Ingo

Ingo

Bild: By Amanda Fjordell – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=30324516

 

Sie standen meist in Gruppen um den Brunnen am Marktplatz herum. Bunte Haare, Sicherheitsnadeln in den Ohren, Zerschlissene Lederjacken, zerrissene Jeans und mindestens einer hatte eine Ratte mit, vorzugsweise in Labor-weiß, die er über den Arm laufen ließ, über den Nacken oder in den Haaren und das Vieh schien sich dabei so richtig wohl zu fühlen. Sah lustig und ganz danach aus, als ob so eine zahme Ratte ein guter Freund sein könnte. Die Haare lila oder gelb färben, sich Blech ins Gesicht hängen oder halbe Kleidungsstücke rumzutragen, war eindeutig nicht mein Fall. Aber das mit der Ratte, das gefiel mir. Ein paar Wochen später lernte ich Steven kennen. Ein Filmfreak, genau wie ich. Es gab ein Filmfestival, dass es einem erlaubte, sich zum Pauschalpreis eine Woche häuslich auf einem der Kinosessel einzurichten. 40 Filme innerhalb von sieben Tagen waren zu schaffen, auch wenn man zwischendurch mal 'ne Stunde verpennte. Da auch die Nahrungsaufnahme innerhalb der elf Stunden Kino täglich erledigt werden musste, war es unausweichlich, jemand ähnlich Verrückten kennenzulernen. Einer von uns beiden war immer damit beschäftigt, sich Stullen zu schmieren, Bierdosen aufzureißen oder den Rest des Saals mit lauten Schnarchgeräuschen eindrucksvoller Dominanz zu beglücken. Wir redeten nicht viel miteinander, grüßten uns nur kurz und gaben uns gegenseitig nach dem Film mit einem wohlwollenden Nicken oder schiefer Grimasse zu verstehen, wie der Film in und auf uns wirkte. Es ist eine Erfahrung ganz besonderer Intensität, wenn man sich am Tag sechs bis sieben Filme reinzieht. Der Kopf ist permanent damit beschäftigt, die Bilder zu verarbeiten und man wird von einer Stimmung in die nächste katapultiert, ohne dafür Drogen zu nehmen, Sex zu haben oder um einen Menschen zu trauern. Draußen, außerhalb des Kinosaals, geht das Leben weiter, als sei nichts gewesen und Du reist von einem Ort zum anderen, schwebst in eigenen Gefühlswelten, bist auf einem Trip, den Du nicht teilen kannst. Wenn man den Saal verlässt, um draußen nachzusehen, ob es noch Tag ist, schmerzt einen der Anblick der Realität so sehr, dass man augenblicklich umkehrt und lieber im Kinosessel wartet, bis die nächste Filmrolle eingelegt ist.

Steven verschwand mittags immer genau für die Länge eines Films, tauchte dann aber wieder auf. Als die Filmwoche vorbei war und beim Festakt am Ende der Sieger gekürt wurde, kam ich langsam wieder runter von der Sucht, ein Bild nach dem anderen konsumieren zu müssen, damit die Sache am Laufen blieb. Ich hielt mich am Bier fest, betrachtete mir die Szenerie rundum und freute mich aufs Buffet, weil ich mich schon seit Tagen nicht mehr mit fester Nahrung beschäftigte. Es war mir zu aufwändig, zwischen den Filmen zu entscheiden und umzusetzen, was man sich zuführt. Also bediente ich mich im Bierdosenregal und lernte, dass man, ein regelmäßiges und langsames Trinktempo vorausgesetzt, die Nahrungsaufnahme sehr effektiv und äußerst simpel ersetzen kann. Jetzt aber, in Aussicht auf die am Buffet bereitgestellten Schnittchen, kam der Hunger schlagartig zurück. Steven, von dem ich noch nicht wusste, dass er Steven hieß und wohin er jeden Mittag verschwand, stand neben mir und starrte gleichfalls auf die Leckereien. Ich hob die Bierdose und prostete ihm zu und sagte, „mein Name ist übrigens Klaus und auf dem Lachs dort drüben hab’ ich meinen Namen eingravieren lassen“. Der Witz gefiel ihm besser, als mir selbst und er sagte, „ich bin Steven und zuhause warten zwanzig weitere, hungrige Mäuler“. Ich hob das Bier ein weiteres Mal und nickte anerkennend, obwohl mir nicht klar war, was er damit meinte. Während mein Magen fast durchdrehte, stellte ich mir vor, wie er jeden Mittag nach Hause lief, um neunzehn Geschwister zu füttern und es dann schaffte, wieder pünktlich zum Filmstart im Saal zu sitzen. Das nötigte mir Respekt ab. „Ich helf’ Dir dabei“, sagte ich. Dann durften wir endlich ran an die Buletten und während sich die anderen auf die Shrimps stürzten, ging ich souverän auf die Käseplatte zu, nahm mir eines von den Tabletts, leerte es mit Schwung in meine Tasche und drückte sie Steven in die Hand. Er hatte nun etwa vierzig Köseschnittchen „to go“ und war von dieser filmreifen Leistung sichtlich beeindruckt. Dann gingen wir zum Lachs und ich zeigte ihm, wo überall mein Name drauf stand. Drei oder vier Sektgläser und Sättigungsgrade später, verließen wir die Feier und brachten die Beute zu ihm nach Hause.

