Video Games

Video Games

Bild: MattGrommes – Flickr, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8638663

Anfangs der Achtziger, als das Leben noch analog verlief und die elektrische Schreibmaschine der heißeste Scheiß war, schossen die Spielhallen wie Pilze aus dem Boden und die Spielautomaten zogen wie ein Feuerwerk in unser jugendliches Leben ein, das wir mit staunenden Augen bewunderten. Die Spielhallen waren der einzige Ort, an dem es Videospiele gab, deren Technik noch lange in den sprichwörtlichen Kinderschuhen steckte, aber sie waren aus unserer Sicht ihrer Zeit weit voraus. Es gab riesige Kästen von der Größe einer Telefonzelle, zur Hälfte aus einem gigantischen Bildschirm bestehend, auf dem man sehen konnte, worum es ging. Am klobigen Kasten darunter war ein Münzeinwurf für eine Mark, was ein stolzer Preis für ein einzelnes Spielvergnügen war, wenn man dreißig, vierzig oder fünfzig Mark Taschengeld im Monat kriegte. Außerdem gab es vor dem Bildschirm einen fest montierten Hebel zur Spielsteuerung und ein bis vier Buttons, auf die man draufhauen konnte.

Wir hatten nach der Schule eh nichts Besseres zu tun. Ziemlich oft schlichen wir uns dort rein und verprassten unser mickriges Geld für Video Games. Sie standen zusammen mit den Geldspielgeräten und einer Reihe von Flipperautomaten in den Spielhallen. Die Geldspielautomaten waren uns völlig schnuppe. Dort saßen immer nur irgendwelche schrägen Typen, die eine Zigarette nach der anderen rauchten und die Münzen verfütterten. Das hatte ich nie verstanden. Und die Flipperautomaten waren ganz okay, aber mit der Action auf den Bildschirmen hielten sie nicht mit. Außerdem konnte so ein Flipperspiel ganz schnell vorbei sein. Aber mit einer Mark, je nachdem wie gut wir das Game beherrschten, hatten wir fünfzehn, zwanzig, dreißig Minuten Spaß, während die Geldspieler gelangweilt eine Mark nach der anderen in die Automaten mit den Walzen warfen. Nie, kein einziges Mal, hatte ich irgendwen mit ’nem großen Gewinn rausgehen oder jubeln sehen.

Die größte Hürde bestand darin, überhaupt in die Spielhalle reinzukommen und auch drin zu bleiben. Wegen der Geldspielautomaten war der Zutritt erst ab 18, aber da es meist eh nur eine einzige Angestellte gab, die zum Wechseln der Münzen hinter ihrer Kassenschublade saß, war es doch eher eine kleinere unter den großen Hürden. Sie hatten in diesen Spielhallen ohnehin kein echtes Interesse daran, uns rauszuwerfen. Die Barhocker vor den Spielautomaten waren meist alle besetzt und zusammengezählt dürften die zwanzig bis dreißig Arcade Games doch Einiges eingebracht haben, zumal es keine Gewinnauszahlung gab. Die Maschinen schluckten einfach alles an Münzen weg, was wir hatten.

Wenn wir uns im Laden umsahen und sicher genug waren, dass uns keiner rauswerfen wollte, fingen wir an zu daddeln. Meine Spezialität war ein Spiel, bei dem man sein Motorrad über verschiedene Strecken lenken musste. Es hatte nur eine 2D-Ansicht von obenauf, wo man sehen konnte, wie sich das Motorrad in die Kurven legte und man fuhr durch Wüsten, Städte und Prärien und wich Ölflecken, Gegenverkehr und Schlaglöchern aus. Eine einzige Mark brachte mich fast immer durch zwanzig Minuten Action. Vor dem vierzehnten oder fünfzehnten Level musste ich mich nicht mal sonderlich anstrengen, während die anderen selten das fünfte oder sechste Level überlebten. Am Ende trug man sich mit einem dreistelligen Initial in die High-Score-Liste ein und wenn unter den ersten 20 Einträgen weniger als 15 mal mein „KJL“ stand, musste ich das unbedingt korrigieren!

