Endstation

Endstation

Wir hatten Glück, Natalia und ich. Die Sitze des TGV nach Paris waren in Fahrtrichtung und es waren gute Fensterplätze. Die Franzosen hatten ein Faible für was Besonderes. Alles musste so modern wie möglich sein oder so, wie sie es für modern hielten. Ich erinnere mich an einen Besuch im Centre Georges Pompidou wo sie Toiletten hatten, die sich einfach nicht spülen ließen. Ich war fertig mit meinem Geschäft und in der Schüssel lag ein ordentliches Pfund samt Papier und ich suchte den Drücker, um das Zeugs abzuspülen. Aber es gab keinen. Ich suchte die drei Wände ab und beugte mich sogar unter die Keramik, weil ich dachte, da irgendwo wird schon was sein, was man mit dem Fuß treten kann. Nichts. Es sah aus, ob sie ausgerechnet in dieser Kabine den Spülknopf schlicht vergessen hatten. Vielleicht war das so ein Infrarotding, aber auch danach sah es nirgendwo aus. Ich fuchtelte trotzdem mit den Händen rum. Auch am großen, silberfarbenen Metallspender fürs Klopapier war nichts dergleichen. Es sah danach aus, dass ich eine große Hinterlassenschaft für meinen Nachfolger liegen lassen musste. Also öffnete ich die Tür nach draußen und mit dem Aufdrehen der Schließung fing das Wasser an, durch die Schüssel zu rauschen. Ich ging nochmal rein und betrachtete mir das Ergebnis, weil ich nicht wusste, ob ich nachputzen muss und dann hätte ich mit der Bürste in der Hand schnell genug sein müssen, während ich auf- und zuschließe. Diese Franzosen. Und so bauen sie auch ihre Züge. Es gibt ein Ober- und ein Unterdeck. Es gibt Sitze mit halben und mit ganzen Tischen und es gibt welche ohne, gegen oder mit der Fahrtrichtung oder sogar quer dazu mit und ohne Bein- und Kopffreiheit, mit und ohne Lehnen, sogar welche beim Gepäckraum und an jedem der Sitze findet sich ein Sammelsurium an Knöpfen, die nie ein Mensch bedient. Ohne Reservierung geht überhaupt nichts. 

Nun, diese Sitze waren ganz normale Sessel in Fahrtrichtung, in Höhe eines Fensters, mit ausreichend Beinfreiheit und perfekt geeignet, die Zeit bis zum Gare de l‘est zu überbrücken. Ich überprüfte die Tickets. Der Wagon stimmte, die Sitznummern stimmten, ich überließ Natalia den Fensterplatz, packte die Libération aus und begann zu lesen. Als ich bei den Verkehrsnachrichten ankam, baute sich eine Frau in Schulterhöhe neben meinem Sitz auf. „Entschuldigen Sie, aber das sind unsere Plätze. Stehen Sie sofort auf!“ herrschte sie mich in einer quiekenden, hellen Tonlage in einer fürchterlich unangenehm klingenden Stimme an. Ich schaute mich um. Neben mir stand eine attraktive, junge, blonde Frau in ihren Zwanzigern, die sehr resolut dreinschaute. Sie trug einen weißen, hautengen Pullover, der ihre Brüste besonders betonte, die wie zwei stramme Melonen geradeaus nach vorne lugten. Und sie trug eine Jeans die ausdrückte: Ich kann es mir leisten, gut sitzende Markenklamotten zu tragen. Seltsam, dachte ich. Es genügt einfach nicht, nur gut auszusehen. Man muss auch drei Sätze schmerzfrei auszudrücken können. Und dazu war sie nicht in der Lage. Ich hätte es mit ihr nicht mal einen Tag lang ausgehalten, auch wenn sie aussah wie Jeanne Moreau. Ich drehte mich noch ein Stück weiter nach hinten um. Hinter ihr stand ihre Begleitung. Ein völlig ausdrucksloser, durchschnittlich und unglücklich aussehender Typ, der betreten zu Boden schaute und so war nach einer Sekunde klar, wer hier die Hosen anhatte. „Die arme Sau“, dachte ich. Er hatte es nicht leicht. Jeder, der die beiden sah, musste sich denken „oh wow, wie hat dieser Langweiler es nur geschafft, diese Granate von Frau klarzumachen“, aber wenn sie den Mund aufmachte, hatte er die Klappe zu halten, soviel war klar.

