Bild: AS_Photography/Pixabay
Beim ersten Mal war ich Anfang Zwanzig und meine süße Freundin wollte unbedingt, dass ich mit ihr fahre. Na gut. Also auf nach Österreich, wo in der Almhütte Kaffee und Apfelstrudel einen Zehner kosteten, was ich damals unfassbar teuer fand. Auch sonst merkte ich schnell, dass ich hier nicht unter meinesgleichen war – hier sah keiner aus, als ob er auf Reggae oder Rock’n’Roll stand oder erst mal zur Entspannung einen Joint rauchte. Es sah sehr viel mehr nach Geld, Solarium und qualvollen Schlagern aus. Auf den Parkplätzen standen ausschließlich riesige Limousinen und teure Sportwagen. Neben unserem alten Golf stehend, war mein erster Gedanke: Hier gehörst du gar nicht hin. Dieses Gefühl wurde ich den ganzen Tag über nicht los und das völlig zurecht. Das Weib wusste, wie das mit dem Skifahren geht, aber ich stellte mich so bescheuert an, dass ich nicht mal den Idiotenhügel schaffte, ohne andauernd auf die Fresse zu fallen. Irgendwann hatte ich keine Lust mehr und der Tag wurde nicht zu einem unserer besten. Aber weil die Liebe flüchtig ist und das Leben auch, vergingen dreißig weitere Jahre bis zum zweiten Mal, dass mich eine dazu überredete. Frauen schaffen so was. Und ich hatte meine Schmach von damals längst wieder vergessen. Als professioneller Menschenfeind hatte ich inzwischen auch gelernt, dass Vorurteile warten können, bis ich sie auspacke.
Die Gegend war sehenswert. Über dem Tiroler Bergdorf gab es mehrere schöne Abfahrten. Steile Hänge waren das. Aber das Hotel war in Ordnung und der Sessellift war im Preis mit drin. Alles hätte gut werden können, aber ich schlug mal wieder in schöner Regelmäßigkeit hin, wenn mir die anderen was zeigten. Am zweiten Tag buchte ich einen Kurs auf dem Idiotenhügel, aber wie sehr ich es auch besser machen wollte – entweder fiel ich hin oder ich schoss geradeaus runter und war froh, mir unten im Fangzaun nicht die Gräten zu brechen. Ein paar Tage später kriegte ich es schließlich doch noch auf die Reihe und hatte sogar Spaß am Runterbrettern. Aber wovon ich eigentlich erzählen wollte, war der dritte Tag. Nachdem ich zum hundertsten Mal gefallen war, mir wieder die am Hang verstreuten Ski zusammensuchte, nur mühsam in die Bindungen kam und mich wackelnd aufrichtete bis zum nächsten Sturz, hatte ich einfach die Schnauze voll und lieh mir einen schönen großen Holz-Schlitten. Der war eigentlich für drei Personen gedacht mit schönen großen, runden Kufen, schwer und sehr stabil, mit dem ich dann die Piste zwischen all den Skifahrern runter raste. Und das war wesentlich einfacher, als dieses Wedeln auf den dünnen Brettern. Die anderen staunten, welch wilde Sturzfahrten ich vorlegte, aber ich dachte mir immer: Wenn es brenzlig wird, wirfst du dich halt runter.
Mit dem Sessellift dauerte das Hochfahren etwa zehn oder fünfzehn Minuten, wieder unten war ich dann unter drei. Zwischen meinen Rekordfahrten legte ich Pausen ein, um mich auf der Hotelterrasse mit Cocktails oder ordentlich Rum im Tee zu stärken und je mehr Pausen ich einlegte, desto rasanter wurden meine Abfahrten. Ich legte mich mit dem Bauch flach auf den Schlitten, hielt die Kufen fest und lenkte ihn mit den Stahlkappen meiner Skifahrerschuhe, was hervorragend funktionierte. Selbst wenn einer meine Bahn kreuzte, fuhr ich souverän in großen Kurven drum herum, ohne die Kontrolle aufzugeben. Es war wie im Rausch. Schorsch Hackl wäre stolz auf mich gewesen. Aber dann kam der Moment, wo einer dieser Anfänger wie ein Magnet auf mich zusteuerte und ich dachte, okay, das ist jetzt der Moment für ein gezieltes Abrollen vom Gefährt. Tatsächlich vermied ich so, dass wir zusammen krachten. Aber woran ich nicht gedacht hatte, war den Schlitten am Seil festzuhalten, als ich mich runter schmiss! Ich rollte mich noch zwei, drei Mal gekonnt im Schnee ab und sah dann dem Schlitten hinterher, wie er ungebremst und immer schneller werdend, führerlos den steilen Hang runter raste.
