Was wirklich zählt

Was wirklich zählt

Bild: Berliner Mieterverein e.V.

Die Bude kostete 200 Mark im Monat. Sie bestand aus einer Küche und einem Zimmer. Insgesamt nicht mehr als 30 Quadratmeter. Das Klo war außen. Man ging dazu vom Hausflur aus in eine kleine Kammer, die kaum größer war wie ein Katzenklo. Es war mir egal. Ich war 17, ich wollte von zuhause raus und obwohl ich kaum 600 Mark im Monat hatte, war’s mir das wert. In die Küche stellte ich einen Ofen, den ich beim Trödel für fünfzig Mark erstand. Die Ofenrohre gab es gratis dazu und sie passten auch, ich musste sie dazu nur in einem kleinen Umweg anpassen. Das kann ja nicht schaden, dachte ich mir, dann ist mehr Heizfläche im Raum. Vom Kohlenhändler in der Straße nebenan ließ ich mir Briketts und Steinkohle liefern, als Anzünder diente selbst gesammeltes Holz aus dem Park in der Nähe oder von den Straßenbäumen nebst dem ganzen Werbekram, der immer im Briefkasten lag. Ich wurde immer besser darin, den Ofen schnell und effektiv auf Touren zu bringen. Im Winter kam ich spät nachts nach Hause und feuerte das Teil an und wenn man genug Zugluft drauf gab, schaffte man es, die Bude in weniger als zwanzig Minuten von 0 Grad auf 30 Grad hoch zu heizen. Eben noch kam man im Mantel und in Stiefel frierend nach Hause und nach ein paar geübten Handgriffen musste man sich bis auf die Unterhose ausziehen und die Scheiben beschlugen so sehr, dass man nichts mehr nach drinnen oder draußen sah. Das Ofenrohr glühte heiß und rot, es donnerte und machte den Raum binnen Minuten zur Sauna.

Das Klo lag eine halbe Etage tiefer. Im Winter hätte man mit dem Heizstrahler, den ich aufgestellt hatte, vorplanen müssen, um sich für einen gemütlichen und warmen Schiss niederzulassen, aber das gelang mir nie. Ich wartete immer bis auf den letzten Drücker und saß dann frierend und zitternd und oft bei Minusgraden auf der Schüssel in meiner Presskammer. In einem Winter war ich mal drei oder vier Tage bei der Frau meiner Wahl, weil ich es zu schätzen wusste, wenn man sich nach einer heißen Dusche neben einer Heizung auf die Schüssel setzen konnte, um dort in Ruhe auszubrüten. Als ich wieder nach Hause ging, weil das Wetter langsam besser wurde und ich genug von ihr hatte, stand der Hausflur unter übelriechender Brühe, weil der Winter die Rohre zufrieren ließ und mit dem ersten Tauwetter die Kloschüssel platzte. Es dauerte bis zum Abend, die Sauerei wegzuwischen. Ich kehrte anschließend reumütig zu ihr zurück, um mir dann eine neue Schüssel zu besorgen, die ich sogar ganz ohne Klempner austauschte. Immerhin, so dachte ich mir, wieder was dazu gelernt.

In der Küche gab es lediglich ein einziges Waschbecken. Es war eins von diesen flachen, fast eckigen, großen Becken und es diente mir als alles Mögliche. Ich wusch mich selbst und meine Klamotten darin, ich spülte mein Geschirr dort, es diente im Sommer als Kühlbecken fürs Bier und wenn ich an kalten Winterabenden pissen musste, war mit der Weg nach draußen viel zu kalt und weit. Da ich keinen Kühlschrank hatte, kühlte ich meine Sachen außen auf der Fensterbank. Im Sommer musste man halt drauf achten, was man einkaufte. Aber alles ging ganz wunderbar, ich gewöhnte mich dran. Ohne Dusche und ohne Badewanne besuchte ich einmal die Woche, gewöhnlich samstags, das örtliche Hallenbad, wo sie Badewannen stundenweise vermieteten und man konnte sich für zwei Mark einmal so richtig durchwaschen und wunderbar gepflegt und duftend in den Samstagabend starten. Ich war in Kneipen, Jazzbars oder Diskotheken unterwegs und es gab einem so richtig was aufs Selbstvertrauen, äußerst gestriegelt und gebürstet auf die Piste zu gehen. Das hatte was. Ich nahm mir immer mehr als zwei Stunden Zeit für die Prozedur der Waschung und Salbung und hinterher fühlte ich mich wie neu geboren.

