blood and honor

Die Achtziger begannen gerade. Deutschland war noch nicht wieder wer. Das Militär brauchte Nachschub aus Fleisch und Blut. Also kamen sie zu uns in die Schulen und versuchten uns Jungs zu überreden, dem Volk zu dienen, wie sie es nannten. Vor allem diejenigen ohne Plan, von wem sie sich quälen lassen sollten, wenn die Schulzeit vorbei war. Ich zog mir meinen dicken, grauen Wollpullover an, den mir die Mädels aus der Klasse gestrickt hatten, setzte den SCHWERTER-ZU-PFLUGSCHAREN Sticker dran und nahm mir als Lektüre Ernst Friedrichs „Krieg dem Kriege“ mit in den Schulbus. Beim Durchblättern sah ich mir das Bild eines Soldaten an, dem durch einen Minenwurf Oberlippe und Nase weggerissen wurden. Das nächste Bild zeigte einen bizarren Berg von zerfetzten Leichenteilen. Dann gab es einige verweste Vaterlandsverteidiger in einem Massengrab zu sehen.

Im Klassensaal lag das Propagandamaterial bereits aus. Es waren bunte Hochglanzbilder voller Attraktivität, Abenteuer und Karriere. Nichts zu lesen von militärischem Drill und Homophobie, von Schießbefehl, Plünderung und Vergewaltigung. Dann begann die Show. Der Scherge kam tatsächlich in voller Montur rein. Er legte seinen Mantel ab, behielt die lächerliche Soldatenmütze aber an. Er trug eine grau-schwarze Uniform und schwarze Springerstiefel. Mit seinen aufgeplusterten Hosen erinnerte er mich schlagartig an Don Quijote. An seinem Revers heftete irgendwelches Gehängsel. Er sah aus wie seine eigene Karikatur. Dann hob er an und wir schalteten ab. Attraktivität, Abenteuer und Karriere! Ich faltete in aller Ruhe aus den Prospekten Düsenjets und legte sie mir zum Abflug zurecht. Verdienst, Verantwortung und Erfahrung!! Ich zeichnete mir einen Raketenwerfer mit Zielfernrohr. Ausrüstung, Kameradschaft und Einheit!!! Ich knetete mir einige Papierkanonen und legte sie sorgsam zusammen.

Als er endlich damit fertig war, setzte er sich ans Lehrerpult und lehnte sich sichtlich zufrieden zurück. Zum ersten Mal stand ihm sowas wie Freundlichkeit im Gesicht, als er sagte: „Hier vor mir liegen gleich ein paar Anträge, falls sich jemand schon jetzt entschieden hat. Noch irgendwelche Fragen?“ Er schaute die Jungs an. Die Jungs schauten mich an. Mit der selbstverständlichen Lässigkeit eines Sancho Panza hob ich den Arm. Ich genoss den Augenblick, den alle damit verbrachten, den Atem anzuhalten. Er dauerte ein paar Sekunden an, also musste ich ihnen was bieten. 

"Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube!", gab ich etwas Bildungsbürgertum vor. Dann polierte ich die Wortkanone und ließ mehrere Salven los, unter denen er sich wegzuducken versuchte: "Kein Wort über Mordaufträge", rief ich. "Nichts über Verletzungen und blutende Wunden. Nichts über Kriege, Hass oder Berge von Leichen und auch nichts von Massengräbern". Seine Gesichtsfarbe änderte sich schlagartig. Das Blut schien ihm in die Stiefel zu sacken. Er schnappte nach Luft, aber ich gab ihm keine Pause und lud nach. "Nichts von sinnentleerten Befehlen, von bedingungslosem Gehorsam, von militärischen Strafen, Gruppenzwang, Demütigung, von Langeweile und Stumpfsinn." Ich hatte noch einiges an Munition vorrätig und beschloss, der Sache frühzeitig ein Ende zu machen. "Kein Ton über Kasernen, Latrinen und Gulaschkanonen. Über Sturmgewehre und Granaten, Nachtmärsche, Schlamm, Erschöpfung, Verletzung und Stacheldraht".

Die Einschläge waren heftig. Er blickte hilfesuchend um sich, fand aber nur den Blick unserer Lehrerin. Sie zuckte die Schultern und sah ihn mitleidig an. Er schien sich zunächst wieder aufzurichten, sackte dann aber doch wieder in sich zusammen. Es wurde Zeit für den Raketenwerfer. Ich stopfte das Teil sorgfältig, öffnete die Luke und zielte ihm genau zwischen die Augen: "Was unterscheidet Ihre geistige Mobilmachung von den Argumenten der Kriegstreiber beider von Deutschland verursachten Weltkriege?" zog ich den Abzug durch und landete einen Volltreffer. 

Allem Anschein nach war ich gerade mit mehreren Einschlägen in Führung gegangen und es war nicht mal Halbzeit. Er versuchte, die Schmerzen wegzuschütteln. Alle schauten nach vorne und warteten gespannt darauf, ob er seiner Truppe wieder Leben einhaucht. "Glauben Sie wirklich, Sie könnten irgendjemandem hier etwas bieten?", feuerte ich noch einen ab. Er machte es mir viel zu leicht. Nicht nur, dass er den Schützengraben leichtsinnig verlassen hatte. Er vergrößerte seine Angriffsfläche auch noch mit ein paar unzusammenhängenden Sätzen über Stolz, Volk und Ehre. Ich  ließ die Düsenjäger durchstarten. Er schaute sich mit einer gewissen Bewunderung die Flugroute an, die ich über Bismarck, Hitler und Strauß berechnet hatte. Sie donnerten über seinen Schädel hinweg. Dann erkannte er die Niederlage an, nahm den Mantel vom Haken und räumte das Feld, während ich mich für die militärische Meisterleistung wie ein General feiern ließ. Ich hatte uns immerhin fünfzehn Pausenminuten zusätzlich freigebombt.

 

 

 

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Ein Kommentar

  1. Richtig, richtig gute Prosa. Du hast es drauf, Mann.

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