Ich möchte jemanden grüßen!

Bild: Rainer Sturm / pixelio.de

Maria war so klein, dass sie beim Sitzen auf dem Küchenstuhl nie mit beiden Beinen gleichzeitig den Boden berührte – obwohl der Stuhl schon extra für sie gekürzt worden war. Wenn sie auf ihren Fernsehsessel rutschte, dann hingen ihre Krummsäbel über die Sitzfläche hinaus in die Luft. Kleinwuchs war nicht das einzige Problem meiner Großtante. Abgesehen davon, dass sie vermutlich nie in den Genuss körperlicher Liebe kam, hatte sie  diesen scheiß Krieg mit etwa dreißig hinter sich gebracht und dabei neben anderen Verwandten ihre Schwester samt deren Tochter verloren. Ihre Schwester wäre mir wahrscheinlich auch gerne eine Omi gewesen. So wurde Maria meine Ersatzomi. Ich liebte Maria. Sie kochte verdammt guten Schweinsbraten und zwei Mal im Jahr gab es fünf Mark für die Kirmes. Außerdem konnte man viel von ihr lernen.

Eines Tages belehrte sie mich zum Beispiel, dass niemand jemals bis ins Kino laufen müsse. Es reiche nämlich völlig aus, sich ganz nah vor den Fernseher zu setzen und schon hat man Kino! Wieder fünf Mark gespart! So weise war sie. Und niemand zog je zum Kampf entschlossener in den Supermarkt, als sie. Die hießen damals noch nicht Aldi oder Lidl oder Rewe. Es waren leidlich ausgebaute Tante-Emma-Läden, für die es putzige kleine Einkaufswagen gab. Maria brauchte keinen. Sie hatte mich und ich zog ihren Trolli. Das war meine Aufgabe, während Maria die Verkäufer das Fürchten lehrte. Los ging es meist schon am Eingang, wo das Obst und Gemüse lag. Sie nahm eine Schachtel Erdbeeren, über denen „Ein Pfund 99 Pfennig“ stand und prüfte händisch das Gewicht nach. Ich wusste, was kam, also stellte ich den Trolli ab und genoss das Schauspiel. Während sie die Schachtel, die damals noch aus einfacher Pappe und nicht aus diesem hässlichen Klarsichtplastik bestand, mit der Hand abwog, fing sie im Augenwinkel den Marktleiter ein und beorderte ihn zum Obst.

„Wie kann ich Ihnen helfen“, fragte er. Sie hielt ihm die Schachtel nach oben und fragte: „Ist das hier etwa ein Pfund?“. Der Marktleiter schaute gütig auf sie herunter und lächelte mit der Selbstverständlichkeit eines Liftboys, der weiß, wo es hin geht. „Natürlich ist es das. Steht doch dran.“ „Glaube ich nicht“, sagte Maria bestimmt. „Nachwiegen!“ forderte sie. Der Marktleiter nahm die Schachtel und ging zur Waage. Maria folgte ihm so schnell es ihr möglich war, sicherheitshalber gleich mit zwei Extra-Erdbeeren in der Hand. Sie wollte die Zahl auf der Waage dort oben selbst erspähen. „Sehen Sie“, wies der Händler mit dem Finger auf den Zeiger, während der sich knapp vor der 500 einpendelte, „ein Pfund“. „Ein Pfund sind 500 Gramm!“ rief sie, „sind das etwa 500?“ – und legte die beiden Erdbeeren obenauf. „Jetzt! Sind es 500 Gramm. Und die Schachtel, was ist mit der Schachtel? Die zahl‘ ich doch auch noch mit“. Der Marktleiter wusste, dass Widerspruch zwecklos war. So zogen wir dann durch den ganzen Laden. Auch an der Wursttheke ließ sie sich als Ausgleich für die Verpackung höchtens damit besänftigen, dass der Metzger mir ein Stück Lyoner extra zuschob.

Ich verstaute den Einkauf im Trolli an der Kasse, während Maria 13 Mark 83 in Münzen zusammensuchte, ohne sich dabei auch nur eine Sekunde von der Ungeduld der Schlange hinter ihr ablenken zu lassen. Zur Not sagte sie sowas wie „Ich musste in meinem Leben auch immer auf irgendwen warten“ – und jeder gab sich damit zufrieden. Wenn alles mit den Münzen erledigt war, kontrollierte sie den Kassenbon aufs Genaueste. Tatsächlich fand sie bei jedem zweiten Einkauf irgendetwas, was weitere Diskussionen nach sich zog und ab und an brachte sie es fertig, dass der ganze Einkauf nochmals nachkontrolliert wurde. Nicht selten schlug sie so ein 22 Pfennig-Vermögen raus, weil irgendein Preisschild zwischen Mehl und Zucker an der falschen Stelle stand. Dann war es Zeit für die Zugabe. Pro ausgegebener Mark gab es eine Rabattmarke, die aber vor Ort ins Buch geklebt werden musste. Hatte man ein Buch voll, war das bares Geld wert. Also diskutierte Maria mit großer Beharrlichkeit, ob 13 Mark 83 jetzt dreizehn oder vierzehn Marken wert war. Der Händler war jedes Mal heilfroh, wenn wir wieder aus dem Laden draußen waren. Manchmal denke ich, sie hat dieses ganze Theater nur abgezogen, um mir zu zeigen, wie man mit Geld umgeht. Das war ihre Art, mir das beizubringen. Tatsächlich dachte ich neulich an genau diese Manöver. Über den Äpfeln mit dem poetisch schönen Namen „Pink Lady“ stand „Ein Kilo 2,49 Euro“. Ich schaute mir die Packung an. 600 Gramm.

Beim Zahlen zog die Kassiererin das Ding über den Scanner. „Zweineunundvierzig“, sagte sie. „Ist das etwa ein Kilo?“ fragte ich zurück. Sie schaute mich an wie jemand, der aus zwei Metern Entfernung auf die Kinoleinwand glotzt. Es dauerte eine Weile, bis sie begriff, was ich von ihr wollte. Die Marktleiterin kam an und erklärte, jemand habe ein falsches Schild bei den Äpfeln hingestellt und die Packung koste nun mal zweineunundvierzig – und nicht das Kilo. Ich mimte John Wayne auf einem verdammt hohen Ross. Sie gab mir 30% Rabatt und ich schickte einen Gruß an Maria. Keine zwei Wochen später stand ich wieder an der Obsttheke. Das Schild wies 2,49 Euro pro Kilo aus. Ich rief die Fachkraft für Obst, Gemüse und Kundenverwirrung und wies auf die Preistafel. „Zweineunundverzig für ein ganzes Kilo?“ fragte ich kurz und knapp. Sie nickte. Ich nahm die 600 Gramm Pink Ladies und legte sie aufs Band. Der Scanner zeigte zweineunundvierzig. „Kennen Sie meine Tante Maria?“ fragte ich.

 

 

 

 

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Ein Kommentar

  1. Gelesen am 26.06.16 in Zimmer 16, der Offenen Pankower Lesebühne, Text 1

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