Molschd

Molschd

Es war nicht die Bronx. Aber es gab Regeln jenseits jeder Erziehung. Die wenigsten von uns wuchsen mit beiden Eltern auf. Entweder waren es Alleinerziehende oder Großeltern, die ihre Kinder auf die Straße zum Spielen schickten. Ich kann mich an keine klassische Mutter-Vater-Kinder-Familie erinnern. Wenn es so war, dann war die Ehe der Eltern zerrüttet und sie standen kurz vor der Trennung. Auch ich war ein Schlüsselkind. Mutter ernährte sich und mich mit einem Halbtagsjob. Ein Mädchen aus der Schule, mit dem ich mich gut verstand, hieß Claudia. Sie hatte drei Schwestern, zwei jüngere und eine ältere. Die Mutter arbeitete nachts in einer Bar und bevor sie sich morgens ins Bett legte, schickte sie die Mädchen in die Schule. Den Vater von Claudia sah ich nie. Ich kannte ihn nicht. Und Claudia kannte ihn auch nicht. Einmal war ich dort mittags nach der Schule, als die Alte noch schlief und Claudia zeigte mir den ersten Toaster, den ich in meinem Leben sah. Morgens holte ich sie auf dem Weg in die Schule ab. Fürs Basteln – das war ein Schulfach! – hatten wir beide die Haushaltsgummis vergessen und Claudia zeigte mir, wie man sich im Supermarkt bedient. Nein, es war nicht die Bronx. Aber es war ein ärmliches Arbeiterviertel auf dem Weg in die „Roaring Seventies“. Man lernte dort eine Menge übers Leben, ohne zu wissen, wozu.

Beispielsweise lernte man, dass man sich nach Einbruch der Dunkelheit auf dem Spielplatz, der direkt neben dem Marktplatz lag, nicht aufhält. Wir Kinder zwischen sechs und vierzehn nutzten den Spielplatz zu verschiedenen Tageszeiten. Es war unser sozialer Mittelpunkt. Die Kleinsten spielten im Sandkasten am Vormittag, die kleineren Schulkinder nutzten die Spielgeräte nach der Schule und wir größeren spielten Fußball oder saßen am Nachmittag auf den Bänken, stets auf den Lehnen und die Füße auf den Sitzflächen. Ich liebte diese Nachmittage. Wir teilten die ersten, geklauten Zigaretten und sprachen darüber, was wir aus der Bravo wussten, aber nie über Dr. Sommer, da schien jeder unausgesprochen über alles bescheid zu wissen, außer mir. Aber ich traute nicht zu fragen. Wenn es aber abends wurde, wussten wir, dass man sich besser nicht mehr auf dem Spielplatz aufhält. Das war die Zeit von Kingkong Kaiser und seiner Bande und wer sich nicht schnell genug aus dem Staub machte, fing sich eine Tracht Prügel ein. Wenn Kingkong und seine Gang kam, dann mit Ketten, Messern, Bierflaschen und einem Ghettoblaster.

Kingkong war stark. Er hieß so, weil er sich wie ein Menschenaffe zwischen den starken Ästen der Platanen auf dem Spielplatz hin- und her schwang. Es war bewundernswert athletisch und es sah ganz genau so aus wie beim Affenkönig King Louie aus dem Dschungelbuch. Wenn er alleine war, hatten wir nichts zu befürchten. Er turnte uns dann immer noch was vor und ließ uns in Ruhe. Aber wenn seine Jungs kamen, denen er beweisen musste, dass er der Chef war, dann war Feierabend. Kingkong war der älteste Sohn von insgesamt sieben Kindern der Familie Kaiser im Block nebenan und seine vier Brüder und zwei Schwestern waren mindestens so berüchtigt, wie er selbst. Wer sich mit einem der Kaisers anlegte, legte sich mit der ganzen Familie an und das wussten wir alle. Nur Frank, der viertälteste der Kaisers war ganz in Ordnung und er wurde einer meiner Spielfreunde. Allerdings war er so normal, dass er sich teilweise den Hass seiner Brüder und den seines Vaters, einem berüchtigten Säufer vor dem Herrn, zuzog. Einmal wollte ich ihn von zuhause abholen und die Alte öffnete mir die Tür. Ich weiß nicht mehr, was genau hinter der Tür vorging, aber es war ein großes Geschrei und Getobe, auch Frank war daran beteiligt und ich hörte, wie der Alte ihn verdrosch. So viele schrieen durcheinander, dass ich froh war, wieder umzukehren, auch wenn ich Frank nicht treffen durfte.

