Alles wie immer

Alles wie immer

Mittags entdeckte ich das Konzertplakat für den Abend. Django Edwards, der rockende Clown war in der Stadt! Das konnten wir uns nicht entgehen lassen. Also rief ich den Metzger an, wir kauften uns Tickets und sattelten die Räder, denn es stand völlig außer jeder Diskussion, dass wir diesen Abend nüchtern verbringen würden. Nicht bei Django. Nicht so mit dem Metzger. Auf gar keinen Fall. Mit dem Metzger hatte ich manches Konzert hinter mir. Meist lief es darauf hinaus, dass wir während dem Rock'n'Roll zügellos dem Alkohol und den Halluzinogenen zusprachen, um den Abend anschließend in der Eckkneipe unserer Wahl zu beschließen, wo es dann auch nicht mehr drauf ankam, ob man stumm an der Theke stand oder lallend die Hitparade der zehn Top-Konzerte aller Zeiten zum Besten gab und es war dort meist eh so verraucht, dass ein Joint mehr oder weniger nicht auffiel. Als wir an der Konzerthalle ankamen, stellten wir fest, dass wir die Fahrradschlösser vergessen hatten. Ich lehnte meins an das Verkehrsschild, das am nächsten zum Halleneingang stand. Es erschien mir logisch, das Rad so auffällig wie möglich zu platzieren. Hier, unter Flutlicht der Hallenleuchten, würde jeder Dieb zumindest gesehen werden. Nicht so der Metzger. Unter den hundert Fahrradplätzen auf dem Parkplatz suchte er sich zehn Minuten lang denjenigen aus, den er für den geeignetsten hielt, aber mir war gleich klar, dass das schief gehen sollte. Und so kam es dann auch.

Django legte eine fast dreistündige Performance hin. Wir tanzten, wir lachten, wir tranken, wir rauchten. Das Bier war günstig, schmeckte großartig und der Haschischdampf legte sich in großen, schweren Wolken auf uns nieder, breitete sich in uns aus und als die dritte Zugabe anstand, waren wir absolut breit. Ein rundum gelungener Abend bis dahin, aber dann begann eine Serie von, naja, unglücklichen Ereignissen, für die wir bei einer Reihe von Statisten für immer in Erinnerung blieben. Es begann damit, dass wir unsere Räder suchten. Ich fand meins. Es stand unberührt an der exakt gleichen Stelle, wo ich es vor dem Konzert abstellte. Der Metzger begann schwankend nach seinem zu suchen und griff sich nacheinander mehrere Räder raus, die er jeweils für seins hielt. Endlich schwang er sich auf eins und ritt in Schlangenlinien auf mich zu. Es war nicht seins. Aber unter bestimmten Rahmenbedingungen waren wir uns einig, gerne mal den einfachsten Weg einzuschlagen, wenn er zum Ziel führte. Ganz egal, was die Nebenwirkungen waren.

Nun, die Nebenwirkung des falschen Fahrrads war zu offensichtlich, als dass man sie hätte ignorieren können. Ganz abgesehen davon, dass wir uns blau wie die Veilchen und hackebreit ohne Licht durch den abfließenden Besucherverkehr schlängelten, rief mir der Metzger irgendwas unverständliches hinterher, was wie "mein Rad ist besser als deins" und "hau ab, du Witzbold" klang. Ich maß dem zunächst keine Bedeutung zu, zudem ich vollauf damit beschäftigt war, niemanden umzunieten. Aber er rief es noch zwei, drei Mal und als ich stehenblieb und mich umsah, klemmte irgendeine armselige Figur am Gepäckträger des Metzgers und mir wurde schlagartig klar, dass wir wieder zurück zum Parkplatz mussten, denn mit der Bremse am Heck würden wir nicht weit kommen. Ich hielt an und sah dem Metzger bei den Verhandlungen zu. Er wollte dem Besitzer des Rades klar machen, dass der einen großartigen Tausch machte, wenn er nur das Rad des Metzgers fand, von dem wir gerade vorhin nicht mal ansatzweise eine Ahnung hatten, wo es stand. Aber der Fremde verstand das nicht, vermutlich weil er im Erkennen der dechiffriert lallenden Sprache nicht ausreichend geübt war. Ich kehrte um, klärte die Sache mit der Aussicht auf ein Freibier und wir begannen die Suche erneut. Wie sich herausstellte, brauchten wir nicht lange zu suchen. Das Rad kam zu uns. Und zwar auf dem gleichen Weg, auf dem der Bremsklotz sein Rad wiederfand. Der Metzger erledigte das auf seine Art und Weise. Gefühlte drei Sekunden später waren wir wieder im Sattel.

