Hit the road, Buchhalter (4)

Hit the road, Buchhalter (4)

Aus der Serie: Die Abenteuer mit dem Buchhalter; Teil 4: Wir füttern die Katze.

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Daran hatte ich nicht gedacht. Noch am Vorabend hatte ich dem Buchhalter den verdammt besten Schiss seines Lebens versprochen und nun hingen wir in Fuselnich an einer Münztanke, waren pleite wie die Geier und kein Klo weit und breit. Der Stoff kam jetzt langsam und wirkungsvoll zur Entfaltung und versetzte mich im gleichen Moment, in dem ich noch über die misslich klo-lose Lage des Buchhalters nachdachte, in höchste Euphorie. Ich war nicht nur in bester Laune, ich wusste geradezu mit untrüglicher Sicherheit, dass alles gut werden würde. Nein, es würde nicht nur gut gehen, es würde so gut gehen wie nie zuvor, mit Sternchen und Schlagsahne, davon war ich fest überzeugt. Der direkt nachfolgende Gedanke war – während ich ein Musiktape nach dem anderen in den Stereo stopfte – dass wir unbedingt nach Paris mussten. Es gab dort hypermoderne Straßenklos, die zu richtig guten Sitzungen einluden, ohne dass es mit dem Einsatz größerer finanzieller Reserven verbunden war. Man warf seine Cinquante-Centimes-Münze rein und hatte unendlich Zeit auf einer feinst gereinigten Schüssel und anschließend die ganz große Show der Selbstreinigung, während man noch drin war. Dann konnte ich plötzlich meine eigenen Gedanken hören und wunderte mich, wer die für mich aufsagte. "Wir haben keine 50 Centimes", sagte der Buchhalter. "Warum sagst Du mir das?" versuchte ich Zeit zu gewinnen. Der Buchhalter antwortete nicht, aber ich bemerkte an seinem besorgten Blick auf die rund drei Dutzend Kassetten und Hüllen auf der Rückbank, dass ihn ernsthaft was beschäftigte.

Mir hingegen ging es blendend, denn ich wusste, es wird alles gut. Kaum hatte ich das verinnerlicht, kam auch schon der Tankwart um die Ecke. Er fuhr einen großen, alten und amerikanischen Truck und ich drückte "Sweet Home Alabama" in die Anlage. Er musterte uns nur kurz, als sei es völlig normal, dass Sonntag morgens um Sieben zwei Freaks Disco an der Zapfsäule machen. Er schloss den Laden auf. "Dieser Mann", sagte ich zum Buchhalter, "hat das verdammt beste Klo westlich des Urals!". Ich wusste einfach, dass es stimmte. Ich drehte den Sound laut genug, damit ich ihn auf dem Weg zur Tür und schließlich sogar im Verkaufsraum der Tanke selbst hören konnte, denn ich brauchte einen Soundtrack zum Film, der gerade ablief. "Hier ist es üblich, die Gäste des schönen Fuselnich auf eine Rast im stillen Örtchen einzuladen, soweit ich mich erinnere….", versuchte ich den Tankwart zu überzeugen, weil er mir einfach nur wortlos gegenüber stand und an seiner Miene war nicht abzulesen, ob er mich überhaupt verstehen konnte. Endlich machte er den Mund auf. "Keine Ahnung. Bin nicht von hier." Dann deutete er auf eine Tür am anderen Ende des Raums. Ich schob die Glastür nach draußen wieder auf und deutete dem Buchhalter mit erhobenem Daumen an, dass ich die Sitzung klargemacht hatte. Die Erleichterung war ihm augenblicklich anzusehen – die nächste Stunde war also Dorf-DJ angesagt.

