Aufrecht gehen

Aufrecht gehen

Prolog: Über diesen Moment habe ich eine Weile nachgedacht. Ob ich ihn als Gedicht oder Story oder sonstwie „künstlerisch“ schreiben soll. Nach alldem bin ich davon überzeugt, dass ich ihn nur so beschreiben kann, wie er mir selbst begegnete.

Sie hat lange, schwarze Haare und schminkt sich jeden Tag sorgfältig. Ihre Stimme ist heller als die eines Mannes, aber nicht in der Tonlage, wie man es für eine Frau erwarten würde. Sie hat eine schlanke Figur, muskulöse Arme und außergewöhnlich starke Schultern. Ihr Busen sieht gar nicht schlecht aus und sie hat einen schönen Knackarsch. Wenn man es ihrem Gesicht nicht ansehen würde, ginge sie als ganz gewöhnliche Frau mit etwas außergewöhnlichem Körperbau durch und nicht als Mädchen, die irgendwann in ihrem Leben bemerkt hat, dass sie im falschen Körper steckt und das ändern wollte. In unserem Fitnessstudio begrüßt sie als Servicekraft jeden Tag die Sportler, stellt Ausweise aus, stellt die Sportgeräte vor und macht auch sonst nichts anderes, als all die anderen Angestellten auch. Ich bewundere sie. Obgleich ich weiß, dass man mit dieser Beschreibung und damit auch der Sicht auf eine Person wie sie, die Ausnahme noch unterstreicht und dadurch das Gegenteil von Normalität erreicht, kann ich gar nicht anders. Wenn ich im Studio bin, schaue ich mich um, wo sie steckt und was sie gerade treibt. Neulich stand ich in der Umkleide, als sie zu uns reinkam. Es gehört zu den Aufgaben der Serviceangestellten, alle Stunde die Umkleiden und Toiletten zu putzen. Es ist normal, dass die Männer in der Umkleide auf dem Weg zwischen Dusche und Umkleiden nackt sind. Das Putzen an sich sehe ich schon eher als unangenehmen Anteil dieser Arbeit an und schon mal grundsätzlich anerkennenswert (wie auch Krankenpfleger, Sanitäter oder Gerichtsmediziner täglich Dinge tun, die niemand freiwillig tun würde), hier ist es aber noch mal besonders mutig. Wie auf Kommando kommen die dümmsten und schwachsinnigsten Sprüche und Witze der Jungs, die sie über sich ergehen lassen muss. Jedes Mal hat sie eine passende Antwort drauf. Ihre Retouren sind nicht nur gut und witzig, sie sind auch genau richtig auf den Blödsinn, den sie zu hören bekommt. Besser wäre freilich, wenn keine Sprüche fallen würden. Ich finde, dass Menschen wie diese Frau Helden oder Heldinnen unseres Alltags sind. Und ich finde auch, dass wir Menschen wie sie in ihrem aufrechten Gang unterstützen sollten und ihnen nicht noch Steine in den Weg legen, indem wir sie ignorieren oder gar behindern – und sei es auch „nur“ durch herabwürdigende Witze. Also nahm ich mir selbst den Mut zusammen, ihr genau das zu sagen: „Hör mal, ich weiß nichts über Dich oder was Du in Deinem Leben schon alles mitgemacht hast. Aber ich finde es bewundernswert, wie aufrecht Du durchs Leben gehst. Wenn alle so wären wie Du, wäre diese Welt eine bessere“. Ich hab selten einen Menschen so strahlen sehen. Made my day!

 

 

 

 

 

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