Auf den ersten Blick

Auf den ersten Blick

Der erste Eindruck entscheidet, sagen sie überall. Schlecht für mich. Im ersten Eindruck bin ich immer beschissen. Ich weiß das, aber ich kann es nicht ändern. Auf Fotos sehe ich immer nach einem aus, der ich nicht bin. Wer mich kennenlernt, hält mich für alles Mögliche, aber nie für den, der ich wirklich bin. Ich brauche Wochen um andere davon zu überzeugen und manchmal muss ich Monate daran arbeiten, den ersten Eindruck auszubügeln. In einigen Fällen ist es hoffnungslos. Nur weil ich beim ersten Eindruck den falschen Scherz wählte oder einfach zu ehrlich in dem war, was ich sagte. Es heißt, die Leute schätzen Ehrlichkeit, doch das scheint irgendwie falsch zu sein. Sie erwarten, dass man sie anlächelt, während man denkt, dass sie einen an der Waffel haben. Manchmal musste ich den Mund nicht mal aufmachen, damit man mich falsch einschätzte.

Es war ein sonniger, aber sehr kalter Frühlingstag, als ich in Bern ankam. Der Fahrer, der mich seit Karlsruhe mitnahm, schmiss mich irgendwo in der Innenstadt raus. Ich lief durch den Stadtpark und versuchte, mich zu orientieren, denn ich kannte mich nicht aus. Es war vormittags und genügend Zeit, die Nacht zu organisieren, aber gerade nachts war es noch schweinekalt. Ich hatte keinen Plan, wohin. Das Dope war alle. Mit nem Joint hatte man immer gute Karten, was zu finden. Man sprach einfach andere an, ließ das Ding kreisen und meistens kam was dabei rum. Ich setzte mich auf eine der Parkbänke, genoss die Frühlingssonne auf der Haut, sah mir das sprießende Grün rundum an und ließ mir das Sandwich schmecken, das mir jemand an der Raststätte Basel geschenkt hatte. Dann riss ich eins meiner Dosenbiere auf, spülte damit das Sandwich runter und sah mir die Vorbeigehenden an. Zwei oder drei, die so aussahen, als ob sie es wussten, wussten es. Und alle meinten, ich müsse nur dort drüben am Ende des Parks aufs Hügli steigen und da gäbe es jederzeit was zu kaufen. Sie sagten wirklich „Hügli“. Sie nannten es hier so. Und es sah auch genau so aus. Man ging einen kleinen, steilen Weg nach oben auf einen kreisrunden Platz, eingefasst von einem etwa hüfthohen, hübsch gemachten Mäuerchen. Es gab nichts weiter dort oben, einfach nur diesen kreisrunden Platz.

Ich hatte mich seit Wochen nicht rasiert und einen Bart, der mich wie einen Waldschrat aussehen ließ. Nicht etwa, dass ich das so wollte. Aber ich hatte meinen Rasierer in einem der Häuser in der Hafenstraße auf St. Pauli liegenlassen und war seither zu faul zum Rasieren gewesen. Den großen, schwarzen Hut, den ich seit Amsterdam nicht mehr vom Kopf nahm und der inzwischen wie angewachsen passte und was ich sonst anhatte, passten zu einem, der morgens um Elf mit einem Dosenbier auf dem Hügli rumstand und auf Dope wartete. Außer mir warteten noch drei andere. Sie machten aber keinerlei Anstalten, mich anzusprechen. Ganz im Gegenteil sahen sie mich nicht mal an und so schwiegen wir, auf dem Mäuerchen im Kreis sitzend, gemeinsam vor uns hin. Ich sah mich um. Das große Sandsteingebäude, dass man vom Hügli aus einsehen konnte, kam mir bekannt vor. Die riesigen Fensterbögen ließen hohe Räume vermuten. Es sah sogar richtig festlich aus, wie es da im Sonnenlicht strahlte. Man konnte erkennen, wie Menschen im feinen Zwirn darin saßen und etwas aufmerksam verfolgten. Und dann erst wurde mir klar, dass wir uns genau auf der Rückseite des Bundeshauses befanden. Das war total absurd und irgendwie unwirklich. Wir saßen da und warteten, bis uns jemand was zum Rauchen brachte und gegenüber saßen die Politiker in ihrem Parlament und lauschten womöglich gerade einer Debatte, die sich darum drehte, den Drogenkonsum einzuschränken. Ab und an drehte sich jemand von drinnen um und sah aufs Hügli und auf uns, wie wir da saßen und zurück starrten, beidseitig nicht wissend, was wir davon halten sollten.

Ich bräuchte dringend einen Job, dachte ich. Vielleicht hätten die da drin Interesse an einem Gastredner, der weiß, wie man es ohne Geld zu einer Menge schöner Dinge bringen kann? Dann endlich krochen zwei andere den Hügli hoch. Es war ein junges Touristenpärchen und sie sahen sehr unbedarft und ein bisschen ängstlich aus. Man konnte Ihnen die Nervosität und die Fragen in ihren Gesichtern ansehen: Werden wir gutes Dope kriegen? Wird man uns über den Tisch ziehen? Nimmt man uns das Geld ab? Reichen die zwanzig Öcken? Und dann wurde mir mit einem Schlag klar, dass ich wieder mal genau den Eindruck gemacht hatte, für den ich mittlerweile berühmt bin. Den falschen. Denn die anderen drei sprangen hoch und bewegten sich jetzt wie auf Kommando den Greenhorns entgegen und versuchten, ihnen allerlei Haschisch anzudrehen. Sie hatten jede Menge Zeugs in allen Formen, Farben und Mengen dabei und wir standen die ganze Zeit nur deswegen schweigend im Kreis rum, weil sie mich für einen von ihnen hielten! Ist doch nicht zu fassen, dachte ich. Ich wartete die Verhandlungen ab, suchte mir dann einen der Dealer aus und ließ mir die Ware zeigen. Es roch einwandfrei und versprach ausreichend Qualität, um mir auf der Suche nach einem Schlafplatz gute Dienste zu leisten. Ich zahlte einen fairen Preis und warf einen letzten Blick aufs Parlament, bevor ich weiterzog. Vielleicht könnte ich denen da drin eine Menge über Drogen, über das Leben ohne Geld oder über meine Abenteuer erzählen. Aber das mit dem ersten Eindruck – das konnten andere einfach besser.

 

 

 

 

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