Coke!

Coke!
Bild von Gaby Stein auf Pixabay

Die Arbeit in der Fabrik war stumpfsinnig und öde. Es ging darum, zwölf Kilo schwere Getriebegehäuse auf das Laufband der Maschine zu wuchten und sie auf der anderen Seite des Bands, wenn die Roboter sie bearbeitet und geformt hatten, wieder runter zu heben. Sechs Stück davon passten in eine Gitterbox rein. Dann fuhr ich die Box mit einer Ameise zur Werkbank und hob die Gehäuse wieder einzeln auf den Tisch, bearbeitete sie an vierzehn verschiedenen Stellen von Hand nach, in dem ich die Metallgrate an den Bohrlöchern abschnitt und hob sie dann wieder zurück in die Box, um sie anschließend an der nächsten Maschine abzustellen. Dann alles wieder von vorn. Die Prozedur wiederholte sich ungefähr vierundzwanzig Mal und dann war Feierabend. In der Maschinenhalle stank es nach Öl, Ruß und Bohrmilch, die Metallflocken tanzten umher und ich verwette meinen Arsch darauf, dass ich nach ein paar Jahren ernsthaft krank geworden wäre und irgendwas mit Krebs oder Lunge oder Augen oder Ohren gehabt hätte. Oder mit der Nase, doch davon später. Es gab auch Frauen in der Fabrik, aber ich sah nie eine davon. In unserer Halle waren es nur Männer und sie arbeiteten genauso wie die Roboter und Maschinen, die sie bedienten: Gleichgeschaltet, stoisch, unaufgeregt. Ich wäre fast vor Ödnis gestorben. Aber es gab dieses Wahnsinnsgeld am Ende des Monats, obwohl ich mit dreißig Mark Stundenlohn ganz unten am Rand der Pyramide stand. Der Tariflohn schraubte sich mit jedem Spätdienst, Nachtdienst, Samstag oder Feiertag in unglaubliche Höhen, weil sich die Zuschläge addierten. Wer an einem Sonntag nachts arbeitete, wenn der Sonntag zusätzlich noch ein Feiertag war, kam auf einen 240%igen, astronomischen Stundenlohn und so strich ich mehrere Monate nacheinander fünfstellige Monatsgehälter ein. Für die stupideste Arbeit, die man sich vorstellen kann. Vielleicht aber auch gerade deswegen. Wohin mit dem ganzen Geld? Es dauerte einige Wochen, bis auch ich drauf kam…

Es gab mitten in diesem ganzen Lärm und Gestank, der sich zusammen wie eine kaum begreifbare, riesengroße betriebsame Kakophonie darstellte, einen regen Handel mit Kokain, der so strikt und sauber organisiert war, wie ihn kein Akkord zerstören konnte. Es sprach bloß niemand drüber. Deswegen dauerte es so lange, bis ich dahinter kam. Natürlich koksten sie nicht alle. Manche von ihnen bezahlten auch Häuser, Autos, Schulden oder Kinder mit ihrem gigantischen Lohnzettel ab. Aber für uns, die wir nur für sich selber schufteten, um gut über die Runden zu kommen, wir hatten weitaus mehr Geld, als man sinnvoller Weise ausgeben konnte. Und das war auch die logische Konsequenz, warum es in der Fabrik alle möglichen Drogen gab, der Handel mit dem Nasenpulver florierte aber am besten. Mit einer ordentlichen Nase Koks hielt man den Stress viel besser durch. Und hundert oder hundertfünfzig Mark in der Woche auszugeben, um sich die Wartezeit bis zum nächsten Gehalt zu erleichtern, erschien mir ein angemessener Beitrag. Ohne Zeugs schien die Zeit immer stillzustehen. Die Gehäuse waren schwer. Nach der Arbeit war ich platt und übermüdet, fiel ins Bett und kam kaum noch in die Gänge, so dass der Tag quasi nur aus Fabrikarbeit bestand. Aber mit einer ordentlichen Linie Koks verging die Zeit wie nichts und ich fühlte mich fit, konzentriert, hatte gute Laune und am Ende der Schicht noch genug Energie, um den Feierabend angemessen zu begießen. Mit der Zeit lernte ich andere in der Fabrik kennen, die auch die Nase im Wind hatten und so manches Mal – egal ob der Feierabend spät abends oder erst morgens war – fuhren wir noch gemeinsam zum stundenlangen Tanzen und Feiern. Trotzdem waren wir wieder pünktlich am Fließband. Mit der gleichen Energie und dem gleichen Schwung wie am Tag vorher. Ich kam jetzt mit viel weniger Schlaf aus und begann tagsüber mit allen möglichen Projekten, auch wenn ich nachts wieder arbeiten ging. Die Zeit begann, mein Freund zu werden.

