Veni, Vidi, Vici, Vanvi!

Veni, Vidi, Vici, Vanvi!

Es war an einem Ostermontag und ich hatte nichts besseres zu tun. Sie sagten mir, es sei gute Unterhaltung, es gäbe ein gutes und kühles Bier und ein paar hübsche Frauen seien auch da. Ein paar Gäule im Kreis laufen sehen, dachte ich mir, wird nicht das Highlight sein. Aber das mit dem Bier und den Frauen geht in Ordnung. Ich sah es mir an. Die Gäule liefen im Kreis. Ich suchte mir einen Platz auf der Tribüne und orderte ein Bier. Einige Frauen mit extravaganten Hüten und schönen Kleidern saßen weiter unten. Ein paar sah man auch auf dem Rasen vor der Rennbahn. Sie waren hübsch anzusehen, aber sie sahen irgendwie aus, als ob sie nicht dazugehörten. Die meisten Besucher waren Männer, die zwischen Wettschalter und Tribüne hin und her rannten. Dann kam das zweite Rennen. An den Wettschaltern herrschte Hochbetrieb, aber ich war zu feige, um hinzugehen. Meine paar Kröten sollten noch bis Ende der Woche reichen und ich hatte keinen blassen Schimmer von der ganzen Angelegenheit. Ich wusste nicht, was die Zahlen unter der Quote aussagten, was neben Jockey und Gewicht noch ausschlaggebend sein könnte, wonach die anderen ihre Wette platzierten oder verstand sonst auch nur irgendetwas, worauf es hier ankam. Ich sah mir die Starterliste an, dann die Quoten und suchte mir einen Favoriten raus, der an dritter Stelle gewettet wurde. CAIPIRINHA soll es machen, dachte ich mir, ein guter Name für ein schnelles Pferd. Außerdem startete er mit der Nummer Sieben. Keine Ahnung, warum mir das gut gefiel, aber Sieben schien mir irgendwie sympathisch. CAIPIRINHA kam ganz gut aus der Box und hängte sich über die Hälfte der Strecke ans Führungstrio. Ende der zweiten Kurve ließ er die drei vor sich stehen und gewann mit eineinhalb Längen. Na also, dachte ich und fühlte mich augenblicklich zum Experten berufen, während die anderen um mich rum fluchten.

Ich nahm mir das dritte Rennen vor. In der Rennzeitung gab es keinen klaren Favoriten für das Stutenrennen, also suchte ich mir wieder einen passenden Namen aus, der es machen sollte. Meine Wahl fiel auf MISS MONEYPENNY mit der Nummer 3. Ich beobachtete die Quoten. Verdammt viele wetteten auf MISS MONEYPENNY. Bis kurz vor dem Start hatte das Pferd die beste Quote, doch dann fiel es in der Gunst zwei Plätze zurück. Ich ließ mir ein weiteres Bier geben und lehnte mich entspannt zurück. Mein Fluch soll es nicht sein, dachte ich, denn ich hatte eh kein Geld gesetzt, aber Ihr alle anderen um mich herum, schaut her, wie man das macht! Bis das Rennen begann, verstrichen noch zwei, drei Minuten und ich schaute mir die Girls vor der Rennbahn an. Ihre Beine sahen von meinem Sitzplatz aus zauberhaft aus. Nach dieser Runde würde ich sie mir näher ansehen. MISS MONEYPENNY legte einen furiosen Start hin und setzte sich von Anfang an nach vorne ab. Nach 1000 Metern hatte sie immer noch zwei Längen Vorsprung, aber die Biester hinter ihr legten zu. Die Leute erhoben sich von den Plätzen, als es auf die Zielgerade ging. Auch ich stand auf, als ginge es um einen Monatslohn, der auf dem Spiel stand. Auf den letzten Zweihundert wurde es knapp, aber dann schaffte sie es doch noch mit einem hauchdünnen Vorsprung. Rundherum setzten sie sich wieder und fingen an, das Ergebnis zu zerreden. Ich blieb stehen und prostete dem Volk zu.