Wie sich herausstellte, war Käse die Lieblingsnahrung seiner Nagetiere. Ich hatte sowas noch nie zuvor gesehen, aber es faszinierte mich sofort, als wir sein Zimmer betraten. Er hatte zwanzig dieser zahmen Labor-Ratten zuhause und nur etwa die Hälfte der Viehcher war in Käfigen unterwegs. Manche davon schienen sich richtiggehend miteinander zu unterhalten. Sie saßen zu zweit oder zu dritt auf dem Sessel oder trafen sich auf dem Sideboard und im Bücherregal, hielten einen kurzen Plausch, beschnupperten sich und zogen dann weiter. Es war mindestens so spannend wie Kino, die Tiere umherziehen zu sehen. Ich zog die letzte verbliebene Bierdose aus meinem Mantel und machte es mir auf der Couch bequem, und prompt besuchte mich ein schwarz-weißes Felltierchen, um mich neugierig zu beschnuppern. Es schien was vom Bier kosten zu wollen. Außerordentlich sympathisch. Nun, um es abzukürzen, ich wollte unbedingt einen dieser putzigen Gesellen, denn wenn Steven mit zwanzig Ratten fertig wurde, würde ich es ja wohl auch mit einer schaffen. Er gab mir dann auch eines der braunen Exemplare mit, ich taufte den Jungen Ingo und baute ihm zuhause ein ordentliches Eigenheim aus Spanplatte, das er allerdings selten besuchte. Ingo hatte eher seinen Spaß daran, alles was er in meiner Junggesellenbude fand – und das war nicht wenig – im Holzkasten der Klappcouch zu deponieren und jede Woche öffnete ich die Schlafcouch, kontrollierte den Holzkasten und zog daraus allerlei Knochen, Joghurtbecher, Socken und Unterhosen raus. Davon ließ sich Ingo aber in keiner Weise beeindrucken und sammelte immer wieder von neuem, was er so in der Wohnung fand. Seine Lieblingsspeise waren Quarktöpfchen vom Supermarkt nebenan, die er gierig bis zum letzten Tropfen ausschleckte und anschließend unter die Couch zog.

Nach einer Weile bemerkte ich, dass Ingo gerne ausging. Das mit dem abendlichen Scherren und Rascheln unter der Couch wurde seltener und oft blieb die Käseschnitte in seiner Spanplattenvilla unberührt. Er hatte herausgefunden, dass das Dachfenster meiner Kammer nicht zu schließen war und drückte sich, wenn ich gerade aus dem Haus war, sehr intelligent den Fensterrahmen auf, um das Dach rundherum zu erkunden. Spät nachts, wenn ich im Bett lag, hörte ich seine Krallen von außen an der Fensterscheibe scherren, denn er kam wieder zurück, wenn es ihm draußen zu ungemütlich wurde. Oft, wenn ich nach Hause kam und Ingo wieder mal auf Tour war, öffnete ich das Dachfenster und rief leicht verzweifelt seinen Namen in die Nacht, aber er reagierte selten drauf. So konnte es nicht weitergehen. Ich hatte das possierliche Tierchen angeschafft, weil ich nicht mehr allein im Kino sitzen wollte, mindestens aber, damit ich ihn souverän und ungefärbten Haares aus der Jackentasche nehmen und mit ihm auf dem Marktplatz spazieren gehen konnte. Nichts dergleichen schien sich nun zu bewahrheiten. Ganz im Gegenteil schauten die Nachbarn aus dem Haus gegenüber schräg, weil sich eine Ratte wie selbstverständlich an meinem Fenster zu schaffen machte. Also fasste ich schweren Herzens den Entschluss, Ingo wieder zurückzugeben. Es stellte sich aber heraus, dass Steven schon sei Monaten nicht mehr dort wohnte, wo ich ihn damals traf. Die Vermieterin verzog auf meine Nachfrage hin nur übellaunig das Gesicht, woraus ich schließen konnte, dass sie zwischendurch in seinem Zimmer mal nach dem rechten sah, als er nicht da war. Zuhause lockte ich Ingo mit ein paar saftigen Hühnerknochen in sein Haus, packte ihn in den alten Hamsterkäfig und zog damit in den Garten von Oma, versteckte dort ein paar Quarktöpfchen im Gebüsch, öffnete die Käfigtür und wartete ab. Wenig später kam Ingo rückwärts aus seiner Hütte, zwei Knochen im Schlepptau und verzog sich in Richtung der Stachelbeeren. Das war dann auch das letzte Mal, dass ich ihn sah.

Ich dachte eine Weile darüber nach, inwiefern sich seine Überlebenschancen im Garten verändern, aber es war Sommer und die Kirschen und Äpfel begannen gerade damit, sich prall an den Bäumen zu präsentieren. Wenn ich ab und zu Oma im Garten besuchen und ihr überraschend ein paar Quarktöpfe mitbringen würde, sollte das also kein Problem sein. Zur Sicherheit ließ ich seine Hütte in der Nähe der Stachelbeeren stehen, falls es nachts regnen sollte. Er war diesen Komfort einfach gewöhnt. Auf dem Gartentisch lag die Zeitung der Vorwoche. Sie spielten „Feivel, der Mauswanderer“ im Kino.

 

 

 

 

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