Das Zimmer stellte ich in den drei Jahren, in denen ich es dort aushielt, mehrmals um. Ich schlief zunächst auf einer mir überlassenen Schlafcouch aus den Fünfzigern, in deren Holzkasten meine zahme Ratte Ingo immerzu Vorräte anlegte, obwohl ich das Tier nie vernachlässigte und ihm immer gut zu fressen gab. Ich lebte tagelang, ja wochenlang, von Christstollen zum Frühstück (einer hielt zwei Tage), von Nudeln, die es am Abend mal mit, mal ohne Soße gab und von rauen Mengen Bier, das ich mir nachts zuführte. Aber Ingo kriegte stets die feinsten Quarktöpfchen aus dem Supermarkt oder die Reste vom Imbiss, wenn ich Schnitzel oder Hähnchen mit Pommes nach Hause brachte. Das Zimmer war mit einer höchst komplexen Kombination aus elektronischen Verschaltungen versehen. Weniger, weil ich zeitlebens ein Musikfreak war und bin und alles, was ich erübrigen konnte in HiFi-Equipment und Platten investierte, sondern mehr, weil ich während des Lehrberufs, den ich zum Schein des ordentlichen Lebens gegenüber meinen Eltern und Verwandten aufrecht erhielt, morgens aufstehen musste.

Ich hörte einfach den verdammten Wecker nicht. Es war so schon schwierig genug, aber wenn ich nachts um drei ins Bett fiel, schlief ich wie ein Stein und nichts, rein gar nichts konnte mich zum Leben erwecken. Also verschaltete ich mehrere Zeitschaltuhren auf eine ausgeklügelte Weise miteinander und morgens lief ungefähr folgendes Szenario ab: Zunächst schaltete sich das Radio ein und hämmerte auf Lautstärke Zehn irgendeinen Beat ab. Dann kamen drei nacheinander verschaltete Wecker, welche die unterschiedlichsten und fürchterlichsten Geräusche zu einer Lärmkakophonie abgaben, die ihresgleichen suchte und neben allen Nachbarn im Haus mindestens noch die Häuser nebenan beschallten. Dann setze sich die Kaffeemaschine in Gang, die ich am Abend vorher präpariert hatte und schließlich fuhren sämtliche Lichter hoch, so dass man mit Fug und Recht von Disco reden konnte und zwar einer, die man mit allen Sinnen spüren musste. Nur so schaffte ich es, das Bett zu verlassen und selbst dafür brauchte ich trotz des Lärms und des Lichts gute zwanzig Minuten. Erst nachdem ich ins Becken geschifft, den ersten Pott Kaffee gesoffen und an der ersten Zigarette zog, wagte ich es, ein Auge zu öffnen.

Wenn ich heute dran zurück denke, wundere ich mich, wie ich es mit so wenig Geld schaffte, den Monat zu überleben. Ich hatte meine eigene Wohnung im zweiten Lehrjahr, befriedigte alle meine elementaren Bedürfnisse und es reichte nach dem wöchentlichen Wannenbad sogar noch dazu, abends auszugehen, was selten mit einer Rückkehr vor dem Morgengrauen endete. Ich litt unter überhaupt nichts, hatte meine gemütliche Bleibe unterm Dach, war zufrieden mit allem, was um mich herum und mit mir passierte und konnte tun und lassen was ich wollte. Wenn ich mich am Sack kratzen wollte, tat ich es und in meinem Schrank blühten die unter UV-Licht großgezogenen Marihuanapflanzen, die mir das Wochenende versüßten. Als ich 18 wurde, meinen Führerschein machte und ins dritte Lehrjahr kam, kriegte ich zweihundert Mark mehr, wovon ich mir ein Auto kaufte und das dann noch zusätzlich zu meinem ohnehin fetten und sorgenfreien Leben unterhielt. Mir kam es immer komisch vor, wieso es Leute gibt, die darüber jammern, dass sie keine automatischen Rolläden an ihren Eigenheimen haben. Aber ich erinnere mich daran, dass ich eine verdammt gute Zeit hatte, mit einer sammelwütigen Ratte unterm Sofa und einem Außenklo, auf dem man sich den Arsch abfror.

 

 

 

 

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