Von allem zu viel

Von allem zu viel

Man verliert die Übersicht. Früher kannte ich die Obdachlosen, wenn ich von der Schule nach Hause kam oder abends in der City unterwegs war. Der Typ mit dem Hut, der immer am Ende der Rolltreppe stand und jedes Mal gleich um zwei Mark fragte. Oder den alten Bärtigen mit dem großen Hund, der in der Fußgängerzone saß und nie nach oben sah. Nicht zu vergessen die Verrückte, die irgendwas Unzusammenhängendes vor sich her redete, und mit dem Kleingeldbecher rasselte. Der Geiger, der in der Kaufhauspassage stand und stets das gleiche Stück fiedelte. Sie waren so bekannt, dass ich sie beinahe mit Namen kannte, jedenfalls gab ich ihnen welche. Ich kannte sie seit Jahren und ich wusste, wo man sie fand. Plötzlich änderte sich das. Es saßen immer mehr auf der Straße und hielten die Hand auf. Manche davon sahen so ärmlich aus, dass man einfach nicht ohne schlechtes Gewissen vorbeigehen konnte und oft nahm ich extra Kleingeld mit, um es zu verteilen. Ich hatte selbst sehr wenig, aber offensichtlich immer noch viel mehr, als diese armen Schweine. Dann verschwanden die Obdachlosen, wie ich sie kannte nach und nach und heute sieht es danach aus, als ob es keine unbesetzte Ecke mehr gibt, an der nicht irgendwer steht und nach Kleingeld fragt.

Alles ist zu viel geworden. Es heißt, die Lebensmittelhändler sterben aus, aber überall schießen neue Supermärkte aus dem Boden. Oft sind es gleich zwei oder drei nebeneinander und sie sind alle voll. Vor ihren Eingangstüren gibt es kaum freie Plätze, weil es auch viel zu viel Autos geworden sind. Man sagt, dass sich die Leute nichts mehr leisten können, doch alle fahren sie mit einem Wagen alleine beim Supermarkt vor und ihre Tüten sind voll bepackt, wenn sie wieder raus kommen. Unter den Förderbändern an der Kasse liegen sechs verschiedene Einkaufstaschen und die Fächer müssen ständig nachgefüllt werden. Die Obst- und Gemüseabteilungen haben das Ausmaß von eigenen Märkten. Es gibt sieben Sorten Kartoffeln und zehn Sorten Äpfel, sorgfältig in Cellophan verpackt. Es gibt Tomaten in allen Größen und Packungen und von jeder Art zwei zur Auswahl. Und zuhause angekommen, verkaufen sie alles tausendfach im Internet. Es gibt jetzt nicht mehr eine Stromgesellschaft, es gibt jetzt hundert. Und du denkst dir, mein Gott, ich will doch bloß ein bisschen Saft für meinen Kühlschrank, was soll ich jetzt nur machen? Sie verkomplizieren die Sache derart, dass man ohne extra dazu eingerichtete Vergleichsportale nicht mehr auskommt. Von allem gibt es zu viel. Manche Dinge verschwanden, aber was übrig blieb, gibt es tausendfach. Es gibt tausend Händler für Klamotten, tausend Handytarife, tausend Fernsehprogramme, tausende von Urlaubsreisen, ja sogar tausende von Pornofilmen.

Alles ist ständig abrufbar. Es gibt auch keine Geheimnisse mehr. Niemand kann heute noch sagen „Hey, ich hab' da einen Geheimtipp, dies oder jenes kriegst du nur da“. Was sollte das sein? In einer Welt, in der du alles überall kriegst, gibt es keine Überraschungen und wir gewöhnen uns schließlich an alles. Smartphones mit einer Rechenfähigkeit und Ausstattung von Supercomputern, wie wir sie noch vor zehn Jahren für unvorstellbar hielten, haben eine Halbwertzeit von zwei Jahren. Wenn ein technisches Gerät länger als die üblichen zwei Jahre Garantie durchhält, kann man von Glück reden, aber man kann es meist nicht mehr brauchen. Selbst Angst und Schrecken ist beliebig viel geworden. Als der IS oder einer der übrigen Wahnsinnigen anfing, in Europa zu bomben, da war unsere ganze Aufmerksamkeit noch bei den Opfern. Ich will nicht sagen, es kümmert uns nicht. Aber überrascht das heute noch irgend jemanden? Der wievielte Schul-Amokläufer war es, der neulich in Miami siebzehn Menschen tötete? Alles wird beliebig, weil es zu viel davon gibt.

Unsere Kinder wachsen damit auf, dass es von allem unbegrenzt viel gibt, aber wir wissen, dass es ein Trugschluss ist. Wir können bloß nichts mehr dagegen tun, weil sich das Hamsterrad nicht mehr stoppen lässt. Und es überfordert mich. Ich möchte nicht mehr weiter rennen und permanent altes gegen neues tauschen. Neulich träumte ich, ich müsste für jede Tiefschlafphase ein anderes Bett benutzen, so dass ich damit ganz durcheinander kam und mich morgens von einem speziell für die Aufwachphase konstruierten Wecker andudeln lassen musste, der aber falsch programmiert war! Ich sehne mich danach, mir etwas ganz bestimmtes zu kaufen, was es nur dort gibt, wo ich es kaufe und ich gehe zu dem Händler, drücke ihm das Geld in die Hand und er gibt mir genau das, weswegen ich dort hin gegangen bin. So wie ich früher auf dem Schulweg wusste, die Himbeerbonbons gibt es nur an diesem einen Kiosk. Und ich kaufe welche für bescheidene neunzig Pfennige und den Groschen Wechselgeld von meiner Mark drücke ich dann Heinz, dem Obdachlosen in die Hand. Das fehlt mir einfach.

 

 

 

 

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