Da ich die Reservierungen genau geprüft hatte, widmete ich mich wieder der Libération und antwortete ohne sie anzusehen. „Da müssen Sie sich irren, meine Liebe, diese Plätze sind unsere“ sagte ich mit der Gewissheit eines Siegers und las weiter. Das brachte sie vollends auf die Palme. „Sie stehen jetzt sofort auf!“, quietschte sie, „aber sofort! Und ich verbitte mir Ihren Ton!“. Es wunderte mich, dass jemand mit einer solchen Stimme es fertigbrachte, den Tonfall anderer zu kritisieren. Auch Natalia blieb ruhig und gelassen, drehte den Kopf zu mir rüber, sah mich an, rollte mit den Augen und wendete ihren Blick wieder nach draußen. In solchen Situationen waren wir ein unschlagbares Team. Dann drehte die Sirene wieder auf. „Wenn sie nicht augenblicklich aufstehen, rufe ich den Schaffner!“, drohte sie. Ich blätterte um zum Sport. „Tun Sie, was Sie nicht lassen können“, sagte ich, nachdem ich umgeblättert und die Seite sorgfältig entlang der Falz geknickt hatte und bemühte mich dabei, ganz besonders lässig zu klingen, etwa so, als ob ich darauf gewettet hätte, dass Heiligabend in diesem Jahr auf den 24.12. fallen würde. „Hier!!“ schrie sie, „überprüfen Sie unsere Reservierungen und stehen Sie sofort auf!“. Ich faltete die Zeitung zusammen und sah sie an. Sie stand wie ein Drache mit wild entschlossenen, funkelnden Augen da und hielt mir die Tickets vor die Nase. Ich nahm sie aufreizend langsam in die Hand, denn ich liebte Spiele, in denen schon vorher feststand, dass ich gewinnen würde. Ich sah mir die Papiere an und las die Zahlen. Es waren die gleichen, wie auf unserem Ticket. Die Strecke stimmte, es waren dieselben Sitze und sogar die richtige Wagennummer. Verblüffend. Sie schien tatsächlich im Recht zu sein. Ich kramte meine Tickets aus der Jackentasche und überprüfte die Sache nochmals. Auch auf unserem standen diese Zahlen. „Nun“, sagte ich, „hier liegt offensichtlich ein Irrtum vor. Beschweren Sie sich beim Zugchef“. Augenblicklich kam ein schrilles „Sie stehen sofort auf!!“ zurück, aber ich ignorierte sie und widmete mich weiter dem Sportteil.

