Mon Dieu!

Mon Dieu!

 

101 paranoide Polizeikontrollen. Folge Eins. Paris.

Wir waren in meiner Badewanne unterwegs. Der Kadett hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Wanne und fuhr sich manchmal auch so, als ob eine gewaltige Menge an Wasser, die sich während der Beschleunigungs-, Lenk- und Bremsvorgänge ihren Weg suchte, bewegt werden musste. Wenn man anfuhr, brauchte er eine Weile, um in Fahrt zu kommen und wenn man heftig bremste, machte man das besser mit Vorsicht, sonst brach das Heck nach links oder rechts aus. Kurven nahm man so, dass man zur Not die Badewanne durch Gegenlenken wieder in die Spur brachte, zumal wenn es regnete. Nun, es regnete an diesem Samstagnachmittag in Paris, was gar nichts Ungewöhnliches ist. Ich kann mich an viele verregnete Tage erinnern, wenn ich dort unterwegs war und wer sich schon mal durch die Straßen von Paris kämpfte, weiß was das bedeutet, insbesondere wenn man für seinen fahrbaren Untersatz mitdenken muss.

Paul und ich hatten das Wetter ziemlich satt und verbrachten deswegen eine Menge Zeit im Kadett, statt in der Metro. Entsprechend sah die Karre aus. Glücklicherweise hatten wir eine Palette Dosenbier mit, die wir an diesem Tag zügig leerten. Zum Ritual gehörte, die Dose nach dem Leeren achtlos nach hinten auf die Rückbank zu den anderen zu werfen und das schepperte lustig. Im Kofferraum hatte sich ebenfalls eine beachtliche Sammlung an leeren Bierflaschen angehäuft, die aber zum Teil noch aus anderen Städtetouren stammten und nur deswegen mitfuhren, weil ich es bis dahin noch nicht geschafft hatte, die Karre zu entrümpeln. Die Badewanne sah einfach mehr danach aus, als sei sie ein Container für leere Dosen und Flaschen und weniger nach dem, was man sich gewöhnlich unter einem für den Straßenverkehr tauglichen und zugelassenen Fahrzeug vorstellt.

Wir kurvten also durch die City und sahen uns die meisten Sehenswürdigkeiten an, indem wir einfach direkt davor parkten, ein weiteres Dosenbier killten und uns für die Länge von ein, zwei Zigaretten betrachteten, vor was wir gerade standen. Zweifelsfrei dekadent, aber man muss uns zugute halten, dass es wirklich unentwegt schiffte und immerhin hatte ich einen Reiseführer im Handschuhfach deponiert, um uns während der Pause mit Informationen über die Opera, das Grand Palais, die Sacre Coeur oder den Trocadero zu versorgen. Paul war sehr zufrieden mit der Stadtführung. Es kümmerte überhaupt niemanden, wenn ich den Kadett zwischen den Absperrungen über den Bordstein auf den Vorplatz manövrierte, wo wir für etwa zehn bis fünfzehn Minuten parkten und Reiseführer, Dosenbier und Kippen bemühten.

Es war auf dem Boulevard Strasbourg in Richtung Gare de l'Est, als uns völlig überraschend und unvermittelt ein Kelle schwingender Flic in seiner blauen Uniform aus dem Verkehr winkte. Die Franzosen hatten bei Verkehrskontrollen die Unart, einen total unerwartet raus zu ziehen. Nichts mit irgendwelchen angekündigten Vorzeichen, die einem vorher den Arsch auf Grundeis rutschen lassen oder wild blinkende Lichter, die einem klar machten, dass das Spiel vorbei war, wenn die Karre aussah wie eine Müllsammlung und die Insassen nach Bier und Dope stanken. Erschwerend kam hinzu, dass ich ohne Führerschein unterwegs war und zwar nicht, weil ich ihn im Hotel vergessen hatte, sondern weil ich ihn zwei Monate zuvor bei einer echten, ehrlichen und ordentlich deutschen Verkehrskontrolle der exekutiven Ordnungskraft überließ, weil sie mich davon überzeugte, dass es einer Überprüfung meiner Fahrtauglichkeit bedurfte. Ich kurvte uns nur deswegen durch die Straßen von Paris, weil ich mich hier bestens auskannte und hatte schlicht vergessen, Paul die Sache mit dem Führerschein zu erzählen. Es schien mir einfach nicht wichtig, zumal ich in Paris noch nie in eine Verkehrskontrolle geriet.

