Der große Knall

Der große Knall

 

Wir waren beide jung. Ich war neunzehn und hatte von nichts eine Ahnung, aber hielt mich für unsterblich cool und wahrscheinlich war ich das auch. Marie war achtzehn. Ihre Kurven waren so wunderbar wie die des alten Käfers, mit dem wir Italien entdeckten. In Rom brachten wir es fertig, unseren gesamten Besitz samt unserer Papiere und Wertsachen einfach am Straßenrand stehenzulassen. Aber mit dem Glück idiotischer Dilettanten, dass in seinem Ausmaß unserem Liebesglück in nichts nachstand, kriegten wir bis auf einen unfreiwillig abgegebenen Finderlohn alles wieder: http://www.wasissn.de/junges-glueck/

Marie war Tankwartin. Sie war die einzige Tankwartin, die ich je kennenlernte. Sie war überhaupt die gefühlt einzige Person auf Erden, die Tanken als ihren Lehrberuf wählte. Das war noch schräger als meine eigene Ausbildung, denn in der Generation Babyboomer hatte kaum jemand von uns die Chance, genau das zu arbeiten, worauf er Lust hatte. Dafür war die Konkurrenz einfach zu groß. Ihr Fachwissen nutzte uns auf dem Nachhauseweg aber auch nichts mehr. Es war Samstagabend und Marie musste montags zum Malochen antreten. Und das schien uns kaum noch machbar.

Der VW brachte es nämlich nur noch auf 60 km/h, ließ sich nur noch im zweiten und dritten Gang schalten und brauchte alle hundert Kilometer einen ganzen Liter Öl. Das hatten wir Pisa zu verdanken – oder vielmehr dem Penner, der uns kurz vor der Stadt den Heckmotor mit einem kräftigen Bums fast komplett unter die Sitzbank drückte. Der Käfer sah aus wie einer, dem man mit dem Messer die Flügel in einer scharfen, klaren Kante abgeschnitten hatte. Dass er überhaupt noch lief, grenzte an ein mittelschweres Wunder. Autobahnen waren in diesem Zustand mit dem Ding tabu, also mussten wir über die Alpen, wo die Kiste in Schrittgeschwindigkeit die steilsten Pisten hoch kroch.

Am Tag zuvor war alles noch im Lot.

Marie übernahm die erste Schicht beim Fahren, während ich mich dem fantastischen Roten widmete, den wir von einem der Bauern aus der Campagna erstanden. Es war für einen geradezu lächerlich schmalen Taler ein unfassbar guter Stoff, selbst wenn man den Urlaubsbonus mit einrechnet. Schade, dass wir davon zu wenig eingepackt hatten. Als sich die erste Flasche dem Ende zuneigte, standen wir an einer Ampel vor der Stadt. Bilder im Kopf von schiefen Türmen und Palazzos warteten darauf, mit den echten verglichen zu werden. Und dann überfiel uns ein gewaltiges, ohrenbetäubendes Erdbeben im Bruchteil einer Sekunde und wir sprangen mit einem Riesensatz vorwärts. Bis wir überhaupt begriffen, was geschehen war, dauerte es gut und gerne fünf Sekunden. Dann stiegen wir aus und betrachteten uns die Katastrophe. „Jessas“, sagte ich. „Jessas“, sagte Marie. Vom kleinen Herbie fehlte hinten ein ganzer Meter.

Unsere Rettung verlief sehr unkompliziert und sehr italienisch. Im Schatten unter dem Dach der Tankstelle gegenüber, warteten wir eine gute Stunde, bis überhaupt was passierte. Marie hatte ausreichend Zeit, das gesamte Sortiment aller verfügbaren Öle und Kraftstoffe zu begutachten. Dann kamen die Carabinieris, stellten flott ein paar Scheine aus, baten uns eindringlich, nicht in Panik zu verfallen und schon waren sie wieder weg. Eine weitere Stunde verging, in der hin und wieder ein Abschleppwagen vorbei fuhr. Dann kam unserer. In Gestalt einer winzig kleinen, rostig roten Fiat-500-Knutschkugel mit einer Abschleppkette, die auch für einen Zwölftonner gereicht hätte. Er schwang die Monsterkette mehrmals um unsere Stoßstange und legte beide Enden in seine Anhängerkupplung. Er hatte es sehr eilig. „Andiamo!“, rief der kleine Mann sehr aufgeregt. Und dann ging es los.

Tatsächlich fuhr er, als ob die Kette gar nicht da wäre. Mit jedem Anfahren riss es uns nach hinten und mit viel Glück fuhr ich ihm nicht auch noch selbst drauf. Er schleppte uns durch die gesamte Rush-Hour über mehrere Stadtviertel bis zu einer kleinen Hinterhofgarage, wickelte die Kette ab und verzog sich wieder mit einem aufmunternden „Tutto bene“. Wir warteten zwei weitere Stunden, bis die Siesta vorbei war. Dann kam der Maestro der Werkstatt und sah sich den Schaden an. „Hmmh“, machte er – und legte sich unters Auto. Dann sah sich der Zweite den Wagen an. „Hmmh“, machte er. Die beiden besprachen irgendwas. Irgendein Ersatzteil musste beschafft werden. „Nessun problema“, sagte der Maestro. „Domani“. Domani, dachte ich. So wie der Käfer aussah, wunderten wir uns, dass überhaupt noch was zu machen war.

Aber sie schafften es wirklich, diese beiden Teufelskerle. Tags darauf bugsierten wir den Wagen wieder auf die Straße, ausgerüstet mit einem Zehn-Liter-Ölkanister und einer Pizza-Blech-Platte aus der Trattoria gegenüber. Der Motor lief ohne Probleme. Nur das Einschalten der beiden Gänge, die noch möglich waren, erforderte Übung. Die Hinterachse lief etwas unrund. Wenn wir die nächsten 36 Stunden durchmachten, konnten wir es noch schaffen. Der Ölverlust war wirklich enorm. Wenn wir länger als fünf Minuten auf einer Stelle standen, bildete sich eine hässliche, kleine Pfütze in Höhe der Sitzbank. Dort, wo wir den Motor jetzt vermuteten. Beim Fahren entwickelten wir neue und spezielle, den 34-PS angepassten, motorische Fähigkeiten. An ganz besonders steilen Strecken sprang zuerst Marie vom Beifahrersitz, dann warf ich den vollen Ölkanister aufs Gaspedal und sprang selbst raus und wir schoben den Oldtimer im Laufen gemeinsam an. Sobald er wieder genug Straße unter sich hatte, um uns beide zu tragen, sprang ich rein und etwas später kam auch Marie wieder angeschnauft zum Sitzen.

Wir brauchten tatsächlich volle 36 Stunden von Pisa aus nach Hause – bei einem Schnitt von etwas über 30 km/h. Aber wir überstanden die Prozedur irgendwie. Und Herbie auch. Wir redeten ihm ständig gut zu, was ihn irgendwie beflügelte. Es war ein echtes, anstrengendes, skuriles Roadmovie voller spannender und lustiger Momente. Ich lieferte Marie mit fünf Minuten Verspätung direkt vor der Tanke ab. Sie stieg aus und schlenderte lässig Richtung Tankstellenhäuschen. Dann drehte sie sich nochmal um, lächelte und warf mir einen Kuss zu. Der Chef kam raus. Er entdeckte uns, zeigte auf seine Armbanduhr und hielt sie ihr vor die Nase.

 

 

 

 

*************

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.