Der Sport und ich

Der Sport und ich, nunja… Ich war in keiner Sportart auch nur annähernd in diesen Sphären, wo man am Ende des Wettkampfs auf dem Treppchen steht und fotografiert wird. Aber ich erinnere mich an ein paar sehr glückliche Siege.

Im Schach spielte ich mal Regionalliga, was nach der ersten und zweiten Bundesliga die dritthöchste Klasse ist und das ist zumindest bemerkenswert für einen, der es erst mit 25 gelernt hat. Mein größter Glücksmoment war das Aufstiegsspiel und nominell hatten wir damals kaum eine Chance, das Relegationsspiel zu gewinnen. Aber außer mir wuchsen noch andere über sich hinaus und als die ersten sechs der acht Bretter beendet waren, stand es 3:3 und nur noch ich und der Kollege an Brett Eins spielten noch. Und als auch der mit Remis abschloss, lag alles an mir. Nun muss man wissen, dass es bei Entscheidungsspielen wie diesen immer eine Mannschaft gibt, die gwinnt: Endet das Spiel 4:4, kommt die sogenannte „Berliner Wertung“ hinzu: Siege an vorderen Brettern werden höher gewertet als an hinteren Brettern und in dieser Wertung waren wir vorn, auch wenn es jetzt noch Unentschieden stand. Mit einem weiteren Remis würden wir es schaffen, das stand fest. Ich spielte an Brett Sechs und die Spielzeit war mit fünfeinhalb Stunden bereits nahezu ausgeschöpft. Wir waren beide erschöpft und hatten jeweils noch 15 Minuten auf der Uhr, als das Spiel langsam in die Richtung meines Gegners kippte. Ich hatte vor zehn Zügen einen Turm gegen einen Springer gegeben und behielt dafür lange einen Mehrbauer, den er mir aber so belagerte, dass ich ihn verlieren würde. Und dann entdeckte ich eine Kombination, auf die ich heute noch stolz bin. Binnen vier Zügen forcierte ich das Materialverhältnis auf Dame gegen Dame plus Springer. Das bedeutete, mein Gegner hatte zwar immer noch einen Springer mehr, aber es waren keine Bauern mehr auf dem Brett und damit auch keine Möglichkeit mehr, einen vollen Punkt zu erzielen. Er versuchte es noch vier, fünf verzweifelte Züge mit dem verbliebenen Material, musste dann aber das Unentschieden akzeptieren. Aufstieg! Da floss unsportlich ganz schön viel Freibier nach.

Die anderen beiden Heldengeschichten liegen so um 1980 rum, aber im Fußball gelang mir das leider nie, obwohl ich es mir dort am meisten wünschte. Als Jugendspieler hatte ich abwechselnd zu wenig Talent oder zu wenig Ehrgeiz und schon gar kein Selbstvertrauen, als dass ich dort groß auffallen konnte. Weil ich ein guter Läufer war, stand ich ständig frei, aber mich anzuspielen bedeutete immer auch, nicht zu wissen was im nächsten Moment passiert. Paradoxer Weise gelang ausgerechnet mir als Einwechselspieler das entscheidende Tor in meiner einzigen Saison, in der wir in der Jugendmannschaft Meister wurden, aber ich muss gestehen: Der war doch mehr reingestolpert als souverän getroffen. Erst als Erwachsener lernte ich, dass Selbstvertrauen im Fußball eine entscheidende Rolle spielt. In einer Hobbymannschaft behauptete ich in einem Moment maßloser Selbsteinschätzung, als Mittelfeldspieler ganz passabel gekickt zu haben – obwohl ich genau dort nie spielte, weil es ja da ganz besonders auf kalkulierte Übersicht ankam. Aber was soll ich Euch sagen; als ich das Trikot mit der breiten Nummer Zehn überstreifte, klappte es plötzlich mit dem Ballverteilen und sogar mit dem Toreschießen. Zwar waren auch meine Gegner nicht gerade mit herausragendem Talent gesegnet, aber allein die Tatsache, dass es mir die anderen zutrauten, reichte aus um in der Mannschaft beliebt zu sein.

