Les aventures marocaines (5)

Les aventures marocaines (5)

(Epilog)

Ich war seit Monaten unterwegs und als die Fähre wieder in Spanien ankam, ich den ersten Zug nach Norden nahm und im Zug sitzend die anadalusische Landschaft an mir vorbeiziehen ließ, sollte mir der magische Gott des Zufalls und der schicksalshaften Bestimmung nochmal in aller Deutlichkeit zeigen, was ein harter linker Haken ist. Ich saß im ansonsten leeren Zugabteil und die Trommel, die ich mir in Rabat gekauft hatte, klemmte zwischen meinen Knien. Während ich mit den Fingern ein paar Takte zu einem passenden Soundtrack suchte, dachte ich an die vielen guten Menschen die ich traf und an die vergangenen Abenteuer in Afrika. Ich war entspannt und fühlte mich erwachsener wie nie zuvor, aber ich war auf dem Weg zurück in eine Welt, die was mit Kleinstädtigkeit, Jobsuche und chronischer Geldnot zu tun hatte. Paul war noch in Marokko geblieben, weil er mehr Zeit hatte und ich beneidete ihn darum. Ich hätte gerne noch dort gewohnt, ein paar Wochen, vielleicht sogar ein paar Monate. Eigentlich wollte ich überhaupt nicht mehr zurück und dachte philosophierend ein wenig vor mich hin, welche Zwänge im Leben wirklich so wichtig sein könnten, dass man sich ihnen ergibt. „Dieses Dorf, von dem mir Konrad erzählte….“, dachte ich… „das hätte ich auch noch gern gesehen.“

Vor einem halben Jahr hatte mir Konrad den Tipp gegeben, seine Freunde auf dem Weg nach Marokko zu besuchen. Sie waren nach Südspanien ausgewandert und nach allem, was er über das Dorf wusste, musste es das Paradies für Freigeister sein, die sich keinerlei Zwängen mehr unterwerfen wollten. Es liegt ziemlich genau DA, sagte er, gleich bei Almeria – und zeigte mit dem Finger auf die Sierra Nevada, eine Gebirgskette so groß, dass man Madrid drei Mal reinpacken könnte. Und dann versuchte ich mir den Dorfnamen zu merken, an den ich mich heute beim besten Willen nicht mehr erinnern kann. Auf der Hinreise hatte ich nicht vor, dort zu übernachten, denn ich wollte zügig meiner Sehnsucht Afrika entgegen, aber ich schaute mich trotzdem um, studierte Zugpläne und Landkarten. Das Kaff zu finden war aussichtslos. So war das damals. Man kreiste mit dem Finger übers Papier und suchte analog und angestrengt nach einem ähnlichen Namen und entweder man fand es oder eben nicht. Und jetzt dachte ich nochmal über den Namen nach, den er mir damals nannte. Und zwar exakt in dem gleichen Augenblick, in dem der Zug in dem Dorf hielt, das ich suchte! Ich konnte die Dimension dieses unfassbaren Moments überhaupt nicht begreifen, als ich den Namen der Station las. Ich raffte meine sieben Sachen zusammen, stürzte aus dem Abteil und dann auf den Bahnsteig. Und noch bevor ich mich wieder sortiert hatte, setzte sich der Zug schon wieder in Bewegung und ich sah ihm nach, bis er hinter der nächsten Kurve verschwunden war.

Der Bahnsteig war kahl. Beton, ein paar Pfeiler und zwei Namensschilder auf jeder Seite, zu mehr hatte es hier nicht gereicht. Die Mittagssonne brannte vom wolkenlosen Himmel auf mich herab. Es war nicht mal ansatzweise die Nähe von Almeria, wie es Konrad damals behauptete. Aber es musste einen Grund geben, warum mich ausgerechnet dieser Zug hierher führte. So viel war sicher. Dann sattelte ich meinen riesigen Rucksack und lief über die Straße bis zum Abzweig in Richtung des Bergdorfs. Ich brauchte den Daumen nicht lange rauszustrecken, bis ein alter und rostiger Transit anhielt. Zu meiner Überraschung mit deutschen Kennzeichen. Ich wuchtete mein Gepäck auf die Ladefläche, bedankte mich beim Fahrer und fragte nach den Freunden von Konrad. „Die Schmuckmacher? Die sind dieses Wochenende nach Algeciras, um ihren Schmuck verkaufen. Wir können nachsehen, ob sie an ihrem Haus eine Nachricht hinterlassen haben.“ „Na toll“, antwortete ich. Die ganze Zeit über hatte ich mir ausgemalt, wie ich zweitausend Kilometer von zuhause an die Tür von zwei mir wildfremden Leuten klopfe und lässig sage „Schönen Gruß von Konrad“. Das war schon mal nicht drin. Aber jetzt bist Du schon mal da und schaust dir das an. Die Straße führte über endlose Serpentinen hoch zum Plateau.

