Zehnkampf

Zehnkampf

So ganz genau kann ich die Anzahl der besuchten Seminare, Schulungen und Fortbildungen nicht mehr einschätzen. Im Laufe der Jahre mögen das 20, 30 oder sogar noch mehr gewesen sein. Es gibt immer ein paar Unwägbarkeiten. Ob der Dozent sein Handwerk versteht, ob er es vermitteln kann, ob es Kaffee, Säfte, Wasser, Mittagessen gibt. Und ob man nach einer Stunde oder erst nach dreien einschläft. All das weiß man nicht sicher. Aber es gibt auch ein paar Konstanten.

Erstens. Jedes Mal ist einer unter den Teilnehmern, der sich produziert. Zu allem hat er was zu sagen und wenn er nichts zu sagen hat, sagt er trotzdem was. Alle anderen finden das anfangs lustig, gegen Mittag lässt das Interesse am Dampfplauderer nach und anschließend hofft man, dass es bald vorbei ist.

Zweitens. Während der Gruppenarbeitsphase gibt es immer jemanden, der glaubt, dass du ihn nicht leiden kannst. Nur weil Du in der Lage bist zu hinterfragen, was der andere mit seinem Beitrag gerade meinte. Die Situation ist dann unrettbar verloren. Selbst wenn du die Person im Gespräch dazu einlädst, sie mitzunehmen, Dich ihr in Meinungen anschließt und dich auf ihre anschließenden Äußerungen einlässt. Es ist einfach alles zu spät.

Drittens. Dein Platz ist dein Platz. Wenn Du dich erstmal gesetzt hast, egal ob Du zu spät gekommen bist und den letzten Platz nimmst oder ob Du dir in Ruhe einen Platz ausgesucht hast, diesen Platz wirst du nie wieder verlassen. Wenn das Seminar ein Jahr dauern würde, könntest du anfangen, dich rund um diesen Platz einzurichten, Lebensmittel drum herum zu deponieren und es dir mit Blumen und Tischdecke gemütlich machen. Versuch es ruhig, Dich umzusetzen. Im nächsten Moment kommt jemand und sagt: Das ist mein Platz. Weil er gestern schon da saß oder auch nur vorhin. Es ist quasi unmöglich, die Sitzordnung aufzulockern. Auch wenn Du Dr. Jekyll und Mr. Hyde neben Dir hast – Du bleibst da sitzen. Punkt.

Viertens. Irgendwer schreibt immer wie Schneewittchen. Und der darf dann auch die Ergebnisse der Gruppe präsentieren, auch wenn er sonst kein Forelle vom Teller zieht. Es sieht aus, als ob Deine Grundschullehrerin auf der Kreidetafel das Alphabet runter schreibt, ohne die Linie zu verlassen, ohne die Schriftgröße zu ändern und nie, in gar keinem Fall, ist das was diese Person schreibt, unleserlich. Damit ist ihre Gruppenkompetenz auch schon ausreichend bewiesen und sie braucht nie irgendwas beizutragen, Hauptsache, sie schreibt alles schön säuberlich auf, was die anderen sagen.

Fünftens. Kaum hat das Seminar begonnen, sagt einer, dass er früher gehen muss. Es gibt einen unverschiebbaren Termin, der wahr genommen werden muss, weil sonst ein Erdbeben ausgelöst wird, die Erde zur Scheibe wird oder Jesus und Mohamed zum Buddhismus konvertieren. Dazu muss das Seminar mindestens eine Stunde vorher verlassen werden. Der Seminarleiter notiert sich das und mit etwas Teamgeist gesellen sich vor dem Abflug noch zwei weitere und nach dem Verschwinden andere der Teilnehmer hinzu. Sobald es jemand gewagt hat, früher zu gehen, schließt sich jemand an. Immer.

Sechstens. In der Vorstellungsrunde sagen neun von zehn ihren Namen, ihren Wohnort, wo sie arbeiten und warum sie hier sind. Der Zehnte jedoch, verrät uns den Namen seines Wellensittichs, mit wem seine Oma 1945 geflirtet hat, was er als Kind am liebsten gefressen hat und warum er Ende der Schulzeit ganz genau wusste, was er mal werden wollte. Wenn das mal ausreicht.

Siebtens. Es gibt keine guten Referenten. Entweder sind sie schlecht in dem, was sie tun oder sie haben keine Lust dazu, gut zu sein. Sie machen den Job zu lange und bemerken nicht, wie langweilig sie geworden sind. Sie geben sich wie ratschlagende Eltern und machen einen wahnsinnig damit. Sie rattern ihre Vorträge runter und denken dabei ans Sonderangebot aus dem Supermarkt. Sie mögen sich selbst nicht mehr und es ist ihnen egal, ob das jemand merkt. Sie tragen einen Doktortitel und schaffen es nicht, zwei PowerPoint Folien zu füllen. Sie kopieren Inhalte von Dritten und bemerken nicht, dass wir es wissen. Einen guten Dozenten zu finden, ist faktisch unmöglich.

Achtens. Geht das Seminar mehrere Tage, erzeugt die Gruppendynamik Koalitionen. Wer mal zugestimmt hat – und sei es zum größten Schwachsinn – wird als bester Freund adoptiert. Alle anderen sind nervige Deppen und werden mit Argumenten abgelehnt, die jedem AFD-Parlamentarier zur Ehre gereichen.

Neuntens. Nach dem Seminar sagt ausnahmslos jeder, wie toll und informativ alles gewesen ist, selbst wenn der Informationswert gleich Null und der Dozent zum Einschlafen langweilig war. Jeder bedankt sich reihum wahlweise fürs Zuhören oder fürs Reden und dann gehen alle auseinander und fluchen auf dem Nachhauseweg über die Entscheidung, sich überhaupt dafür angemeldet zu haben.

Zehntens. Irgendwer kommt immer auf die Idee, eine Adressliste mit E-Mail und Telefonverteiler zu erstellen, selbst wenn man heilfroh wäre, all die Schnarchkappen nie wieder zu sehen. Meist ist es derjenige, dem die Kamera des Gruppenfotos gehörte. Also wird fleißig eingetragen und kopiert und tatsächlich kommt dann drei Tage später ein Foto, auf dem jeder außer dem Absender so aussieht, als ob er an einer Schlafkrankheit leidet. Anschließend schläft dann der Mailverteiler langsam, aber friedlich ein. Wenigstens musste man während der Dauer des Seminars nicht arbeiten. Und darauf kam es ja schließlich an.

 

 

 

 

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