Schlimmer als unser Viertel waren nur die Plattenbauten am Stadtrand oder das Nachbarviertel, zu deren Kindern und Jugendlichen es eine mir bis heute unverständliche Rivalität gab. Es gab richtige Verabredungen zu Kloppereien, an denen zwanzig, dreißig oder mehr Kinder jeden Alters teilnahmen. Man wagte sich lieber nicht zu weit ins Feindesland vor, denn wenn von denen dort jemand erfuhr, woher man kam, gab man lieber Fersengeld. Niemand von uns traute sich allein und freiwillig dort hin. Ich erinnere mich daran, dass mich zwei vom Rad runterholen wollten, nur weil sie erkannten, dass ich nicht aus ihrem Kiez kam. Aber ich hatte kräftige Oberschenkel und trat rein, was das Zeug hielt. Wenn wir mittags mit dem Fußball eine freie Spielwiese suchten, war es immer ratsam, nicht zu nahe zur Grenze hin zu spielen oder die Augen offen zu halten, ob sich eine Gruppe von denen zu uns hin gewagt hatte. Das bedeutete eine nicht tolerierbare Grenzverletzung und vor allem, schnellstmöglich Verstärkung anzufordern. Man steckte es Kingkong und der tauchte dann eine halbe Stunde später auf, um das Revier zu sichern.

Zwei Häuser neben uns gab es eine Kneipe, die trotz Sperrstunde regelmäßig überzog. Nachts kam dann immer ein Wagen mit Blaulicht und sie räumten die Kneipe leer, wenn es Schlägereien gab. Ich kannte das Innere des Ladens sehr gut. Wenn Opa abends zu uns kam und uns das Gemüse aus dem Garten brachte, weil das Geld aus dem Job von Mutti nicht ausreichte, ging ich mit einem Literkrug dort rein um Bier zu holen und während die Wirtin den Krug füllte, betrachtete ich mir die Gäste, die Hocker, den langen Tresen und die Musikbox in der Ecke. Ich liebte sie, die Musikbox und strich stets mit meinen Fingern das Holz entlang und über die Knöpfe, mit denen man die Titel wählte. Als Belohnung fürs Warten kriegte ich ein Schnapsglas voll Bierschaum und die Männer am Tresen johlten dazu und forderten Zugabe. Die Kneipe lag direkt am Marktplatz, auf dem nachts eine einsame Telefonzelle leuchtete. Die wenigsten Familien besaßen ein eigenes Telefon. Die Telefonzelle war zwischen dem frühen und späten Abend ständig besetzt. Man musste sich grundsätzlich drauf einstellen, davor zu warten, wenn man telefonieren wollte. Später, als wir unser Telefon endlich hatten, war es eine willkommene Alternative, um das Mädchen meiner Träume zu erreichen und ich brachte es eines Abends auf zwei Stunden in der Zelle, während ich währenddessen mindestens vier andere abwimmelte.

Mittwochs und freitags war immer Markt und man fand die Telefonzelle kaum noch, weil sie von den Marktständen umstellt war. Es war das Highlight der Woche. Das ganze Viertel trieb sich auf dem Platz rum. Eines Tages kam ich auf dem Rückweg aus der Schule über den Marktplatz und die Händler waren bereits dabei, alles zusammen zu packen, da entdeckte ich einen Karton mit lauter flauschigen, gelben Küken drin. Ich langte rein und nahm mir eins raus, um es mir genauer zu betrachten. Es sah mich an und rief mir „nimm mich mit“ zu. Der Bauer meinte, eins koste fünfzig Pfennig, also nahm ich zwei. Ich war der Meinung, ich könnte einen florierenden Eierhandel aus unserer Wohnung raus aufziehen, aber dieses Mal war es Mutti, die dem ein Ende setzte und der Bauer musste sein Viehzeug wieder zurücknehmen. Nein, es war ganz und gar nicht die Bronx, in der ich aufwuchs. In der Bronx hätte es keine flauschigen Küken zum Kauf gegeben. Aber mehr als einen Kingkong und seine Streetfighter hatten die auch nicht zu bieten. Die hätten sich wohlgefühlt bei uns, die aus der Bronx.

 

 

 

 

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