Das vierte Rennen war eins für dreijährige Gäule. Egal was es ist, ich würde es sowieso gewinnen, soviel war klar. Ich studierte sehr fachmännisch dreinblickend das Starterfeld in der Rennzeitung. Diesmal war es noch verwirrender, denn einer der Jockeys startete mit Handicap. Was wohl ein Kilo mehr oder weniger ausmacht? Ich sah mir die Namen an. Einer hieß GOETHE. Das schien mir ein würdiger Name für einen Sieger, aber mir war schwer vorstellbar, dass der gute alte Johann W. so schnell rennen würde. Der Rest des Feldes gab weniger her. PROSECCO vielleicht. Aber das war wahrscheinlich zu plump. Noch zehn Minuten bis zum Start. Es war an der Zeit, mein „Fachwissen“ zu vergolden. Eine kleine Entscheidungshilfe konnte nicht schaden. Ich ließ das Bier laufen und gesellte mich zu‪ den Damen. E‬ine ließ ganz besonders viel Bein sehen. Und der Hut war auch sehr hübsch. Sie schien mit ihren Freundinnen hier zu sein, war aber nicht im Plausch. „Darf ich es wagen, Ihnen mein Geleit anzutragen, jedoch zuvor einen Rat erfragen?“ Sie ignorierte mich, aber ihre Beine waren eine wahre Pracht und viel zu schön, um nicht hinzusehen. Ich versuchte es andersrum. „Darf ich Sie auf einen Prosecco einladen? Ich könnte etwas fachliche Beratung brauchen“. Sie lächelte und sah zu mir rüber. „Ich trinke nicht“, antwortete sie kurz und knapp. „Alles klar“, sagte ich. „Bleiben Sie, wo sie sind. Wir sehen uns nach dem Rennen“. Ich ging zum Totalisator und setzte 30 auf Platz für GOETHE. Er wurde Zweiter, aber da es ´ne Platzwette war, brachte es trotzdem 20. Da war er also, mein erster Gewinn. Jetzt wurde es Zeit für den zweiten.

Ich kehrte mit einem frischen Bier und 50 Scheinen zurück, aber die hübschen Beine waren nicht mehr da. Dafür fing ich zwei andere ein und folgte ihnen zur Wette fürs fünfte Rennen. Diese Rennbahn war ihren Besuch wert, keine Frage. Sie schritt geradezu königlich betörend einher, während ihr Rock mit jedem Schritt nach hinten wippte und immer wieder was von ihren strammen Schenkeln freigab. Sie ging zum Schalter, schob ihren Wettschein und einen Geldschein rüber und drehte sich dann zu mir um, aber ich war mit ihren Beinen beschäftigt und verpasste es. „50 auf das, was sie gewettet hat“. Ich bekam meinen Wettschein zurück und sah erst dann nach, worauf sie ihr Geld setzte. Es war eine Siegwette auf BLIZZARD. Den einzigen Namen, den ich nicht gewählt hätte, denn es war der Favorit. Aber konnte es überhaupt noch schiefgehen? Ich sah von meiner Rennzeitung auf. Ich hätte ihre Beine aus Hunderten wieder entdeckt, aber sie waren auch schon wieder weg. Dann sah ich mir das Rennen an und lag schon wieder richtig. BLIZZARD ließ keinen Zweifel aufkommen. Bis zur Mitte des Rennens hängte er sich an LORD NELSON und zog dann aus seinem Windschatten unwiderstehlich an ihm vorbei. Ich kassierte 210 ein und hätte es bleiben lassen sollen. Aber ich hielt mich für unbesiegbar und setzte 200 im sechsten Rennen auf Platz für NO MERCY. Es war die sicherste Wette von allen, denn er war ganz vorne platziert und hätte nur unter die ersten drei kommen müssen.

NO MERCY startete mit der Nr. 1 und ich ignorierte das ungute Gefühl, was ich damit verband. Ich rechnete mir den Gewinn durch und kam auf einen Verdienst von 100 die Stunde, abzüglich der Spesen. Wenn ich das hier jeden Sonntag durchzog, war es das und ich konnte mich schon Schampus trinkend mit gut gelaunten Girls, die alle fantastisch viel Bein zeigen, in der VIP-Lounge sehen. Der Hengst war groß gewachsen und er war kräftig. Er war einfach dazu geboren und er war hübsch – ein geborener Sieger mit enormen Muskeln. Aber was ihm fehlte, war Kampfgeist und Temperament. „Der hat die letzten vier Rennen in Folge gewonnen“, sagte der Typ, der neben mir stand. Er hatte auch auf ihn gesetzt. Allein das machte mich enorm misstrauisch, aber da war es schon zu spät. Und beide mussten wir mit ansehen, wie er zuerst nicht rechtzeitig aus der Box kam, dann auf die Meute auflief und sich ohne weiteres abhängen ließ. Der Jockey gab alles, aber NO MERCY lief als Vorletzter durchs Ziel. Als er in die Auslaufzone trabte, standen wir wie zwei Betrogene nebeneinander und sahen einander an. „Tja, scheiße“, sagte er. Und genau das war es auch.

 

 

 

 

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