Je näher wir dem Dorf kamen, desto mehr war ich mir sicher, Bob Marleys Stimme singen zu hören und so war es dann auch. Regenbogenfahnen, jamaikanische Flaggen und allerlei Buntes flatterte und schwebte über dem Dorf und der Reggae-Beat breitete sich weit in alle Richtungen übers andalusische Hochland aus und musste hier oben kilometerweit zu hören sein. Der leckere Duft von gutem und starkem Gras breitete sich aus, legte sich über die Wege und Hütten und machte trotz aller Hitze, Staub und Trockenheit alles hier gleich nochmal viel verlockender.

Ich träumte immer von einem Platz wie diesem und jetzt also hatte ich ihn gefunden. Das hier musste es sein – es war meine Vorstellung vom Paradies, keine Frage. Alle hier oben realisierten sich ein selbstbestimmtes Leben und jeder von ihnen hatte eine Odyssee des Ausstiegs hinter sich, immer auf der Suche nach Freiheit. Auswanderer aus ganz Europa lebten hier. Ein paar Holländer, ein paar Franzosen, auch Spanier und jede Menge deutscher Auswanderer waren drunter. Sie lebten von wenig, aber sie lebten vor allem autonom dort oben, nachdem sie andalusischen Bauern abkauften, was für diese ohnehin nur wenig Wert besaß. Manche von ihnen bestellten ihr eigenes Stück Land, andere lebten in Wohngemeinschaften oder als Einsiedler. Angesagt war bei allen das Gleiche: Ich möchte hier einfach nur in Frieden leben und in Ruhe gelassen werden und der einzige Grund, warum ich in diesem Dorf lebe, ist, dass ich ab und zu mit jemandem reden muss oder etwas Salz für mein selbstgebackenes Brot brauche.

Ich suchte mir einen Platz unter einem riesigen und Schatten spendenden Kaktus, packte den Gaskocher aus und aß erst mal was. Hungrig ließ sich einfach schlecht denken, wie es weitergehen soll. Dann saß ich eine Weile Kaffee trinkend und rauchend unter dem Kaktus und sah dem Treiben im Dorf zu. Ich ließ mein ganzes Hab und Gut, so wie es war, dort liegen und suchte die Hütte von Konrads Freunden, die unschwer an der Schmuckwerkstatt zu erkennen war. Wie vermutet, fand ich den Zettel mit der Nachricht, wann sie zurück seien und hinterließ ihnen wiederum eine Notiz, die meinen Besuch erklären sollte.

In der Dorfkneipe gab es das verdammt beste Bier, dass ich seit Monaten getrunken hatte. Was kein Wunder war, weil ich die Monate zuvor keines trank. Aber das Bier war wirklich gut. Es war kalt, es schmeckte sehr nach Reinheitsgebot und vor allem; es war nahezu geschenkt, weil ich ständig von irgendwem eingeladen wurde. Ich kam mit jedem Gast nach und nach ins Gespräch, erzählte meine Geschichten von den Abenteuern des fremden Kontinents und von dem unglaublichen Zufall, dieses Dorf zu finden. Einen guten gemeinsamen Joint später erklärte mir der Typ, der neben mir an der Theke stand, eine faszinierende Theorie, wonach die arabischen Menschen auf dieser Welt eben nicht von dieser Welt seien. Sie wären von Außerirdischen hierher geschickt, erklärte er mir, um diese Welt von innen auszuhöhlen, damit sie von den außerirdischen Invasoren später genutzt werden könne. Ich erinnere mich noch genau, dass ich an dieser Theorie meine ernsthaften Zweifel hatte, aber er war sehr gut darin, es mir Schritt für Schritt zu beweisen. Jedenfalls, nach weiteren drei oder vier Bier war ich selbst felsenfest überzeugt davon und missioniert. Dann wandte ich mich einem anderen zu und verzapfte ihm exakt die gleiche Story, aber er kannte sie schon und winkte gelangweilt ab. Nach Mitternacht packte der Wirt noch seine Klampfe aus und wir sangen reihum was uns einfiel. Die Franzosen gaben noch ein paar Chansons zum besten. Ich glaube einfach nicht, dass ich je beseelter und glücklicher einen Abend an der Theke verbrachte, als in dieser Nacht im andalusischen Hochland. Irgendjemand lud mich noch ein, in seinem alten VW-Bus zu schlafen, was ich natürlich dankend annahm.

