Straßenbahn

*

Frank und ich waren zwölf oder dreizehn
in jenem Sommer, es war Wirtschaftskrise
da gabs nicht viel zu tun, außer
per Anhalter zum Strand fahren
und wieder zurück.
Im Herbst und Winter
hatten wir es dann
mit Straßenbahnen.

Eine Fahrt kostete sieben Cents
wenn ich mich recht erinnere
und man konnte zweimal umsteigen;
damit kam man in der Stadt
ziemlich herum.

Frank und ich waren
wie es aussah, nur noch
mit Straßenbahnen unterwegs.
Es war allemal besser
als zu Hause zu sitzen.

Wir zogen immer gemeinsam los.
Frank hatte keine Hemmungen
er ging auf und ab und
fragte die Leute:
»Brauchen Sie Ihre Umsteige-
karte noch?« Auf die Tour
bekam er viele ›Umsteiger‹
zusammen, und wir fuhren
alles ab. Manchmal
wussten wir kaum noch
wo wir waren.

Es gab auch Probleme:
»Ihr könnt nicht von der W
in die J umsteigen. Das ist eine
andere Zone. Ihr müsst einen
neuen Fahrschein lösen.«

»Aber der Schaffner von der W
hat gesagt, das geht.«

»Na gut, Jungs, aber nur
dieses Mal.«

Oder folgendes Problem:
»Diese Umsteiger sind ungültig.
Die Zeit ist überschritten.«

»So? Wo sieht man denn das?«

»Das Loch da, siehst du?
Da ist die 2 gelocht. Das
bedeutet, nach 14 Uhr ist es
zu spät.«

»Na schön, lassen Sie uns
raus …«

Wir stiegen an der
nächsten Haltestelle
aus, und Frank zog
noch ein paar Umsteiger
aus der Tasche. Er fand
einen Zahnstocher auf
der Straße, bohrte ein Loch
in eine der Karten, dann
in eine weitere.

»Was machste da?«
fragte ich.

»Ich ändere die Zeit«
sagte er.

»Aber dann sinds doch
zwei Löcher …«

»Na und?«

Wir stiegen in die
nächste Bahn.

»Hey«, sagte der Schaffner
»die sind ja zweimal
gelocht.«

»Na und?«, sagte Frank.
»Ist doch nicht unsere
Schuld.«

Wir gingen nach hinten
und setzten uns.

Im Jahr davor hatten wir
uns in die katholische
Kirche vernarrt, aber das
wurde schnell langweilig,
jetzt waren es
Straßenbahnen.

Wir wussten inzwischen von
Mädchen, aber wir wussten
auch, dass unsere Eltern
arm waren und wir nichts
hatten, deshalb würde das
noch eine Weile warten
müssen.

Straßenbahnfahrten bei Nacht
waren am besten. Wir hatten
selten Gelegenheit dazu
außer wenn unsere Eltern
am gleichen Abend ins
Kino gingen.
Das war selten, aber
ein paarmal kam es vor.

Die Linie W war die beste.
Abends fuhren nicht mehr viele
Leute, und die Fahrer
zogen richtig ab und rasten
wie die Irren. Es gab
lange Strecken ohne
ein Signal, oder die
Signale waren aufeinander
abgestimmt; das wurde manchmal
eine wilde Fahrt, alles total
schwarz da draußen, und die
alte W raste auf den
Schienen lang, die Räder
ratterten, liefen heiß und
sprühten Funken, der Fahrer,
völlig übergeschnappt, trat
aufs Pedal und ließ die
Glocke scheppern
BÄNG BÄNG BÄNG BÄNG BÄNG!
Wir saßen im offenen Teil
und der Wind pustete uns
durch, »Der bringt uns um!«
schrie Frank, und ich
lachte.

