Der große Moment

Der dicke Patrick stand zwischen der Kassiererin und den Fluppen. In der Schlange der Supermarktkasse hielt ich mich in seinem Rücken auf, der mich gänzlich versteckte und konnte seine nervöse Angst spüren. Er stammelte etwas Unverständliches in Richtung der Kassenfrau, derweil ich die Benson & Hedges in die Jeans stopfte. Dann bezahlte er mit zittrigen Händen seine Kaugummis und ich sah die Kassiererin an. Ich kannte sie. Sie war sehr hübsch, einen guten Kopf größer als wir und hatte blaue Augen wie Leuchtfeuer. Auf ihren großen Brüsten trug sie ein Namensschild, auf dem "Gottlieb" zu lesen war.

Manchmal grüßte ich sie auf der Straße und sagte "Einen schönen Tag, liebe Frau Gottlieb" oder "Sie sehen heute fantastisch aus" oder ich sagte "Na, schon wohl verdienten Feierabend? Schönen Tag gehabt?" Sie antwortete nie. Sie drehte sich nur mit einem verspielt angedeuteten Lächeln auf die Seite und jedes Mal sah es aus wie "Ach Kleiner, was weißt du schon mit ner Frau wie mir anzufangen?" Ich wusste es. Aber sie nicht, dass ich es wusste.

"Geben Sie mir 'ne Schachtel Benson & Hedges", sagte ich zu ihr. Sie sah mich verächtlich an. "Jungs, Ihr wisst doch, dass Ihr von mir keine Kippen kriegt – also zischt ab hier". Ich sah zum dicken Patrick hin und grinste. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Er sah aus wie jemand, der gleich kotzt. Dann sagte ich, "okay, ich krieg 'ne Packung von den Kaugummis da" und zeigte drauf. Sie nahm die Kaustreifen und sah mich an. Ich schaute ihr direkt in die blauen Leuchtfeuer. Es war aufregend, aber es schien ihr zu dämmern, dass die Nummer hier faul war. Schulschwänzer wie wir kriegten in der Regel keinen Ton raus und die Chewing Gums lagen deshalb an der Kasse, weil sie genau wie die Fluppen von Schulschwänzern wie uns gestratzt wurden. Und jetzt zahlten zwei von dem unnützen Pack zweimal nacheinander die gleichen Kaugummis und schwullerten rum.

Ich war gut in Form und legte was gratis drauf: "Danke, Frau Gottlieb, ich wünsche noch einen angenehmen Arbeitstag und kommen Sie gut in den wohlverdienten Feierabend!". Sie roch den Braten und antwortete nicht. Der dicke Patrick stand schon mit einem Bein auf der Straße und schien zu zittern. Er brauchte dringend Hilfe. Ich nahm das Wechselgeld, brachte es aber nicht fertig, sie ein weiteres Mal anzusehen. Mir tat es leid, dass meine verdiente Heldin der Arbeit von Nichtsnutzen wie uns ausgenommen wurde. Für mich war sie es, die wir beklauten und für sie waren wir es, die sie beklauten. Sie tat mir leid. Es konnte ihr schnurzegal sein, aber das war es nicht. Eines Tages würde ich es wieder gut machen und sie heiraten – so viel stand fest.

Wir streunten die Straße runter, vorbei an dem Nachtclub, auf dessen Tür groß und breit stand: Geöffnet ab 22 Uhr. Nur für Erwachsene! Dann weiter am Eisenhändler vorbei, der den ganzen Tag rauchend vor seinem Schuppen stand und die Vorbeifahrenden auf Brauchbares prüfte. Manchmal hielt er die Autos an, indem er sich den Fahrern wie ein Kreuzritter mitten in den Weg stellte und dann fragte, ob er die Teile auf dem Hänger haben dürfe. Weiter unten an der Ecke, wo der Spielplatz an den Militärshop grenzte, bogen wir in die Gasse und blieben unter der großen Laterne stehen.

Der dicke Patrick schnaufte durch. Ich zog die goldfarbene Schachtel raus und betrachtete die Beute sorgfältig. Das Ende der Cellophanschnur leuchtete rot und saß perfekt und unversehrt an der richtigen Stelle. Ich entblätterte die Schönheit mit einer perfekten Rolle und ließ die Fingerkuppen meiner linken Hand über die eingeprägte Schrift gleiten. Es würde ein großer Moment werden. Das silberne Deckblatt glitt wie von selbst von den Fluppen und entblößte eine perfekte Anordnung. Wie sie in der Packung standen, die Filter weiß, in orange-beige verhüllt und die goldenen Papierringe drunter. Ich nahm mir die dritte von links aus der Mittelreihe und ließ dann den dicken Patrick ran.

 

 

 

 

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Foto: www.foto-fine-art.de / pixelio.de

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3 Kommentare

  1. Gelesen am 26.06.16 in Zimmer 16, der Offenen Pankower Lesebühne, Text 2

  2. Gelesen am 7.6. bei der Kreuzberger Literaturwerkstatt (Nepomuk) am 7.6.17, Text 2

  3. Das ist ne verdammt gute Geschichte! Weiter so!

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