Sie fauchte noch eine Weile rum und kam auf die bescheuerte Idee, „wir bleiben hier solange stehen, bis Sie aufstehen“ nachzulegen. Aber irgendwann wurde es ihr zu dumm und sie ging den Schaffner suchen, der sich in einem ganz anderen Zugteil aufhielt. Sie brauchte dazu fast zwanzig Minuten, in denen ich mir den armen Wicht näher betrachtete, der bei Fuß stehenblieb. Mir fiel nichts anderes ein, aber ich vermutete, dass sie ihn wahrscheinlich irgendwo eingekauft hatte. Während des Stöberns zwischen den Jacken von Gucci und Lacoste hing er da im Sonderangebot und so nahm sie ihn einfach mit. Mal sehen, ob er zu irgendwas zu gebrauchen war. Jetzt hatte sie ihn für die Reise zusammen mit ihren Klamotten einfach eingepackt, weil sie ihn dort im Schrank wiederfand, wo er sich seit damals aufhielt. „Arme Sau“, dachte ich wieder. Dann kam sie zurück. Wir hörten sie schon zwei Wagen weiter, wie sie mit ihrer schrecklichen Stimme unaufhörlich auf den Schaffner eindrosch. Der arme Kerl musste inzwischen taub sein. Dann standen sie zu dritt neben unseren Sitzen. Die Show begann. Also legte ich das Blatt zur Seite und schaute dem Schaffner zu, wie er sich zu konzentrieren versuchte, während sie weiter wütete. Einige endlose Sekunden verstrichen, in denen sie mit dem Finger auf den Tickets rumfuchtelte, um ihm zu zeigen, dass sie Recht hatte. Endlich hellte sich sein Blick auf und er verkündete uns allen die Lösung des Rätsels. „Sie haben ein Ticket für den Siebzehnsechsundzwanzig“, sagte er zu Blondie. „Dies hier ist der Fünfzehnsechsundzwanzig. Der hatte Verspätung, aber sie sind mindestens eine Stunde zu früh losgefahren. Sie hätten auf den nächsten warten müssen“. Das brachte sie einige Sekunden zum Stillstand. Ihr Typ schaute auf den Boden. Natalia und ich schauten uns an. Sie rollte wieder mit den Augen. Dann legte sie wieder los. „Das muss doch am Zug stehen! Sie sind doch zu überhaupt nichts fähig!“ war jetzt der Schaffner Ziel ihres Wutanfalls.

Ihr Begleiter schaute immer noch betreten zu Boden. Er wusste, dass sie Unrecht hatte. Er wusste auch, dass er etwas hätte sagen müssen, sie zur Räson bringen, sie irgendwie von diesem Trip runterholen müssen, aber er schwieg weiter und sah zu Boden. Er war verloren und er wusste es. Blondie würde in ihrem Leben nie verlieren und falls doch, dann auf seine Kosten. Und er würde es bis zum bitteren Ende ertragen, denn er hatte als Sonderangebot offensichtlich alle Rechte an die Erwerberin abgetreten. Sie nahm ihn und ihren Koffer und zog unter lautem Zetern in den nächsten Waggon, wo sie prompt zwei freie Plätze fand, die sie ja auch sofort hätte haben können. Selbst wenn ihre Tickets die richtigen gewesen wären. Der Rest der Fahrt verlief ereignislos, bis auf den nicht heiß genug gebrühten Kaffee des Kellners, wie wir aus dem Wagen vor uns von einer uns gut bekannten, schrillen Stimme vernahmen. Als der Zug im Gare de l‘est einlief, nahmen wir unsere Klamotten aus den Fächern und gingen zum Ausgang vor. Die beiden standen direkt vor uns und als der Zug hielt und Mrs. Sunshine ohne Gepäck schon auf dem Bahnsteig stand, war er damit beschäftigt, die Koffer einen nach dem anderen rauszuhieven. Ich ging an ihm vorbei und sah ihn an. Und dann überkam es mich einfach. Ich legte ihm meinen Arm auf die Schulter, sah ihm in die Augen und sagte aufrichtig und ehrlich „Es tut mir leid, Mann. Ich wünsch Dir alles Gute. Sei stark.“ Und dann stieg ich aus. Natalia hatte das mitgehört und fing an zu gackern, aber ich meinte es wirklich so. Ein bisschen Solidarität kann nicht schaden, dachte ich. In Richtung der Bahnhofshalle hörte ich sie immer noch. „Was hat er gesagt, was hat er gesagt?“ keifte sie… „Ich zeig' Dir das Centre Pompidou“, sagte ich zu Natalia. „Dort gibt’s top Toiletten“.

 

 

 

 

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One response to “Endstation”

  1. Eddi sagt:

    Klaus, welche nationalität hatten die Beteiligten ? Du hast sie nicht erwähnt (rein informativ) (oder muss ich nochmal nachlesen ?)…"Neugier ist die beste Gier"

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