Ich gab mein bestes, um den Tankwart zu unterhalten. Zwanzig Minuten später bog der erste Kunde ein. Ich drückte "Smoke on the water" rein, klemmte mir die kroatischen Zigaretten untern Arm, die ich zuvor im Handschuhfach fand und machte mich bereit für den Deal, der uns nach Hause bringen sollte. Noch bevor die andere Karre neben unserer zum Stehen kam, lehnte ich mit der Stange Heu unterm Arm schon lässig am Heck der Badewanne. Die letzten Meter bis zur Säule verlangsamte mein Zigarettenkäufer das Tempo, blieb dann aber abrupt stehen. Er schaute mich entgeistert hinter seiner Windschutzscheibe schräg nach oben an und blieb reglos im Auto sitzen. Ich schaute ihn erwartungsvoll an, er sah ängstlich zurück. So ging das eine ganze Weile, bis er unvermittelt den Rückwärtsgang reinwarf, panikartig rückwärts wieder auf die Straße einbog und zusah, dass er wegkam. Anscheinend kein Raucher. Dann bemerkte ich, dass ich selbst noch eine brennende Kippe im Mundwinkel hatte – keine zwei Meter neben der Zapfsäule. Ich reckte die Faust, refrainte "…a Fire in the sky…" und setzte mich wieder souverän hinters Steuer.

Nochmal zwanzig Minuten mit den besten Hits aller Zeiten vergingen. Nach meiner Erfahrung sollte der Buchhalter gleich aufkreuzen. Es war also an der Zeit, die Sache zu forcieren. Ich kramte das Tape mit "Highway to Hell" vor – und da kam er auch schon hastig aus der Tür, ein ganzes Bündel Geldscheine in der Hand und wedelte damit heftig rum.Es waren mindestens dreihundert Mark. "Heilige Scheiße" rief ich zwischen zwei Gitarrenriffs, versuchte reflexartig den Wagen zu starten, ihm gleichzeitig die Beifahrertür zu öffnen und die Bässe an den Rand des Wahnsinns zu drehen. "Spring rein!" schrie ich ihm zu, aber die Karre sprang natürlich nicht an und ich erinnerte mich wieder, warum wir hier waren. Ich war völlig aus dem Häuschen. Mein Freund, der Buchhalter. Ein Teufelskerl! "Du hast es echt getan?" rief ich… "du hast die Fuselnicher Tanke hochgenommen?? Du Wahnsinniger! Wie kommen wir jetzt hier weg?" Der Buchhalter warf mir einen abgebrühten Blick zu, der äußerst beruhigend war und große Gelassenheit ausstrahlte und für einen kurzen Moment wuchs er in meinen Augen zu dreifacher Größe, passte sich dann aber wieder dem Beifahrersitz an und klärte mich auf.

Er hatte sich auf der Hinfahrt eine beachtliche Menge an Bargeld in die Socken gestopft, es dann aber ignoriert, weil er es für den Rest des Monats brauchte und genau das fiel ihm während seiner Sitzung wieder ein. "Jetzt nochmal langsam zum Mitschreiben", fragte ich nach. "Wir ziehen dieses Drama hier seit Stunden durch und Du gehst auf dreihundert Mark spazieren?" "So siehts aus", sagte er trocken. "Ich  kann nicht denken ohne mich morgens auszusitzen. Du weißt das. Wo ist das Problem? Es ist Sonntag, wir haben die Scheine, wir haben die Zeit, wir gehen die Katze füttern". Das leuchtete mir ein. Wir betankten die Badewanne bis zum Rand, starteten die letzte Etappe und ließen uns vom Tankwart eine ganze Kanne Kaffe abzapfen. Das war auch nötig. Wir sangen die kompletten Top Einhundert der Siebziger lautstark mit und ich brachte den Buchhalter zu seiner Katze. Sie war reichlich sauer und hatte inzwischen das Sofa um einige Schichten kleiner gescharrt, aber vermutlich fehlte ihr nur jemand, den sie verprügeln konnte. Ich versuchte sie mit einem Streichler zu besänftigen, aber sie zog es vor, mir diesmal ohne Vorwarnung direkt eine zu wischen. "Ich finde, wir sollten unseren Horizont kulturell erweitern", sagte ich dem Buchhalter. "Was steht an?" wollte er wissen. "Paris", sagte ich. "Perfectamente", rief er. "Ich muss nur noch eben die Katze füttern."

 

 

 

 

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