MindFuck

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Bild: ffmop.de

Die Achtziger waren wie eine Großpackung Schlaftabletten. Sie waren träge, sie waren safe und es gab verdammt viele Dinge, auf die man sich verlassen konnte. Samstagabend lief immer noch die Hitparade und selbst Ausnahmen wie DAF, Nina Hagen oder Ideal änderten daran nichts. Der Zauberwürfel beschäftigte ganze Schulklassen und das Fernsehprogramm bestand gefühlt nur noch aus Dallas, Denver und wie Bum-Bum Boris Tennisbälle schmettert. Kultur war in sehr engen Grenzen gesteckt, aber wenn mal was anders war, dann war es auch überraschend und schön zu begreifen, dass man Teil davon wurde.

So wie die Grünen Teil der politischen Kultur wurden, die Hausbesetzerszene sich breit machte und Bands auf gigantisch großen Open-Air-Konzerten zu sehen waren. In meiner kleinen Stadt gab es nicht sehr viel davon. Alles war nur ein bisschen grün, ein bisschen besetzt und ein bisschen Open-Air. Aber die Kinos begannen damit, Kinonächte mit drei bis fünf Filmen nacheinander zu zeigen. Aber wie jede kleine Revolution damals, wurde auch die wieder erstickt, als die Videocassette ihren Siegeszug durch die Wohnzimmer der Republik startete.

Dann kündigte sich ein Kinofestival in unserer Stadt an, dass sich dem „jungen, deutschsprachigen Film“ widmete – so nannten sie es jedenfalls. Ich kriegte das nur ganz zufällig mit, weil es im ersten Jahr in einem kleinen Programmkino lief, aber als ich quasi im Vorbeigehen die Ankündigung im Schaufenster las, fiel mir das Wort „Dauerkarte“ auf. Und da ich immer schon ein Faible für günstige Flatrates aller Art hatte, blieb ich stehen und sah mir das genauer an. Eine Karte – alle Filme, stand da. Vierzig Mark. Ich ging rein, fragte oben wie lange das Festival dauert und erfuhr, dass ich sieben Tage lang jeweils bis zu acht Filme deutsches Kino dafür kriege. Also kaufte ich eine. Die Vorstellung, binnen sieben Tagen fünfzig Filme für vierzig Mark zu sehen – das elektrisierte mich.

Ich begann das Experiment an einem Montagmorgen um Neun und außer mir waren vielleicht zehn, zwölf weitere Freaks im Saal, die sich den Film ansehen wollten. Es waren weiß-blaue Häuser auf einer griechischen Insel zu sehen. Blauer Himmel. Boote. Wege. Blumen. Ab und an erzählte eine Stimme was Tiefsinniges. Dann sah man wieder Türen. Fenster. Marktstände. Ich dachte über das Tiefsinnige nach, was die Stimme erzählte. Dann gab e wieder Bilder von der Insel. Nach einer Weile sagte dann wieder jemand was. Und so ging das weiter. Ich fand es gut. Und ich merkte, wie ich mich dabei entspannte und nach und nach dorthin beamte, woher auch die Bilder waren.

Der nächste Film drehte sich um eine Beziehung zwischen zwei Frauen einer WG, in der plötzlich ein Mann auftaucht, den sie beide kannten, aber davon nichts wussten. Auf dem Niveau des Abendprogramms im Fernsehen hätten sie daraus womöglich eine oberflächliche Komödie gestrickt, aber hier ging es darum, wie sich die Erinnerungen an die vergangenen und fiktiven Hoffnungen mit der Realität vermischten. Ich fand diese Verwandlungen wahnsinnig spannend.

Im nächsten Film ging es um einen Taxifahrer. Man sah eigentlich immer nur, wer ins Taxi einstieg und was die so erzählten. Den Taxifahrer sah man nie, man hörte ihn immer nur aus dem OFF und es dauerte keine halbe Stunde, bis ich beschloss, unbedingt den Taxischein zu machen. Das wollte ich auch! Andauernd jemanden kennenlernen, der mir was erzählt.

Und so zog ich mir einen Film nach dem anderen rein und fütterte mein Hirn, was das Zeugs hielt mit Bildern, Stories, Ideen und neuen Eindrücken und es war mir egal, ob es ein Film war mit minutenlangen Einstellungen auf eine Viehherde oder eine rasante Verfolgungsjagd in der Großstadt, ich adaptierte einfach alles, was ich zu sehen kriegte. Nachts kam ich nach Hause, schlief keine halbe Stunde später ein und träumte die wildesten Sachen – es war fantastisch. Und am nächsten Tag versorgte ich mich wieder mit meinen Stullen und Keksen und Dosenbieren und wuchs in den Kinosessel in der fünften Reihe, Mitte. Überhaupt stellte ich fest, dass es am Intensivsten war, wenn man sich in eine der Reihen vorne setzt.

Es ist ja nun mal so: Wenn ich einen guten, intensiven und besonderen Film sehe, dann teile ich das nicht so nebenbei mit jemandem, selbst wenn wir zu zweit im Kino sind. Es steckt in mir und bleibt da drin und es ist jedes Mal eine Art Bewusstseinsveränderung über die ich nachdenke. Aber damals blieb kaum Zeit dazu und während ich noch beim WOW war, ging schon der nächste Film tief rein und ich denke, es lag einfach daran, dass ich mich auf Alles einlassen konnte, während ich mir heute das Kinoprogramm rauf und runter lese und trotzdem nicht dazu in der Lage bin, mich für einen Film zu entscheiden. Wenn ich mich endlich entschieden habe, dann meistens falsch. Anderntags weiß ich schon nicht mehr, warum ich mir das ausgesucht hatte und manchmal nicht mehr, worum es eigentlich ging. Aber damals war das Erlebnis so intensiv und bewegend, dass ich davon stundenlang erzählen konnte.

Im zweiten Jahr kaufte ich mir wieder eine Dauerkarte und ich hätte es ahnen können, dass sie es mir wegnehmen, als das Fernsehen auftauchte und vom Festival im Foyer des Kinos berichtete. Sie befragten die Dauerkartenbesitzer, aber nachdem ich zwei oder drei Fragen beantwortet hatte, brach ich das Interview ab, weil der nächste Film anfing und ich den Vorspann nicht verpassen wollte. Im dritten Jahr lief es dann schon in mehreren Kinos und es wurden immer mehr Zuschauer im Saal und irgendwie entglitt mir dieses besondere Feeling, dieses Eintauchen in jeden neuen Film mit jedem neuen Fernsehbericht und jedem neuen und vollen Kinosaal immer mehr. Es gab auch keine Dauerkarten mehr für alle Vorstellungen, sondern nur noch Zehner-Packs und im vierten Jahr beschloss ich schließlich, nicht mehr hinzugehen.

Heute weiß ich, dass ich Teil eines zauberhaften Anfangs war, aber damals fluchte ich über die Veränderungen und den Trubel, der jedes Jahr zunahm. Zuhause lief nämlich immer noch Denver und Dallas und Boris bumste immer noch mehr Tennisbälle als alles Andere.

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