Zock it!

Zock it!

Nach der Schule hatten wir oft nichts besseres zu tun. Wir waren meistens zu viert. Der lange Siggi, Thomas, der dicke Patrick und ich. Es gab zwei Spielhallen in der City mit vielen Geldspielgeräten und jeder Menge dieser neuartigen Videospiele. Die Geldspieldinger interessierten uns nicht, obwohl ich mir manches Mal ansah, wie die Zocker eine Münze nach der anderen versenkten und ich wunderte mich, dass alle immer so viel Geld hatten für etwas, was null Unterhaltungswert bot. Unser Ding waren die echten Spiele. Die, in denen wirklich was passierte. Jeder von diesen Kästen in knapper Telefonzellengröße hatte einen Bildschirm, einen Joystick und ein bis drei Buttons, um damit zu ballern oder sonstwas im Spiel zu regeln. Wenn man gut war und die Traumzahl erreichte, kriegte man ein Freispiel. Wir hatten kein Geld. Wir mussten die Traumzahl erreichen.

Weil das Spielen erst ab 18 war, taten wir so, als sahen wir uns nur um. Aber wenn wir uns sicher genug fühlten und es nur eine Servicekraft hinter der Glasscheibe gab, ging’s los. Mit einer Mark war man dabei. Die Spiele hießen Defender, Space Invader, Frogger oder Donkey Kong. Meine Spezialität war Motorcycle Madness. Es hatte nur eine 2D-Ansicht von obenauf und man fuhr mit einem Motorrad durch Wüsten, Städte und Prärien und wich Ölflecken, Gegenverkehr und Schlaglöchern aus. Eine einzige Mark brachte mich fast immer durch eine halbstündige Fahrt. Vor dem vierzehnten oder fünfzehnten Level musste ich mich nicht mal sonderlich anstrengen. Am Ende trug man sich in die Highscoreliste mit einem dreistelligen Initial ein und wenn unter den ersten 20 Einträgen weniger als 15 mal mein „KJL“ stand, musste ich das unbedingt korrigieren.

Aber Thomas war der absolute Freak. Er war der König von Defender. Ein Spiel, in dem man mit einem Raumschiff und allerlei Ausstattung die Welt rettete. Man ballerte einfach alle fremden Eindringlinge weg, was eine fast unlösbare Aufgabe war, wenn man mal einige Levels überstand. Mir war das weitaus zu hektisch. Ich sah manchmal gar nicht mehr, wo die Aliens überall herkamen. Thomas hingegen, der sich immer mit TKS für Thomas Krömer Superstar eintrug, behielt die absolute Ruhe. Einmal wettete er mit einem anderen um die besten Schusskünste und ließ seine ersten vier Leben einfach so draufgehen, um dann mit dem letzten, verbleibenden Flieger eine Stunde am Stück dafür zu sorgen, dass am Schluss ein astronomisch hoher Score auf der Platte stand. Er war einfach besser als der Programmierer von Defender. Damit konnte man beim Hersteller nicht rechnen, dass es jemanden gab, der das wuppte.

Donnerstags verdienten wir uns vor der Zeit in der Spielhalle immer leichtes Taschengeld für unsere Spiele. Der lange Siggi wohnte in einem Haus, in dem es unten eine kleine, schlauchartig dunkle Kneipe gab, die immer um Zwei öffnete. Er hatte herausgefunden, dass sich donnerstags Pokerspieler dort trafen, um am letzten und dunkelsten Tisch mit richtig großen Scheinen zu zocken. Also gingen wir direkt nach Kneipenöffnung dort rein, setzten uns an diesen Tisch ganz hinten und hielten uns an einem Bier oder einer Cola fest. Mehr brauchten wir nicht zu tun. Wenn wir eine Weile warteten, kamen sie und fragten, ob wir uns woanders hinsetzen. Dann sahen wir sie an und schwiegen einfach. Und dann kam auch schon meist ein Zwanziger rüber und wir räumten das Feld.

Der dicke Patrick war gut im Donkey Kong spielen. Er schaffte es sogar, dabei zu rauchen, was sagenhaft cool aussah, aber schwierig zu managen war. Wenn man beim Videospielen rauchte, musste man die Momente mit einkalkulieren, in denen man an der Zigarette zog. Also zum Beispiel Joystick nach links für drei Sekunden schieben, Sprungtaste drücken, Joystick nach rechts, hochklettern, Wurftaste zweimal, rechts rum drücken und warten, bis das Fass vorbei rollt. Zigarettenzug. Nach links drücken, dem Fass nach, die Wurftaste nach dem Gegner, die Sprungtaste doppelt, hochklettern, rechts rum laufen, über das Fass springen und warten, bis die Banane fliegt. Zigarettenzug. Das alles erforderte erstaunliche Koordinationsfähigkeiten, die uns umgemünzt in schulische Leistungen Bestnoten eingebracht hätten. Allein das ganze Geschiebe und Gedrücke an den Hebeln und Knöpfen war schon physisch eine ordentliche Leistung, ganz abgesehen von dem was auf dem Bildschirm so alles los war, während die Zigarette runterbrannte.

So hatten wir alle unsere favorisierten Spiele, bevor wir wieder nach Hause fuhren und uns um die Nachmittagsgestaltung kümmerten, während es jeder von uns zu wahrer Meisterschaft brachte, seine eigene Hausaufgaben-Vermeidungsstrategie zu entwickeln. Dann ging es zum Fußballspielen oder in die Jugendgruppe oder zu einem Date und abends war schon wieder was Neues auf dem Programm. In meiner Erinnerung waren alle diese Tage unendlich lang, so als ob wir die Fähigkeit besaßen, die Zeit zu dehnen, sie zu verlangsamen und für uns einzunehmen, weil es auf das ankam, was uns Spaß machte – und nur darauf. Keine Ahnung, wie wir das anstellten.

 

 

 

 

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