicht mal sicher, ob ich sie je sah. Die Wohnung musste geräumt werden und jemand der sie näher kannte, wusste, dass ich zu jedem Job bereit war. Also besorgte ich mir den Kastenwagen und füllte ihn gemeinsam mit Lennart, der auch zu jedem Job bereit war. Die Karre war bis unters Dach mit der Einrichtung der Toten gefüllt, als wir damit fertig waren. Da niemand das Zeugs haben wollte, musste es zur Deponie entsorgt werden und Lennart sagte, „das geht da nach Gewicht“ und ich sagte, „das wird teuer“.

Dann fuhren wir hin. Zahlen musste man erst hinterher. Der Bursche im Pförtnerhaus winkte uns auf eine Metallbühne. Sie wogen einem den vollen Laster und wenn man rauskam, zogen sie das Leergewicht davon ab. Wir ließen die Karre wiegen und fuhren dann den steilen Weg zur Müllhalde hoch. Oben standen sie schon und warteten. Es waren mindestens ein Dutzend und es war beängstigend. Was sie anhatten, war schwarz vor lauter Dreck und sah danach aus, als ob die Klamotten seit Wochen auf ihnen klebten. Lennart und ich wussten nicht, was auf uns zukam. Aber es würde unangenehm werden. Ihre Schuhe waren durchgetreten und ihre Haut wirkte, als ob sie seit Ewigkeiten keinen Wasserkontakt hatte. Noch bevor wir aus der Kabine raus waren, zogen sie hinten die Klappen auf und schauten in den Kasten, ob es was zu holen gab. Wir schwenkten die Klapptüren links und rechts vollständig auf und sie zerrten alles aus der Karre raus, ohne dass wir einen Handschlag dafür tun mussten. Es war ein erbärmlicher Gestank, der vom Müll her rührte, aber wir konnten diese armen Schweine trotzdem noch zusätzlich riechen, der Gestank setzte sich in ihren Kleidern unlösbar fest. Das hier oben, das war ganz unten. Ich schämte mich augenblicklich für einen Wohlstand, den ich objektiv gar nicht besaß.

Als alles rausgezerrt war, beeilten wir uns damit, wieder abzuhauen. Lennart vergaß sogar, die Tür an seiner Seite wieder zu schließen. Wir hatten nicht viel zu bieten außer Sperrholz, aber ich sah im Rückspiegel, wie zwei sich um einen Nachttisch stritten, den von uns keiner mehr haben wollte, nicht mal drüber nachdachte. Wir redeten keinen Ton miteinander. Unten an der Rampe zahlten wir irgendwas um die zwanzig Mark und immer noch sagte keiner einen Ton. Der Deponiearbeiter nicht, weil er einen Scheißjob hatte und wir nicht, weil es uns die Sprache dazu fehlte. Es gibt diese Müllhaden heute nicht mehr. Sie sind längst geschlossen oder plattgemacht oder beides. Und mit ihnen auch die, die davon lebten. Ich denke oft an diesen Tag zurück. Und die Bilder in mir sind heute noch so deutlich, dass ich mich an jede Szene dieser Horrorshow erinnern kann. Wir waren nicht in Bangladesh oder in Bangkok, nicht in Birma und auch nicht in Burkina Faso. Das hier war der Alltag in der Bundesrepublik Deutschland anfangs der Achtziger. An einem beliebigen Samstagnachmittag, während im Radio die Bundesligakonferenz lief und irgendwer sich fluchend damit abmühte, zwei schwere Einkaufstaschen voll Lebensmittel in seine Wohnung in der dritten Etage zu schleppen.

 

 

 

 

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