Aus dem Leben eines Außenseiters (4)

Aus dem Leben eines Außenseiters (4)

GUT ERZOGEN

Oft sagen andere zu mir
warum hast du das nicht abgewürgt
und dir das alles angehört
und dann hebe ich die Schultern
und sage: „Weiß nicht“, aber
in Wirklichkeit weiß ich es natürlich

Ich bringe es auch nicht fertig, jemandem
am Telefon zu sagen, dass ich nicht
hören will, was er sagt. Stattdessen
mache ich „mh“ und „ja“ und „aha“
und hoffe einfach darauf, dass die
Plage bald ein Ende hat.

Unsere Zeit ist begrenzt, aber wir setzen
uns diesen Plagegeistern aus, hören
uns an, was sie nicht zu sagen haben, während
sie permanent reden und ihren idiotischen
Drang zur Invasion an Dir ausleben und
ich warte einfach nur drauf, dass es vorbei geht.

Es müsste eine Möglichkeit geben, das
Gespräch einfach abzubrechen, ohne dass
der andere sich darüber wundert, aber ich
kann nicht ständig ein Erdbeben simulieren
oder so tun als ob gerade Besuch gekommen
ist, der was Besseres zu sagen hat.

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DIENER DER FREIEN MARKTWIRTSCHAFT

Ich hatte so viele Jobs, dass ich sie kaum zählen
kann, aber die schlimmsten waren die, in denen
es darauf ankam, besonders zuvorkommend oder
über alle Maßen freundlich zu sein. Jobs, in denen
es wichtiger war, einen korrekten Knoten im
Schlips zu haben oder die drei immer gleichen
Sätze jedes Mal aufzusagen, wenn einer reinkam
oder anrief, als das, was ich tatsächlich leistete.

Und am allerschlimmsten war es, dabei zuzusehen,
wie andere darin aufgingen, als sei es ihre Erfüllung
mit dem gefrorenen Lächeln einer Margarinewerbung
einfach nur die Fresse zu halten, bis man was gefragt
wird und ansonsten dumm rumzustehen und gut
auszusehen – da gab es wirklich einige Spezialisten,
die das soldatenhaft durchzogen, als ob ihnen nicht
klar gewesen wäre, dass das gar nichts hermacht.

Ich meine, wenn Du einem Bauern auf einem Feld
dabei zusiehst, wie er die Heuballen aufeinander
stapelt oder einem Lagerarbeiter, wie er das Regal
wieder auffüllt oder meinetwegen einem Sesselfurzer
beim Papier sortieren beobachtest, von mir aus einem
Leichtathleten, wie er die 110 Meter Hürden im
Rekordtempo nimmt, ja sogar dem Busfahrer
wie er den Fahrplan abarbeitet oder in einem alten
ungarischen Ikarus den Schaltknüppel rührt:

Das kannst du alles sehen oder messen oder fühlen
und manchmal sogar schmecken, riechen oder zählen.
Aber einfach nur dazustehen, den ganzen Tag den
Grüßaugust machen, nett auszusehen und ansonsten
das Hirn auszuschalten und diese Arbeit dann auch
noch loben, wie leicht sie sei, was für ’ne lange
Mittagspause es hat und was für ein tolles Geld
für nichts anderes, als da zu sein, da wundere ich mich.

Merken diese Menschen denn gar nicht, dass sie
verderblich sind?

Ich bin als Diener der freien
Marktwirtschaft
einfach nicht zu gebrauchen.

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