Sofort war ich wieder stocknüchtern. Plötzlich fiel mir auch ein, dass ich nicht versichert war, während dieses Geschoss beim Nachsehen immer kleiner und schneller wurde. Bei den Buckeln auf der Piste flog der Schlitten immer wieder hoch in die Luft, landete aber auf den Kufen und flog geradeaus weiter die Piste runter. Wie durch ein Wunder wurde niemand dabei abgeräumt. Unten am Parkplatz querte er mit einem gekonnten Satz die Straße, landete auf dem Acker gegenüber und setzte seine wilde Fahrt ungebremst fort. Dann sah ich ihn nicht mehr, schloss die Augen und wartete auf ein Klirren oder einer Art entsetztem Todesschrei aus dem Dorf. Aber es kam nichts. Tja, dachte ich mir, das war’s dann. Mit dem Rauchen hatte ich vor zwanzig Jahren aufgehört. Aber jetzt hätte ich mir eine angesteckt. Ich stiefelte durch den tiefen Schnee bis runter zur Terrasse und setzte mich erst mal. Irgendwie hatte ich das Gefühl, das könnte mir beim Nachdenken helfen. Aber das tat es natürlich nicht. Dann sah ich der Katastrophe mutig entgegen und machte mich auf die Suche.
Auf dem Weg ins Dorf waren jede Menge dieser Ferienhäuser und ich sah mich nach größeren Schäden um, so was wie durchschlagene Fenster oder Löcher im Dach oder wenigstens einen ordentlichen Totalschaden an einem dieser riesigen SUVs, die vereinzelt rumstanden. Nichts. Auch keine Schlittenspur zu sehen. Eine gute Stunde irrte ich durch den Ort und fand einfach nichts, was nach einer teuren Katastrophe aussah. Dann kehrte ich wieder um und machte mich mit dem Gedanken vertraut, den Verlust zu erklären. „Ja genau, ich hatte ihn da an der Ecke geparkt und als ich mit den Gin-Tonic unten hatte, da war der plötzlich weg! Ehrlich, Mann.“ Oder: „Ich bin da am Sessellift raus, stelle den Schlitten hin und da springt doch diese kleine Sackratte drauf und rast mir davon“. Ich entwarf noch ein paar von diesen Szenarios, aber keines war so richtig überzeugend. Und dann sah ich überhaupt endlich mal einen Schlitten. Im Garten einer Ferienanlage stand einer, der meinem verdammt ähnlich sah. Er stand aufrecht auf den Kufen im Schnee und weil keine Spuren rundum zu sehen waren, glaubte ich nicht dran. Aber da es sowieso der einzige weit und breit war, schritt ich wie ein Storch im Schnee durch die Gärten hinter den Ferienwohnungen und sah mir das Ding an. Und tatsächlich! Das war er zweifelsfrei – da stand er doch. Hatte den jemand geklaut? Aber wie kam der hierher? In der Wohnung hinter mir war niemand. Keine Spuren im Schnee. Über mir ein Glasdach. Ich sah nach oben und kapierte nicht, was geschehen war.
Dankbar und zufrieden hob ich das Teil hoch und stiefelte zurück, immer an den großen Fenstern der Appartments entlang. Es muss genau so ausgesehen haben, als ob ich mir einfach irgendwo einen Schlitten klaute – aber niemand hielt mich auf. Als ich mir über dem Haus den Hang ansah, wurde es mir dann klar. Ein großer Graben trennte Piste und Haus. Er wurde beim Durchfahren zu einer Art Rampe, von der er mühelos aufs Dach oder mit dieser Wucht sogar übers Haus hätte fliegen können. Aber weil sie kurz vorm Haus zu steil wurde, hob er wie eine Rakete ab. Statt aufs Dach zu fliegen, setzte er sich zielgenau hinter die Gartenmauer, aber vor dem Glasdach exakt in diesen kleinen Garten aufrecht und rückwärts eingeparkt rein, als ob er nie woanders gestanden hätte! Es war ein so unfassbares Glück, dass ich ein Stoßgebet nach oben schickte. Ich prägte mir alles ganz genau ein, weil es mir oben sowieso niemand glauben würde. Und als ich endlich wieder oben war, gab ich das Ding zurück und war heilfroh, dass ich wieder mal davon gekommen war. „Wie war es?“ fragte mich der Verleiher. „Ach“, sagte ich, „gib mir mal lieber meine Skier wieder“. Und so lernte ich das dann auch noch.
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