Und zu Hause war es für
jeden von uns immer
dasselbe:

»Wo zum Kuckuck hast du
gesteckt?!«

»Bin rumgezogen.«

»Rumgezogen?«

»Yeah.«

Das machte sie konfus.
Sie wussten, wir
hatten kein Geld
und doch waren wir oft
stundenlang verschwunden.

Unsere Romanze mit den
Straßenbahnen fand leider
ein sehr trauriges
Ende.

Mein Vater hatte mich
zu Hause behalten und im
Garten arbeiten lassen
und Frank war allein
losgezogen.
Ich schuftete den ganzen Tag
und mein Vater saß am
Fenster und behielt mich
im Auge.
Endlich war der Tag herum.
Ich brachte das Abendessen
hinter mich und ging
auf mein Zimmer.

Gegen acht Uhr hörte ich
meinen Vater brüllen –
»Henry, komm hier raus!«

Ich ging nach vorn ins
Wohnzimmer, und da stand
Franks Mutter an der Tür
und heulte.

»Frank ist nicht nach
Hause gekommen«, sagte
mein Vater. »Wo ist er?«

»Ich hab keine Ahnung
wo er ist.«

»Du weißt, wo er ist.«

»Nein, weiß ich nicht.«

»Du gehst jetzt los und
suchst ihn. Und komm mir
ja nicht ohne ihn
zurück!«

Ich zwängte mich an Franks
Mutter, die immer noch flennte
vorbei und aus der Tür.

Ich ging die Straße hoch
dann drei Blocks rüber
zur Endstation der Linie
W – sie endete in
unserer Gegend.

Ich setzte mich auf die
Bank und wartete. Ich
sah die Bahn kommen;
sie hielt, und die Leute
stiegen aus:
Kein Frank.

Ich wartete die
nächste ab.
Die Leute stiegen
aus. Frank war
nicht darunter.

Ich saß da und wartete
weiter. Die nächste W
kam.

Der Letzte, der ausstieg, war Frank.
Er wirkte sehr müde.
Ich stand auf.
»Hey, Frank!«

Er sah mich und
kam her.

»Gott, war das ein Abend!
Ich war stundenlang da
draußen. Die müssen
sämtliche Schaffner gewarnt
haben.«

»Wieso?«

»Ich hab versucht, wieder
auf die W zu kommen, aber
sie wollten meine Umsteiger
nicht nehmen, sie kannten
meine ganzen Tricks, und ich
hatte keinen Pfennig Geld!«

»Was hast’n gemacht?«

»Als ich fünfmal abgeblitzt war
bin ich aus lauter Verzweiflung
auf eine Bahn gesprungen.
Ich bin nach hinten gerannt
hab mich hingesetzt und ihnen
einen Veitstanz vorgespielt.
Pass mal auf …«

Frank machte es mir vor.
Er zuckte am ganzen Körper
rollte mit dem Kopf
verdrehte die Augen und
bekam Schaum vor den Mund.

»Das ist toll, Frank
du bist gut!«

»Der hat mich mitfahren
lassen.«

»Frank, deine Mutter war
bei uns. Sie hat geheult.
Du kriegst Ärger.«

»Ich weiß. Mein Vater
versohlt mir den Frack.«

»Kannst du nicht irgendwas
erfinden?«

»Nee, das nützt alles nichts.
Lass ich mir halt den
Frack versohlen.
Komm, gehn wir
heim …«

Wir bogen in die erste
Querstraße ein.

»Tja«, sagte ich, »ich
schätze, jetzt ist es aus
mit Straßenbahnen. Wir
müssen uns was anderes
suchen.«

»Mädchen«, sagte Frank.

»Mädchen?«
Das schien ein
ziemlich großer Schritt
zu sein.

»Das ist alles
was uns bleibt«
sagte Frank.

Wir gingen im Mondschein
die Straße lang und
dachten darüber
nach.

*

*************

Aus: Charles Bukowski: The Roominghouse Madrigals. Early Selected Poems (1946-1966). Black Sparrow Press, Santa Rosa.

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