All das fiel mir jetzt schlagartig ein, als ich die Badewanne etwas heftig und schlingernd runterbremste, während vom Rücksitz sämtliche Dosen nach vorne schossen, darunter auch die restlichen und ungeleerten Exemplare der Palette, während der Kofferraum ein beachtliches Klirrgeräusch, wie das Entleeren eines Glascontainers von sich gab. Immerhin war die Rückbank jetzt geräumt, als ich das Fenster runterkurbelte und direkt neben den Motorrädern der Flics zum Stehen kam. Außerdem hatte ich mich morgens rasiert, was mir eine gewisse Sicherheit verlieh. Der Gendarm kam rüber, duckte sich kurz runter zu uns, murmelte etwas, blickte zuerst mich und dann Paul an, um die Lage einzuschätzen und schätzte sie offensichtlich entspannt ein. Statt sich direkt um uns zu kümmern, schwatzte er mit irgendwem, der ihm wiederum irgendwas erzählte, was er aus dem Funkgerät erfuhr. Wir sammelten, was wir an Papieren hatten und reichten sie durchs Fenster raus. Er ließ sich Zeit damit, sie überhaupt durchzuschauen und redete weiter mit dem Kollegen neben ihm. Dann endlich, als wir selbst schon damit begannen, lockerer zu werden, blätterte er die Reisepässe und Fahrzeugpapiere durch. „Permis de Conduire?“, fragte er. Ich hätte einige Sekunden damit gewinnen können, ihn angeblich nicht zu verstehen, aber ich legte genau den Stunt hin, den man von einem ordentlich Angetrunkenen erwartet hätte. Ich stieg ohne Zögern aus, schritt souverän zum Kofferraum, öffnete ihn und fing an, in den leeren Glasflaschen zu wühlen, als ob darunter eine Tasche zu finden sei, in der ich meinen Führerschein finden würde.

Eine Weile schob ich die Flaschen hin und her. Paul stand inzwischen neben mir und wusste, dass ich es absolut überzogen hatte. Wenn ich jetzt meinen Kopf aus dem Heck der Badewanne heben würde, stünde ein ziemlich sauertöpfischer Franzose neben mir, der mir erklären würde, dass die Show zu Ende ist. Also stellte ich mich dem Schicksal und richtete mich wieder auf, um die mächtige Klappe des Kadetts zu schließen. Doch manchmal geschehen Dinge, einfach nur weil sie gerade jetzt so geschehen und kein Mensch hat irgendeine Erklärung für das Wunder, das gerade passiert. Ich denke in solchen Momenten gerne, 'wenn Du vorhin die rote Ampel überfahren hättest oder auf der Péripherique Gas gegeben hättest, hätte dieser Mensch, der hier nur einfach seinen Job macht, dreißig Sekunden länger dazu Zeit gehabt und dann hätte es einfach gereicht'. Eine andere Erklärung will mir dann nie einfallen, aber es gibt diese magischen Augenblicke einfach, dass Du in einer Sekunde noch rettungslos in der Scheiße sitzt und sich in der nächsten Sekunde alles wie von selbst fügt. Jedenfalls winkte der Typ gelassen ab und sagte „C'ést bon, c'ést bon“, stieg auf sein Motorrad und rauschte unter Blaulicht mit seinem Kollegen davon – und das war's.

Fassungslos standen wir eine Weile da und sahen den beiden davonbrausenden Zweirädern zu. Der Schock saß noch tief in den Gliedern und es dauerte etwa eine eindrucksvolle Minute lang, bis wir realisierten, dass es heute noch was zu feiern gab. Es hatte sogar aufgehört zu regnen. Ich blickte nach oben, um nachzusehen, ob ich mich bei irgendwem bedanken könnte. Aber es war nichts Ungewöhnliches zu entdecken. Wir stiegen ohne ein Wort zu wechseln wieder in die Badewanne. Als ich die Fahrertür öffnete, fiel eine der leeren Dosen auf den Asphalt raus. Ich hob sie auf, drückte sie wieder hinter den Fahrersitz, schnallte mich an, gab dem Schlüssel die Vierteldrehung nach rechts, drückte den Schalthebel nach vorn, setzte vorschriftsmäßig den Blinker und bog die Magenta Richtung Pigalle hoch. Es gab hier noch viel zu entdecken.

 

 

 

 

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One response to “Mon Dieu!”

  1. klausi sagt:

    Gelesen am 06.11. im Cafe Cralle, Text 1

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