Anfangs war ich noch ängstlich, wie viel ich dafür ausgeben sollte und wie ich überhaupt drankam, wer es mitkriegen könnte und wie gefährlich es sein würde, dadurch den Job und das Geld zu verlieren. Aber alles war so perfekt organisiert, dass es sich schon ab der ersten Lieferung als überraschend entspannt herausstellte. Ich gab die Bestellung auf, indem ich einem bestimmten Kollegen ganz beiläufig beim Essen in der Kantine erzählte, in dieser Woche Hundertfünfzig übrig zu haben. Später sprach mich jemand in der Halle an, den ich nicht kannte und sagte „Ich krieg noch Hundertfünfzig Mark von Dir“, so als ob er es mir früher mal geliehen hätte und ich gab ihm das Geld einfach. In den riesigen Hallen gab es Welche, die mit kleinen Klappfahrrädern durch die Gänge fuhren und ich wusste nie, was die zu tun hatten. Aber wenn ich bezahlt hatte, kam immer einer von denen neben meiner Werkbank zum Stehen, meistens nachts und drückte mir wortlos den Stoff in die Hand. Das war alles. Es gab für mich keine Namen, keine Quelle, keine Fragen oder sonstwas von Interesse. Von außen betrachtet hatte ich nie das Gefühl, dass sich auch nur ein einziger Kollege dafür interessierte, was ich da trieb. Und andererseits war es so perfekt, dass die Vertriebskanäle bis in alle Hallen und Ecken der Fabrik organisiert sein mussten.

Auf Koks ging die Zeit trotz stumpfsinniger Arbeit und dem Herumwuchten von Getriebegehäusen ziemlich schnell vorbei. Auch so manches andere stellte sich im Handling als überraschend verändert heraus. Einmal fuhr ich zum Motorkart-Rennen und zog vor dem Start eine beachtliche Linie Koks und damit eine konzentrierte Runde nach der anderen. Ich verbesserte mit jeder Überquerung der Ziellinie meine Rundenzeit. Nachdem ich die Strecke fünf bis zehn Mal abgefahren hatte, fand ich mit Ehrgeiz heraus, an welchen Stellen ich immer noch ein bisschen mehr Gas geben konnte, ohne wegzurutschen. Und dann fuhr ich die Strecke mühelos wie auf Schienen ab, jedes Mal noch ein bisschen riskanter und noch ein bisschen genauer und nahm so in jeder einzelnen Runde exakt eine Zehntelsekunde von der Rennzeit runter. Ich war wie Schuhmacher im Rennfieber, fühlte mich einfach unbesiegbar und ich denke, ich war es auch. Das Kokain schärfte die Sinne und machte mich unempfindlicher gegen alle Einflüsse von außen, gegen Geschwätz und Lärm und sonstige Nervereien und mir wurde ziemlich schnell klar, welche Art von Sucht es auslöste, sich überall plötzlich unbesiegbar und stark für Zehn zu fühlen. Sogar fürs Schachspielen brachte es was, aber man musste diese Bullet-Modi mit ein bis drei Minuten Bedenkzeit pro Partie spielen, weil sich das Hirn sonst langweilte und einen Großteil der Zeit mit Ungeduld beschäftigt war, bis der andere endlich zog. Fürs Turnierschach war Koks völlig unbrauchbar, weil es viel zu lange dauerte. Alles, was langsamer als fünf Minuten Bedenkzeit pro Partie war, langweilte mich zu Tode. Nur Action brachte Satisfaction!

Schließlich rettete mich, dass der Geldstrom unerwartet versiegte. Der Arbeitsvertrag lief nach zwei Jahren in der Fabrik aus und sie verlängerten ihn nicht aus dem paradoxen Grund, dass ich noch mehr Geld verdienen sollte. Ich weigerte mich nämlich einfach, meine Einsatzzeiten auf Wochenenden und Feiertage zu schreiben, weil es ohnehin schon mehr Geld war, als ich trotz einem beachtlichen Nasendurchsatz ausgeben konnte. Die Richtlinie der Fabrik war, dass sich jeder an allen Tagen etwa gleiche Zeiten einträgt und es nutzte mir nichts, damit zu argumentieren, dass sich die anderen schon überall eingetragen hatten. Der Chef wollte es einfach so. Ich hätte mein Kreuz noch zusätzlich setzen müssen, obwohl es schon genügend Irre gab, die das freiwillig machten und die Kohle nötiger hatten. Und so erfuhr ich ausgerechnet von einem der Drogenkuriere, dass sie meinen Vertrag nicht verlängern würden. Damit fand meine Connection natürlich auch ein Ende, soviel war klar. Also bestellte ich nochmal ordentlich in die Vollen und verabschiedete mich für den Rest meiner Laufzeit in einen Krankenschein, den ich außerordentlich konzentriert und voller Energie verbrachte. Letztendlich war es kein Grund zum Jammern. Ganz im Gegenteil fühlte es sich in mehrfacher Hinsicht nach Rettung an. „Keine Arme, keine Kekse“, scherzten wir früher in der Schule.

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