Und nun zurück in die 80er! Mit Fünfzehn übte der Sportlehrer mit uns die Disziplinen in der Leichtathletik durch. Wir versuchten uns im Hochsprung, Kugelstoßen, Dreisprung, Speerwerfen und schließlich im Sprinten, Hürdenlauf und Langlauf. Der nahm das alles sehr ernst und als ich die anderen abhängte, weil ich mir die Kraft am besten einteilte, lobte er mich so sehr, dass ich stolz drauf war. Da war es wieder, das Selbstvertrauen. In jenem Sommer rannte ich die tausend Meter drei Mal die Woche und zum jährlichen Sportfest war ich bereits so schnell, dass ich den Schulrekord pulverisierte. Die zweieinhalb Sportplatzrunden waren easy, aber am meisten kam es darauf an, sich die die Kraft genau so einzuteilen, wie ich sie im Wettbewerb brauchte. Dann kam der Landeswettbewerb, zu dem mich die Schule anmeldete und obwohl ich der Einzige war, der keinem Leichtathletik-Verein angehörte, rannte ich allen davon. Ich weiß heute noch, wie ich im Finale anfangs der letzten Runde dachte, der da vorne ist zu schnell unterwegs – und wie ich ihn in der letzten Kurve vor der Zielgeraden überholte. Wenn auch nur einer der zahlreich anwesenden Trainer aus den Vereinen gekommen wäre, um mich zu überreden, wäre ich wahrscheinlich heute noch am Rennen. Aber es kam einfach keiner und als der darauffolgende Winter kam, blieb mir mehr Zeit für Parties, Mädchen und dem ausgiebigen Studium diverser Drogen.

So ziemlich zur gleichen Zeit des Laufrauschs, begann ich mit dem Tischtennis-Spielen. Jetzt wo ich es schreibe, erscheint es mir unvorstellbar, zur gleichen Zeit Fußball, Tischtennis und 1000-Meter-Läufe geübt zu haben, aber es war so. Und da spielte ich sogar im Verein. Überhaupt ist es seltsam, woher all diese Zeit meiner Jugend kam, aber sie war einfach da. Noch war ich im Tischtennis keine große Leuchte wie im Laufen, aber es lief immer noch besser als das Kicken. Zum Geburtstag bekam ich meinen Wunschschläger mit einer schnellen genoppten Volley- und einer bremsenden Effet-Seite. Und dann kam das große Ferienlager-Tischtennisturnier 1981 am Brahmsee. Die sogenannten Schullandheime, von denen es dort mehrere gab und die jeweils zwanzig bis dreißig Schüler*Innen aufnahmen, waren alle voll belegt und traditionell wurde zum Ende der Sommerferien dieses Turnier ausgetragen. Von Anfang an lagen die Teilnehmerlisten aus und jeden Tag kamen ein paar mehr von uns drauf, bis am Ende so viele mitspielen wollten, dass wir Vorgruppen bilden mussten. Denn wenn einen unser Schulsystem etwas lehrte, dann, dass es immer einen Sieger geben musste. Und der wurde tatsächlich ich. Ich spielte mich durch die erste und die zweite Vorgruppe wie das sprichwörtliche Messer durch die Butter und musste dafür nicht mal alles geben. Im Finale stand mir ein etwas älterer und technisch wesentlich besserer Spieler gegenüber, von dem ich wusste, dass er mit seinen Erfolgen als Hamburger Kreismeister prahlte. Damals dauerten die einzelnen Sätze noch bis 21 – und wenn Gleichstand war, zum Beispiel 20:20 oder 21:21, dann musste man immer zwei Punkte mehr als der Gegner machen, um den Satz zu gewinnen. Drei Gewinnsätze brauchten wir zum Turniersieg und dieses Finale endete 20:22, 24:22, 24:26, 30:28 und 23:21. Das. Fühlte. Sich. An. Wie. Weltmeister. Werden.

Nun genug vom Spocht. Zum Glück zurück!
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