Showdown

Bild: axonite/pixabay

Manchmal stelle ich mir vor, wie es wohl im Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit, auf einer hellerleuchteten Bühne vor tausend Menschen ist. Oder in einem voll besetzten Stadion auf dem Rasen oder in einer Boxarena, wenn es darauf ankommt, dass jeder Schlag sitzt. Ein bisschen bekannt kommt mir das ein oder andere vor, aber wenn alle zusehen, was Du im Wettkampf als nächstes tust und Du Dich drauf konzentrieren musst, vor einer Meute von Menschen das Richtige zu tun, um das Match zu gewinnen – das erfordert schon einiges am Drahtseil deiner Nerven. An das erste Mal kann ich mich noch genau erinnern. Es war in den Achtzigern und ich war mal wieder unter meiner großen, persönlichen Schlagzeile unterwegs, die da lautete: „Raus aus der Stadt“!

Wenn es etwas gab, was ich liebte wie kein zweites Ding, dann war es Abenteuer und Freiheit und die ständige Gier danach, etwas Neues kennenzulernen. Dazu mussten die Termine zwischen zwei Besuchen beim Arbeitsamt weit genug auseinander liegen und das taten sie. Ich steckte mir aber vorsichtshalber die nächste Einladung zum Termin ein, falls es mal knapper werden sollte mit dem Rückweg. Da stand dann immer drauf: „Ich möchte mit Ihnen über Ihre Beschäftigungssituation reden“. Ja, dachte ich mir, ich auch. Und steckte mir ein paar Klamotten, meine Zahnbürste und was zum Rauchen ein, bevor mich auf den Weg zur Autobahn machte. Bargeld spielte so gut wie keine Rolle, was hauptsächlich daran lag, dass ich sowieso kaum was hatte. Es gab immer einen Weg, über die Runden zu kommen und oft wusste ich nicht mal, wo die Reise eigentlich hingeht, bevor der erste Wagen hielt. Aber sobald ich mir was in den Kopf gesetzt hatte, musste es auch so sein. Und in diesem Fall hatte ich mir vorgenommen, „Dschordschi“ zu besuchen, der eigentlich Georg hieß, aber den jeder „Dschordschi“ nannte. Wir kannten uns aus gemeinsamen Zivi-Zeiten und er machte anschließend tatsächlich auf Krankenpfleger. Jetzt wohnte er im schweizerischen Bern, verdiente gutes Geld, fuhr ein eigenes Auto und wohnte mit einer hübschen Frau zusammen. Insgesamt ein gut geschnürtes Paket für ein Reiseziel, zumal man ein echtes Bett in einer trockenen Butze erwarte durfte.

Wir unternahmen so einiges und ich erinnere mich vor allem an drei Dinge aus diesen Tagen, die sagenhaft cool waren. Erstens fuhren wir in seinem Alfa an einem kühlen Sonntagmorgen einfach drei Stunden Richtung Süden durch den Sankt Bernhard, um nachmittags in der warmen italienischen Sonne Kaffee zu trinken und junge Frauen anzulächeln. Zweitens hatte die Schweiz ein enorm entspanntes Verhältnis zu Drogen, was den Kauf von Dope einfacher machte, als sich die Zutaten für eine Käse-Fondue zu suchen. Und drittens besuchten wir eines Abends eine Kneipe, deren Markenzeichen es war, dass sich in der Mitte des riesigen Raums ein im gleißend hellend Licht stehender Pool-Billardtisch befand. Es war ein Monster von einem Tisch. Rundherum standen in mehreren Reihen kleine, hölzerne Kneipentische, die alle besetzt waren – und die ganze Meute zusammen starrte in Richtung des Monstertischs und die Spieler an, die gerade dabei waren, Kugeln zu versenken. Da war sie also; die Arena!

