Zweikommazwei

Zweikommazwei

Als die blauen Lichter hinter uns auftauchten, war mir sofort klar, dass ich geliefert war. Es war vier Uhr morgens, ich hatte eindeutig zu viel gebechert, ich hatte drei betrunkene Mitfahrer – und sie würden mich dran kriegen. Eigentlich wusste ich, wie man mit diesen Kontrollen souverän umgeht. Es nützte einfach wenig, sein schlechtes Gewissen spüren zu lassen und verlegen zu stammeln, dass man sonst nie was trinken würde. Das glaubten sie einem sowieso nicht.

Gewöhnlich zögerte ich nicht lang rum und blinkte sofort nach rechts, um anzuhalten, also tat ich es auch diesmal. Noch bevor sie aus ihrer Karre draußen waren, stand ich schon mit meinen Papieren bei ihnen, grüßte freundlich und fragte, ob ich Ihnen weiterhelfen könne. „Guten Abend. Oder viel mehr guten Morgen. Sie wissen, warum wir Sie angehalten haben?“ „Ich hoffe, ich werde es gleich erfahren. Ist was mit den Rücklichtern nicht in Ordnung?“. „Nein, mit Ihrem Wagen ist alles okay. Aber Sie sind zu langsam gefahren“. Mist, dachte ich. Das passierte mir jedes Mal, wenn ich was intus hatte. Ich fuhr einfach gerne vorsichtig, besonders wenn ich einen in der Krone hatte, legte mir was Schönes in den Stereo, genoss die Fahrt und sang lautstark mit. Ich fuhr also weder mit runtergelassener Scheibe, noch sonstwie auffällig. Ich wurde einfach nur langsamer – und ich wusste, warum.

Trinken und Fahren hatte viele Facetten. Manchmal geriet ich quasi unversehens da rein. Ich wollte zum Beispiel nur kurz mal irgendwo hin und Zack – wurden zwei Stunden und drei Bier draus und dann war ich in Zeitnot und wie hätte ich sonst abends noch irgendwo hin kommen sollen, also fuhr ich angeschickert, aber vorsichtig zurück. Das Fahren spät abends galt sowieso gemeinhin als problemlos. Alkoholkontrollen sah ich nie vor Mitternacht. Es galten 0,8 als Grenze, da steckte man sowieso schon mal zwei Bier weg, bevor man überhaupt drüber nachdachte. Und jedes Mal diskutierten wir drüber, wie groß das Risiko diesmal sei, rechneten Alkoholmengen und vergangene Zeit, Gewicht und Körpergrößen gegeneinander und wenn alles dagegen sprach, vertraute ich dem Glück. Und davon hatte ich reichlich. Also fuhr ich quasi immer.

Haben Sie Alkohol getrunken?“, fragte die Polizistin, nachdem sie meine Papiere durch hatte. Ich erinnere mich, dass ich sie sehr sympathisch fand und lächelte sie an. „Selbstverständlich“, sagte ich gelassen und ließ das wirken. Ich wusste, dass es sie beeindrucken würde. Es gehörte zu meinem Plan. Das verblüffte die Polizisten jedes Mal, weil sie sonst immer nur das Gegenteil hörten. Es war einfach zu unwahrscheinlich, dass jemand nachts durch die Gegend schipperte, dabei fuhr wie ein halbblinder Rentner und nichts gebechert hatte. Also gab ich es gleich zu und da ich dabei einen geübt nüchternen Eindruck machte, trauten sie mir in der Regel zu, dass das mit den zwei oder drei Bier stimmte. Und wenn sie mich trotzdem pusten ließen, blieb mir immer noch das Glück – stets an meiner Seite. Aber das hätte mir in der Situation auch nicht mehr geholfen.

Wir kamen von einem Geburtstag und das eigentlich Tragische daran war, dass irgendwer früh morgens und kurz vor Schluss auf die Idee kam, noch eine Runde Wodka-Rapido anzusagen. Man gab dazu einen doppelten Wodka ins Glas, füllte es mit der gleichen Menge Sekt auf, hielt das Glas oben mit einem Bierdeckel zu und stampfte es kräftig auf dem Tisch auf. Dann runter mit den Perlen. Nach drei Runden fragte einer „Wer fährt eigentlich?“ und alle blickten zu mir. Ich ließ den Schlüssel an seinem Ring um meinen Zeigefinger kreisen und fragte zurück: „Wer fährt eigentlich nicht?“ und alle hoben die Hand.

„Wollen wir nicht doch eine Alkoholprobe machen?“, fragte die nette Polizistin. „Nicht nötig“, sagte ich. „Wir haben nur noch 500 Meter und wohnen da vorne“, zeigte ich geradeaus. „Ach, es kann doch nichts schaden“, antwortete sie nonchalant und zog das Ding aus ihrem Wagen, während ihr Kollege dabei stand und mich nicht mehr aus den Augen ließ. Ich blies Ihnen eine 1,8 und als ich später auf der Wache saß und sich die Wodka-Rapidos ihren Weg durch meine Blutbahn bahnten, nahmen sie mir eine 2,2 aus dem Blut. Später erfuhr ich beim Idiotentest, dass mich das souveräne Auftreten zwei Monate Fahrverbot zusätzlich kosteten. Wer sich auf diesem Level so routiniert unterhält, sagten sie sich, der muss es einfach gewohnt sein. Und recht hatten sie ja auch damit. Es kostete mich glatte vier Monate ohne Schein. Von jetzt an musste ich das Problem lösen, dass ich mein Geld als Kurierfahrer verdiente.

Aber das ist eine andere Geschichte.

 

 

 

 

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