Als wir endlich aus dem Gewühl in Richtung Ausgang des Platzes abbogen, hielten uns die Grünen an. Wir hätten kein Licht, meinten sie, was uns bis dahin noch gar nicht aufgefallen war. Und besoffen seien wir auch, also sollten wir unsere Räder gefälligst stehenlassen oder schieben. Wie sie das mit dem "Besoffen" rausfanden, war uns nicht so ganz klar. Aber nochmal die Gefährten ohne Schloss stehen lassen, kam nicht in Frage. Also stiegen wir ab und schoben die Dinger. Die Polente überholte uns im VW-Bus und bog oben am Ende der Straße ab. Ich schob den Berg hoch. Nicht so der Metzger. Als sie um die Ecke waren, stieg er wieder auf und trat kräftig rein. Also folgte ich ihm. Genau bis zu der Ecke, um die sie abgebogen waren. Da standen sie dann und hielten uns erneut an. "Wir wussten ja ganz genau, dass Ihr wieder damit ankommt", riefen sie triumphierend, drückten uns die Visitenkarte der Dienststelle in die Hand und kassierten die Drahtesel ein. Verdammt. "Die lernen halt auch dazu", sagte ich zum Metzger. Fußmarsch war nun angesagt.

Unterwegs füllten wir den Pegel mit einem Fußpils von der Tanke wieder auf und entdeckten dann, es war etwa Mitternacht, den örtlichen Wienerwald – zwei ganze Hinkel mit Pommes und dazu ein leckeres Löwenbräu, das war genau das, was wir jetzt brauchten! Mit einem Bärenhunger erwarteten wir die verführerisch duftenden Brathähnchen. Und da waren sie! Lecker krustig gebraten! Ich machte mir nicht mal die Mühe, das mitgelieferte Besteck anzufassen, sondern machte mich direkt daran, das Geflügel hastig mit den Fingern auseinander zu brechen und ließ es mir schmecken. Nicht so der Metzger. Er nahm das Besteck und machte einen auf Tischregel, indem er sich mühte, das Vieh sauber zu zerteilen. Natürlich ging es schief. An einer Stelle zerrte er, die Gabel tief in der Hühnerbrust mit der Faust fixierend, am Schenkel rum und versuchte, das Messer bis durch den Knochen zu führen und <Zack!> flog das halbe Hinkel durch den Saal und zwar exakt bis unter den Nachbartisch zu Füßen des nun voll auf unsere Anwesenheit fixierten Pärchens. Ich sah den Metzger an. Er sah sich das Geflügel auf dem Boden an. Dann stand er entschlossen auf, schritt souverän zum Nachbartisch, rief laut "Entschuldigung, darf ich mal eben, das gehört mir", drückte die Knie der Frau am Nachbartisch mit seinem Unterarm beiseite und nahm das Hähnchen vom gefliesten Boden auf, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, brachte das Teil zurück zum Teller und legte von neuem damit los, es zu zerteilen. Jetzt hatte es Stil, mit dem Besteck weiterzumachen, wie ich fand. Er brachte es schließlich wortlos fertig, das Essen mundgerecht kleinzuschneiden, legte das Besteck zur Seite, leerte den Krug Bier bis zur Hälfte und nahm dann doch alles mit den Fingern.

Dann zogen wir weiter. Die Nacht war noch jung, in den Taschen war noch Kleingeld, der Klotz war noch nicht aufgeraucht und der Mond begleitete uns. In unserer Kneipe war noch gut Betrieb, denn es war Wochenende. Ich ging zur Theke und orderte zwei Bier und zwei Zigarren für den Metzger und mich. Der Typ neben uns schwankte, sah mich aus glasigen Augen an und schob drei Spielkarten, von denen zwei deutlich an den Ecken eingeknickt waren, über den Tresen zu uns hin und lallte zu uns rüber. "Ischkann'saubern, willsu'ma'sehn?". Also alles wie immer. "Egal, was Houdini hier noch drauf hat. In der B-Note", sagte ich zum Metzger, "gehört Django schon mal zu den Top3-Konzerten aller Zeiten".

 

 

 

 

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One response to “Alles wie immer”

  1. Klausi sagt:

    Gelesen am 25.09.17 in der Flora 16 , Text 1, als Themenbeauftragter "mondsüchtig"

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