Die anderen Spiele hatten Namen wie Space Invader, Frogger oder Donkey Kong. Es gab noch viele andere, aber das waren die Bekanntesten. Meist waren wir zu viert und jeder von uns hatte ein Spezialgerät, an dem er jeweils der Stärkste war. Die anderen standen dann immer drum herum, schauten dem jeweiligen Meister zu und bewunderten die Highscore-Listen. Die Spezialität meines Freundes Thomas war „Defender“. Man musste mit einem Raumschiff gegen Raketen von Aliens die Welt retten und wenn er sich verewigte, dann mit TKS. Das stand für Thomas Kröner Superstar. Die TKS-Scores auf dem Bildschirm von Defender wiesen solch astronomische Höhen auf, dass man leicht an einen technischen Fehler glauben konnte. Es waren aber keine. Thomas ballerte ohne Weiteres mehr als zwei Stunden am Stück mit nur einer Mark alles an Raumschiffen ab, was ihm entgegen kam undging nur deswegen nach Hause, weil er keine Lust mehr hatte. Er war mit dem Joystick und dem Feuer-Button schneller, als wir es uns vorstellen konnten. Obwohl wir es sahen. Er war einfach besser, als die Programmierer es sich vorstellen konnten.

Einmal forderte ihn jemand heraus, der sich auch für sehr gut hielt. Es ging um ein Freigetränk in der Spielhalle. Ein Freigetränk war etwas, was wir uns grundsätzlich nicht leisteten, weil man für das Geld mindestens zwei Spiele kriegte. Eine Cola brachte uns vielleicht nur über zehn Minuten, zwei Runden Frogger aber mindestens über ’ne halbe Stunde – und Spaß dabei! Es ging also um dieses wahnsinnig kostbare und verschwenderische Freigetränk und der Herausforderer legte satte 2,5 Millionen Punkte hin, wofür wir ihm fast eine Stunde am Stück zusahen. Dann war Thomas dran. Er verschenkte seine ersten vier Leben bei weniger als Zehntausend Punkten, was unfassbar angeberisch war und rettete mit seinem letzten Leben die Welt und nur, weil wir alle nach Hause wollten, gab er es bei über vier Millionen einfach auf und ließ sich von einem UFO wegbeamen, statt es einfach wegzuballern. Nachdem wir ihn genug dafür gefeiert hatten, mussten wir feststellen, dass sich der Herausforderer inzwischen einfach verdrückt hatte.

Es gab noch andere gute Games in diesen Spielhallen und je mehr von ihnen eröffneten, desto mehr Auswahl gab es, sein Taschengeld draufgehen zu lassen. Ich spielte jahrelang an diesen aus heutiger Sicht primitiven Riesenklötzen, selbst dann noch, als ich keine Rückfragen nach meinem Alter mehr beantworten musste. Aber auch wenn die Spiele immer raffinierter und technisch besser wurden, als außer den Joysticks Lenkräder und Kugeln und Eingabefelder an die Kästen montiert wurden, die Auflösungen höher und die Farben bunter wurden: ich empfand es nie wieder so intensiv und spannend, als bei diesen ersten Games, für die man völlig überteuert seine Freizeit opferte, um über imaginäre Pisten zu rasen, Weltraumraketen abzuschießen oder mit einem Frosch über eine stark befahrene Straße zu hoppsen. Selbst Donkey Kong machte Spaß, wenn man’s drauf hatte.

Später kamen die Spiele dann auch in die Kneipen und es muss in meinem letzten Schuljahr gewesen sein, als wir einen Defender in einer schmalen, langgezogenen Kneipe entdeckten. Ganz hinten in der Ecke neben einem dunklen, kaum beleuchteten und runden Tisch stand das Teil und während wir uns beim Bier aufs Erwachsenwerden freuten, machten wir abwechselnd die Aliens kalt. Aber der Tisch hatte noch einen wesentlich größeren Vorteil. Die Kneipe öffnete kurz nach Schulschluss und gerade wenn wir uns warmgespielt hatten, kamen fast täglich vier oder fünf Pokerspieler rein, die genau diesen letzten Tisch der Kneipe haben wollten, weil man von hier aus gut sehen konnte, wer reinkam und andererseits dunkel genug saß, um das Geld verschwinden zu lassen. Jedes Mal wenn sie ankamen, verdienten wir uns zehn Mark. Einfach nur dafür, dass wir verschwanden. Das Bier war also schon mal umsonst beim Zocken, deshalb übte die Kneipe eine magische Anziehung auf uns aus.

Schade, dass es diese Spielhallen nicht mehr gibt. Allein aus nostalgischen Gründen hätte ich durchaus Lust, einen neuen Highscore einzuspielen. Das heißt, es gibt diese Spielhallen zwar noch und sie heißen jetzt Casinos, aber jetzt wieder wie in der Zeit vor den Telespielen vollgestopft mit den Münzautomaten und den ganzen traurigen Gestalten, die auf die Walzen starren, nachdem sie den Automat gefüttert haben. Mich persönlich wundert es, dass es an derlei Zockerei immer noch Bedarf gibt, aber ich wette, dass die Menschen vor den heute elektronisch rotierenden Walzen uns während den Goldgräberzeiten der Videogames auch nicht verstanden. Aber geil war’s schon!

*

*

*

*************

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.