Ich war objektiv betrachtet ein mäßiger Kneipenspieler, aber an manchen Tagen packte ich einige gute Tricks aus. Dann schaffte ich es, alle sieben Kugeln nacheinander zu versenken. Aber wie jeder Amateur trank ich dabei und während die ersten zwei Bier noch ganz gut beim Zielen halfen, schlingerten die Kugeln ganz woanders hin, wenn ich besoffen war. Jedenfalls fühlte ich mich beim Betreten der Halle augenblicklich wie in „Haie der Großstadt“, als Paul Newman binnen 90 Minuten mehr Kugeln versenkte, als ich in meinem ganzen Leben. Das hier war die ganz große Bühne unter drei riesigen, kreisrunden Scheinwerfern. Alles in der Kneipe war auf diesen Tisch ausgerichtet und alle schauten sie zu. „Dschordschi“ erklärte mir die Regeln. Man musste eine passende Münze fürs Billard auf die Bande legen und sie irgendwie markieren, zum Beispiel indem man kleinere Kupfermünzen obenauf legte. Oder ein Streichholz oder wasauchimmer. Hauptsache man wusste, wann die Münze nach vorn rückte und man dran war. Wer auf der Bühne war und verlor, schied aus und wer gewann, durfte solange weiterspielen, bis er verlor. Das war eigentlich alles.

Wir legten zwei Münzen ans Ende der Reihe, in der schon zehn oder zwölf davon lagen. Dann suchten wir uns einen Platz mit einer guter Sicht aufs Geschehen, orderten zwei große Helle und begannen damit, die Spiele zu kommentieren. Und je länger wir zusahen und tranken und darüber redeten, wie unsicher die anderen spielen, desto aufgeregter wurde ich selbst in der Erwartung, gleich im Rampenlicht zu stehen. Nach zwei Stunden und vier Halben durften wir endlich ran. Ich stand auf, leicht schwindlig und wusste sofort, dass ich mich gleich unsterblich blamieren würde. Für mindestens eine Partie war ich jetzt der Mittelpunkt des Geschehens, wo jeder sehen konnte, dass ich die einfachsten Bälle nicht mehr traf. Alle Augen richteten sich auf mich, aber ich konnte jetzt auf gar keinen Fall einen Rückzieher machen. Vereinbart war nämlich, dass ich auf jeden Fall anfange, damit wir anschließend noch gegeneinander spielen, wenn ich den Gegner wie selbstverständlich erledigt hatte. Ich nahm das Queue in die Hand, drehte es fachmännisch in die Kreide und sah mir mit der unbeweglichen Miene eines Paul Newman den seit vier Spielen ungeschlagenen Gegner an. Dann verlor ich in weniger als fünf Aufnahmen. Und jedes Mal, wenn ich neu ansetzte und nach oben sah, geblendet vom Scheinwerferlicht, spürte ich hundert schräg blickende Visagen auf mir ruhen, die allesamt wussten, dass ich es verbocken würde. Natürlich sollten sie Recht behalten. „Dschordschi“ machte es dann etwas besser, verlor aber ebenfalls, kurz nachdem die vollbusige Bedienung zwei weitere Helle neben ihm abstellte. Aber geil war’s irgendwie schon.

Es dauerte dann noch ein paar Tage, bis es der hübschen Freundin von „Dschordschi“ auf die Ketten ging, wie wir ständig irgendwo zum Feiern abhingen. So zog ich in eine weitere Attraktion der Hauptstadt um, die sich Stadthaus nannte. Eine mehrstöckige Blockholzhütte, in der jeder willkommen war, außer Junkies, wenn sie dort bloß drücken wollten. Ansonsten konnte jeder dort tun, was er wollte: Schafen, Trinken, Tanzen, Rauchen – oder bloß mit jemandem reden. Dann ging das bisschen Geld, das ich hatte, zur Neige und ich kehrte zurück zur Autobahn. Außerdem rückte der Termin näher. Jemand wollte mit mir über meine Beschäftigungssituation reden.

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