Daumen im Wind

Daumen im Wind

Ich hasste diese Termine auf dem Arbeitsamt. Aber ich musste dahin, wenn ich meine Bleibe und das bisschen Geld nicht verlieren wollte. „Bringen Sie Ihr Ausweisdokument mit“, stand da immer. „Ich möchte mit Ihnen über Ihre Beschäftigungssituation reden“. Es waren die Achtziger. Es gab keine Beschäftigung. Es gab oft genug nicht mal eine Situation. Man war froh, durchzukommen. Ich musste es schaffen, bis acht Uhr mit einer Wartemarke auf dem Flur zu sitzen – gemeinsam mit vierzig anderen. Und dann hieß es warten. Ab und an ging die Tür auf, ein Name wurde ausgerufen und wenn derjenige grad auf dem Klo saß, hatte er Pech und ein anderer war dran. Manchmal stand auch keiner auf, weil derjenige schon wieder weg oder gerade eingeschlafen war. Im Großen und Ganzen war es wie ein Glücksspiel, dass man hinter sich bringen musste.

Dann war ich dran. „Hat sich an Ihrer Beschäftigungssituation etwas verändert seit ihrem letzten Besuch?“ fragte mich die sehr beschäftigt wirkende Frau gegenüber. Sie hackte was in ihre Schreibmaschine. „Lassen Sie mich überlegen…“, sagte ich, während ich die Augen nach oben drehte, um angestrengt nachdenklich zu wirken. „Also nein“, unterbrach sie meinen Denkprozess. Sie hackte wieder was in ihren Apparat. „Sind sie bereit, eine Arbeit anzunehmen, wenn wir Ihnen eine vorschlagen?“, fragte sie mich. „Selbstverständlich!“ rief ich aus, „wann kann ich anfangen?“. „Ich sagte, WENN wir Ihnen eine vorschlagen. Augenblicklich schlagen wir Ihnen keine Arbeit vor“. „Ah-ha.“ sagte ich und ließ das etwas nachwirken. Dann tippte sie weder was und zog das Blatt raus. „Unterschreiben Sie hier“. Ich unterschrieb, was immer sie wollte und dann ging ich wieder. So lief das jeden Monat.

Zuhause packte ich meinen Krempel zusammen. Bis zur nächsten Wartemarke blieben jetzt vier Wochen Zeit. Auf dem Weg zur Autobahn dachte ich darüber nach, wohin. Das Wort Süden breitete sich in mir aus und blieb fest und fett hinter meiner Stirn stecken. Bis kurz vor Basel kam ich in einem Rutsch mit einem wunderbaren Ford 19M. Nach dem üblichen „Normalerweise nehme an der Straße niemanden mit“, musste ich ihr erklären, dass Trampen zwar völlig out of time war, aber für mich trotzdem eine wunderbare Alternative darstellte. Es kostete nichts. Das war die Hauptsache. Außerdem liebte ich den sozialen Aspekt, die Welt aus den Augen anderer zu sehen. Und in aller Regel zog ich die Verrückten magisch an. Der Ford hatte eine durchgehende, vordere Sitzbank, natürlich ohne Sitzgurte und ich hatte den Eindruck, dass sie mit voller Absicht die Rechtskurven scharf nahm, um mich dann vorwurfsvoll anzusehen, weil ich ihr zu nahe ran rutschte. Dann hielt ein Irrer mit einem metallic-goldfarbenen, mit Spoilern, Sportfelgen und allerlei Schnickschnack versehenen Mercedes an, in den ich auf gar keinen Fall eingestiegen wäre, denn wenn ich eines im Überfluss hatte, dann war es Zeit.

Ich musste auch nicht einsteigen, denn hinter den verdunkelten Scheiben der protzigen Karre saß eine Polizeistreife, die natürlich nichts anderes zu tun hatte, als einen Tramper mit langem Bart und Hut auf seine Personalien zu kontrollieren. Das war ich gewohnt. Ohne offene Europagrenzen, aber dafür mit allerlei paranoider Panik vor Drogen im Allgemeinen und Lebenskünstlern im Besonderen, war das an der Tagesordnung. Wer an einem Mittwochmittag an der Autobahn stand, machte sich verdächtig. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der unter 100 Passagieren im Zug grundsätzlich die am meist ausländisch Aussehenden kontrolliert werden, musste ich ständig meine Papiere zücken, sobald sie mich entdeckten. „Personenkontrolle“ hieß es dann immer. Als ob das irgendwas begründete.

Dann hielt ein weißer Transporter, der auf dem Weg nach Triest war. Ich schaute auf der Karte nach und sah, dass es kurz vor der jugoslawischen Grenze lag. Süden, dachte ich – und stieg ein. Der Irre, zu dem ich diesmal eingestiegen war, hatte etwa zweihundert Liter Diesel in Kanistern auf der Ladefläche und alle 80 km hielt er irgendwo an und goss davon nach. Er hatte das Zeugs in Luxemburg gekauft und da war es halt billiger. Ich schaffte es noch bis nach Kroatien an nur einem Tag und kam dort wochenlang mit nur zweihundert Mark durch. Die Sonne gab ihr bestes und die Nächte waren warm und mild. Wenn ich mich abends am Strand breit machte, wog mich das gleichmäßige Rauschen der Wellen in den Schlaf. Morgens packte ich den Gaskocher für den Kaffee aus, frühstückte in aller Ruhe und zog dann los. Ohne Ziel und ohne Plan. Es war herrlich. Und es war hier billiger als zuhause – und schöner obendrein. Schlafsack und Matte stopfte ich unter einen Stein und fand das Zeugs nachts problemlos wieder.

Den Jugoslawen ging es noch viel übler, als uns. Es herrschte eine wild galoppierende Inflation. Mit meinen paar Mark war ich ein reicher Mann. Auf jeder einzelnen Shampooflasche im Supermarkt stapelten sich zehn Preisschilder und wenn man zur Bank ging, kriegte man für hundert Märker an einem Tag 650.000 Dinar und am nächsten 655.000 Dinar. Abends in den Kneipen standen die Männer an der Theke und ihre Hemdtaschen wölbten sich weit nach außen, weil sie große Bündel Geldscheine mit sich rumtrugen. Mich kostete ein Sliwowitz an der Theke fünfzig Pfennig, aber die Jungs legten dreitausend Scheine dafür hin. Und trotzdem musste ich nicht einen davon zahlen. Meine Geschichten waren Währung genug. Der Sliwo schmeckte fantastisch und eines Abends gab ich mir damit eine dermaßen volle Breitseite, dass ich ihn danach Jahre lang nicht mehr riechen konnte. Als die Kohle alle war, hob ich den Daumen wieder in den Wind. Am Monatsende wollte ich wieder zuhause sein. Ich musste mit jemandem über meine Beschäftigungssituation reden.
 

 

 

 

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