Easy Money

Easy Money

Ich fand den Job über die Jobbörse an der Uni. Es klang nach leicht verdientem Geld. „Entrümpelung. Zwanzig Mark die Stunde, zwei Mann“, stand da. Ich rief den bärenstarken Kalle an, weil der es schaffte, sogar Waschmaschinen alleine zu tragen. Mit ihm würde ich das locker schaffen. Dann besorgten wir uns einen Transporter und fuhren zum Vermieter. „Hier ist die Adresse und hier sind die Schlüssel. Stellt einfach alles in den Hof. Glaubt Ihr, dass Ihr das schafft?“, fragte der Typ. Ich fand es komisch, dass er uns einfach so die Schlüssel seiner Wohnung gab, aber verdrängte den Gedanken wieder. Ich sah Kalle dabei zu, wie er die Schlüssel einsteckte und sich den Zettel betrachtete. Kalle war einfach klasse. Es war jedes Mal sichtbar, dass er vor dem Antworten überlegte. Obwohl er die Antwort wahrscheinlich schon wusste. Aber es gab ihm sowas Souveränes und keiner wiedersprach dann gerne, weil er ja sichtlich nachgedacht hatte. „Warum sollten wir das nicht schaffen?“, fragte er zurück. Der Deal war, dass wir alles, was wir gebrauchen konnten, obendrein noch mitnehmen durften. Wenn wir mit dem Rausstellen fertig wären, würden wir einfach wieder zurückkommen und dann ganz groß abkassieren. Nach Abzug aller Kosten sollten dabei für jeden von uns mindestens Zweihundert, vielleicht Dreihundert hängenbleiben, rechnete ich mir durch. Während Kalle fuhr, bröselte ich befreit meinen letzten Rest Dope in einen prächtigen Joint, weil ich wusste, dass ich schon sehr bald einen sehr großen und frischen Klotz in der Tasche haben würde. Kalle rauchte nicht. Er brauchte die Zeit zum Überlegen. „Machst Du Dir Gedanken wegen der Kohle?“, fragte ich. Er legte die übliche Kunstpause ein. „Nein. Aber irgendwas scheint faul an der Sache“, sagte er und grübelte weiter.

Als wir im Hinterhaus das Klingelschild suchten, stellten wir fest, dass es ganz oben war. Vier Etagen. Aber das konnte nicht der Haken an der Sache sein, weil wir nach Stunden bezahlt wurden und wir hatten heute eh nichts mehr vor. Egal wie lange die Sache dauern würde, dachte ich noch, es ist noch nicht mal Zehn und vor Mitternacht war in meiner Kneipe eh nie was los. Es roch unangenehm im Hausgang. Seltsam. Ich hatte das schon mal gerochen, aber ich konnte es nicht zuordnen. Je höher wir uns nach oben schnauften, desto mehr nahm der Geruch zu. Als wir vor der Wohnungstür standen, fiel es mir dann wieder ein. Es war der Gestank wie von Pennern, die sich tagelang nicht wuschen und wenn sie sich irgendwo aufwärmten, alle anderen panikartig zur Flucht trieben. Und genau dieser Geruch lag hinter der Tür und drückte sich durch die Ritzen in den Hausflur. „Spannend“, sagte ich und versuchte, etwas optimistischen Humor in die Sache zu bringen. Kalle drehte den Schlüssel. Er passte, aber wir kriegten die Tür nur einen Spalt weit auf, weil sich irgendwas hinter der Tür verklemmt hatte. Also versuchten wir es mit Gewalt und mit der ungefähr gleichen Wucht strömte uns eine Wolke unfassbaren Gestanks entgegen. Das war also der Haken. „Ich glaube, ich muss kotzen“, sagte ich. Kalle überlegte noch, was er muss.

Wir sahen uns die Bescherung an. Im Flur standen links und rechts entlang der Wände bis zur Decke Türme von Zeitungen aus mindestens zwei Jahrzehnten. Dazwischen ein ungefähr zwanzig Zentimeter enger Gang, durch den wir uns nur seitwärts bewegen konnten, während wir mit Brust und Rücken entlang der Stapel streiften. Ich sah ins Bad. Wanne und Waschbecken waren jeweils mit Bergen von Klamotten vollgestopft – ein riesiger, bunter und undurchdringbarer Haufen und zwar so durcheinander und so hoch, dass weder erkennbar war, was davon noch zu tragen wäre oder was es überhaupt noch war. Sogar das Fenster war damit verstopft. Neben der Wanne war eine Sackgasse aus einer nach oben offenen Kleiderröhre bis zur Kloschüssel. Ich kämpfte mich durch, setzte einen Fuß auf den Badewannenrand, stützte mich so gut es ging an den Klamotten nach oben ab und riss das Fenster auf. Die Schüssel sah so aus, als ob sie seit zehn Jahren kein Wasser mehr gesehen hatte. Ich konnte nicht mehr und kotzte geradewegs rein, was es nicht besser machte, weil ich den Abzug vom Klo im Kleiderhaufen nicht fand.

Kalle kam zurück ins Bad, nachdem er eins der beiden Zimmer nicht öffnen konnte und in dem anderen das gegenüberliegende Fenster hinter Pyramiden von Möbeln und Büchern nicht mehr zu sehen war. Jetzt blieb nur noch die Küche, aus der am meisten Gestank waberte, aber wir kamen nur noch bis zum Türrahmen. Es war schlimmer als alles, was ich je zuvor und je danach riechen oder sehen musste. Die Wände waren rundum schwarz vom Schimmel. Wo man noch was vom aufgeweichten Boden sehen konnte, rannten kleine, schwarze Käfer um die Wette. Igendwann mal essbar Gewesenes gammelte in größeren Mengen vor sich hin. Die Spüle und das, was mal der Kühlschrank war, sahen unerreichbar aus. In der Ecke lauerte eine Kammer mit offener Tür, aus der eine Lawine Undefinierbares quoll.

„Raus hier“, rief ich, als ob ein Monster hinter uns her sei, während es mir wieder hochkam. Kalle drehte sich um, ich hinter ihm her. Wir pressten uns durch die Zeitungsstapel zurück Richtung Hausflur, was mir unendlich lange vorkam, zogen die Tür hinter uns zu und pusteten durch. Im Hausflur ging es einigermaßen, aber ich fühlte mich, als ob ich eine Krankheit mit mir rumschleppte, die ich jetzt dringend loswerden musste. „Wir brauchen Schutzkleidung, Atemmasken, Handschuhe, Mülltüten, Desinfektionszeugs und all sowas“, sagte ich zu Kalle. Gegenüber öffnete sich eine Tür und eine sehr alte, kleine Frau mit schneeweißen Haaren sah uns mitleidig an. „Machen Sie das hier sauber?“, fragte sie und deutete mit ihrem kleinen Kopf auf die Kammern des Grauens. Kalle überlegte diesmal noch viel länger als sonst. Dann hatte er eine Antwort für uns alle. „Nein“, sagte er. „Das macht jemand anders“. Und dafür bin ich ihm bis heute sehr, sehr dankbar.

 

 

 

 

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