Am Morgen danach war Armageddon. Es dauerte eine Ewigkeit, bis ich mich daran erinnerte, wo ich war und warum ich ohne Klamotten in einem fremden Bus lag. Dann bemerkte ich, dass all meine Sachen weg waren. Später erschien mir wage ein Bild eines riesigen Kaktus und bis ich Rucksack und Trommel wieder hatte, projizierten sich weitere Bilder der Nacht. Obwohl ich mir abends noch geschworen hatte, mir die schlüssige Darlegung, wonach alle Araber von Außerirdischen geschickte Botschafter waren, genau zu merken, wollte es mir aber nicht mehr einfallen. Es gab jetzt auch keine Musik und kein Gras mehr, die mich dabei unterstützen konnten und überhaupt sahen die Fahnen und alles andere hier viel trauriger und weniger einladend aus, als noch am Abend zuvor. „Kaffee“. Dachte ich. „Kaffee“.

Ich nahm meine Sachen und spazierte zur Landstraße runter, weil ich mich an ein Café erinnerte, das ich eingangs der Siedlung tags zuvor als Mitfahrer entdeckte. Tatsächlich war es offen. Weil meine Sachen schwer waren, ließ ich sie vor der Tür des Hütte stehen, orderte bei der Café-Frau einen großen Schwarzen und wusch mich auf dem Klo. Und als ich aus meinem Luxusbad zurück war, geschah schon wieder etwas ganz Selbstverständliches, was mich aus dem Dorf in gleicher Weise raus brachte, wie ich reingekommen war. Ein alter Heckflossen-Benz hielt vor der Tür an und eine hübsche, rothaarige Frau mit Rastazöpfen und lustigen Sommersprossen trat ein und fragte mich, ob ich mit ihr den Berg runter fahren will. „JA“, rief ich überrascht vor dieser unerwartet strahlenden Erscheinung aus und erschrak ein bisschen vor mir selbst, ohne mich an meinen Vorsatz des kompletten Ausstiegs zu erinnern. „Nimm die Tasse mit“, sagte die Café-Frau. „Andrea bringt sie später wieder mit hoch“.

Während ich versuchte, mich auf den Haarnadelkurven bergab mit dem heißen Kaffee balancierend, schlückchenweise wieder zu beleben, erzählte mir Andrea, dass sie seit fünf Jahren hier lebte. Ihre Tochter sei jetzt schon fast Vier und nun denke sie darüber nach, doch nochmal in die Stadt zu ziehen – oder ihr Kind selbst zu unterrichten. Mit dieser Frage sah sie mich an und erwartete offensichtlich eine kompetente Antwort. Tja, da wusste ich auch keinen Rat. Da fragte sie den Falschen. In Sachen Kindererziehung war ich wahrlich kein Experte, aber ihrer Mutter nach zu urteilen, zog sie ein bildhübsches Kind groß, so viel war sicher. Vielmehr beschäftigte mich, wie unvermittelt, unerwartet und sonderbar ich hierher gefunden hatte, wie kosmisch meine Begegnungen waren und wie schnell ich wieder an der Bahnstrecke war, ohne dass ich auch nur irgendwas dazu beitrug. Ich konnte nicht mal beweisen, dass dieses Fleckchen Erde tatsächlich existiert. Ich hatte kein einziges Foto davon, obwohl ich Hunderte von Marokko aus nach Hause brachte. Ich kann mich heute nicht mal an den Namen erinnern, obwohl ich noch ziemlich genau weiß, wo der Zug damals hielt. Nun, das könnte wirklich die Folge des verdammt guten Biers gewesen sein. Vielleicht ist das ja auch ganz gut so, dass man sich wenigstens auf diese Wirkung verlassen kann. Aber was sollte ich daraus lernen? Vielleicht sollte ich einen Araber danach fragen.

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