Der Deal

Der Deal

Mein Kadett war Baujahr 67 und würde im nächsten Jahr Zwanzig werden. Ich liebte meine Badewanne. Alles daran war einfach. Die Schlösser taugten aber nichts. Der Schlüssel hatte ein gewisses Gewicht und einen langen, gezackten Bart. Wenn man ihn ganz ins Türschloss steckte und ein Viertel nach rechts drehte, gab die Kraft der Drehung den Knopf der Verriegelung nach oben frei und andersrum zog man den Stift wieder runter. Es ging aber auch mit jedem anderen Schlüssel, der dem Original ähnlich sah. Innen hatte das Armaturenbrett drei kreisrunde Anzeigen, über die nichts anderes abzulesen war, als die Geschwindigkeit, der km-Stand, die Uhrzeit, das Blinklicht, ein Warnlicht für fehlendes Öl, eins für Überhitzung und eins für die eingeschaltete Zündung. Mehr war auch nicht nötig. Die Anzeige mit den Zahlenrädchen der gefahrenen Kilometer war nur fünfstellig. Nach jeweils Hunderttausend überdrehte der Zähler. Bei meinen sechs Wannen, die ich in Folge fuhr, erlebte ich diesen majestätischen Moment vier Mal. Ob es jeweils die Zwei- oder die Dreihunderttausend-Marke war, blieb dabei unklar. Es gab Motoren zu 45, 55 und 60 PS und was sie so langlebig machte, war das vernünftige Verhältnis zum Hubraum. Sie waren einfach unkaputtbar und selbst wenn ich was tauschen musste, tauschte ich es einfach, egal was es war. Lichtmaschine? Drei Schrauben und zwei Stecker. Ölfilter? Ohne Werkzeug. Wasserpumpe? Halbe Stunde. Es gab sogar Kuhlen unter der Motorhaube zur Ablage der Schrauben, wenn man was zu tun hatte. Ansonsten lief und lief und lief das Ding.

Auf dem riesigen Parkplatz vor dem Wohnheim stand noch ein zweiter Kadett wie meiner, den ich von meinem Zimmer aus gut sehen konnte. Es war kein Kennzeichen mehr dran und ein kreisrunder, orangener Aufkleber der Stadt besagte, dass sie die Wanne Ende des Monats abschleppen würden. Der Wagen stand seit einer Ewigkeit und keiner kümmerte sich drum. Ich ging hin und sah rein. Jede Menge brauchbarer Teile, allen voran das wunderschöne, glanzlackierte, dreispeichige Holz-Lenkrad mit rundum laufenden Griffmulden. Es war ein schöner Blaupunkt-Stereo drin, die Vordersitze sahen besser als meine aus und hatten sogar Kopfstützen. Ich schloss ihn mit meinem Schlüssel auf, fand im Kofferraum einige brauchbare Ersatzteile und sah mir die Reifen an. Allesamt mit besserem Profil als meine und die Rad-Zierblenden sahen aus wie neu. Der Kühlergrill glänzte. Ich notierte mir den Termin und hoffte darauf, dass der Besitzer nicht mehr auftauchte – und so war es dann auch.

Am letzten Abend vor der Entsorgung fuhr ich meinen Kadett vor, packte das Werkzeug aus und machte mich an die Arbeit. Zwei Stunden später hatte ich einen Satz neuer Reifen montiert, Lenkrad, Sitze, Luftfilter, Verteilerkappe, Kühler und Radio getauscht, sowie alles sonst noch Brauchbare aus der anderen Wanne eingeladen. Es war inzwischen stockdunkel. Das Lieferantenauto ließ ich auf Steinen aufgebockt stehen, schob meine Sitze unmontiert rein und legte meinen Lenker in den Kofferraum, denn schließlich würden sie ihn sowieso huckepack zur Schrottpresse fahren. Dann fuhr ich zurück zu meinem Parkplatz und als ich am Fenster meines Zimmers im Fünften das Feierabendbier öffnete und nach getaner Arbeit auf mein Auto runtersah, glänzte es sehr zufrieden im Laternenlicht. Es sah prima aus mit all seinen neuen Teilen. Die kreisrunden Lampen über dem Kühlergrill und der Stoßstange schienen zu lächeln. Am nächsten Tag hatte ich frei, es gab was zu feiern und so ließ ich mir noch drei weitere Halbe schmecken.

Anderntags war es schon fast Mittag, als ich in der Wohnheimküche stand, um mir ein Katerfrühstück mit Eiern, Speck und Kartoffeln zu braten, als mein Blick auf den Parkplatz schweifte, während es vor sich hin bruzzelte. Wo gestern noch das Ersatzteillager stand, sollte heute ein geräumter Stellplatz sein oder zumindest ein Abschleppwagen, der sich bemühte, das Ding mit einem Kran auf die Pritsche zu hieven. Stattdessen stand die Karre noch und was viel beunruhigender war, zwei arme Burschen drum herum, die immerzu im Kreis um den Kadett auf den vier Steintürmchen liefen, mal unter, mal in den Wagen schauten und fassungslos mit hängenden Schultern vor der Ruine standen. Ab und an sagte einer der beiden was und dann standen sie wieder da und sahen das Auto entgeistert an. „Ach Du Scheiße“, rief ich allein in unserer Küche aus, „Ihr blöden Spinner! Könnt Ihr nicht früher kommen?“ Ich sah ihnen noch eine ganze Weile bei ihren Beratungen zu. Die Kartoffeln brannten an. Sie taten mir leid, aber warum zum Teufel warteten sie bis zur letzten Minute? Ich nahm das Frühstück vom Herd und schaufelte mir das heiße Zeugs direkt aus der Pfanne ein, während ich ihnen weiter zusah. Dann endlich kehrten sie um und fuhren wieder ab, was mich ungemein erleichterte.

Was sollte ich tun? Alles wieder zurück montieren, während sie weg waren? Für ein todgeweihtes Fahrzeug? Zugeben, dass ich sie beklaut hatte? Ich war in einer verdammten Bredouille und dachte voll schlechten Gewissens angestrengt drüber nach, was zu tun war. Dann kehrte ich in mein Zimmer zurück und öffnete die Schatulle, die ich für Notfälle in meinem Schrank versteckt hatte. Ich gab mir noch zwei heiße Tassen Kaffee und zwei Zigaretten Zeit, während ich mir ansah, was ich in den letzten Monaten dort reingestopft hatte und wog ab, wovon ich mich im nächsten Urlaub verabschieden könnte und was davon unverzichtbar blieb. Dann packte ich zwei blaue Scheine in den Umschlag. Das schien mir eine gerechte Entscheidung unter Berücksichtigung der Interessen aller Beteiligten und sollte den Mehraufwand ausgleichen, ein Autowrack wieder beweglich zu machen. Dann fuhr ich mit dem Aufzug runter, ging zur Autoleiche, öffnete sie, legte den Umschlag auf den losen Fahrersitz und verschloss die Karre wieder, um mich meiner eigenen Wanne zuzuwenden. Ich stieg ein und umfasste das neue, glänzende Lenkrad. Es fühlte sich fatastisch an. Ich strich mit den Händen über die Fingermulden auf der Rückseite des edlen Holzes, schob die Stones in den Rekorder, startete den unkaputtbaren Motor meines Kadetts und sah zu, dass ich Land gewann.

 

 

 

 

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