Rollende Steine

Rollende Steine

Bild: Pixabay.com

Ich sah die Stones insgesamt drei Mal live und in Farbe. 1990 im Frankfurter Waldstadion, 1995 im Kölner Müngersdorfer Stadion und 1998 auf dem Mannheimer Maimarkt. Am kuscheligsten war es in Köln während der „Voodoo Lounge“-Tour und am weitesten entfernt von der Bühne stand ich in Mannheim zur „Bridges to Babylon“, aber da hatten die Jungs ohnehin schon Dimensionen erreicht, die für ein Konzertereignis kaum noch taugten. Damals sah ich zum ersten Mal eine Art mobilen Laufsteg, der sich ungefähr rund hundert Meter ins Publikum verlängerte, auf dem abwechselnd Jagger, Richards und Wood tanzten, aber ohne die riesige Videoleinwand auf der Hauptbühne, hätte man kaum mehr als ein paar weit entfernt rumhüpfende Gestalten erkannt.

Das mit Abstand beste Stones-Konzert sah ich 1990 in Frankfurt. Es war die „Urban Jungle Tour“ Ende Mai, nur wenige Wochen vor der WM, zu der Deutschland zum dritten Mal Weltmeister wurde. Die Band ließ von den beiden Bühnentürmen links und rechts riesige, aufblasbare Frauenfiguren mit Fußbällen über das Publikum schweben, die irgendwie surrealistisch und anmutig zugleich aussahen. Es war die erste Tour, zu der Ian Stewart nicht mehr antrat und die letzte, zu der man Bill Wyman noch live erleben durfte, wie er wie immer cool am Bass stand, stets abseits von den anderen und seinen Stiefel runterspielte.

Wir waren zu viert. Hü, der so hieß, weil sein Nachname Hübner war, Schlürf, der einfach so hieß, wie er hieß, Manfred und ich. Schon mittags um Drei ließen wir uns im Stadion inmitten der ausgelassenen Stimmung auf der Plane nieder, die über dem Rasen lag. Mit rund sechzig Mark war das Konzert samt Vorprogramm nicht mal besonders teuer. Das Wetter und die Stimmung waren großartig und ich traf zum ersten Mal Konzert-Besucher aus der DDR. Es gab gar nicht genug zu reden und zu feiern mit all den anderen Stones-Fans, die zum Teil noch Konzerte aus den Gründerjahren erlebt hatten. Jede Menge gutes Gras machte die Runde und die Stimmung war prächtig. Als Vorgruppe war eine schottische Band namens GUN angesagt, die ganz gut rockten. Weiterhin waren die Toten Hosen dabei, sowie drei weitere Gruppen und irgendein Gerücht besagte, dass Peter Maffay dort auftreten sollte, was ich für völlig deplatziert hielt. Wer die Stones gerne hört, kann nicht zeitgleich ein Freund vom kleinen Muggel sein, dachte ich mir. Uns so kam's dann auch. Tatsächlich brachte es der Konzertveranstalter fertig, Schlager-Peter in den Ring zu schicken, wo er von den rund dreißigtausend Besuchern gnadenlos ausgepfiffen und mit Wurftomaten und Bierbechern von der Bühne gejagt wurde. Was für ein grandioses Desaster!

Uns war es relativ egal, was Maffay da sang, denn wir hatten schon kräftig einen sitzen. Wir brachten einen Zehn-Liter-Kanister Vodka-Orange mit, in dem mindestens drei Flaschen Wodka steckten, aber den kriegten wir natürlich nicht ins Stadion. Am Einlass sah man schon von weitem den riesigen Berg aus Flaschen, Dosen und Kanistern, der sich neben der Security auftürmte. Also nahmen wir reihum je einen kräftigen Schluck, während wir warteten. Nach 'ner Weile kam uns Manfred abhanden und je näher wir dem Einlass kamen, desto näher rückte der Abschied vom Wodka-Orange, den ich unterwegs sogar noch mit Eiswürfel bestückt hatte. Dann verlor ich auch die anderen in der Menge und Manfred rief plötzlich von der anderen Seite, hinter dem Gebüsch, aber schon im Stadiongelände, ich solle den Kanister rüberwerfen. „Manfred, bist Du es?“, rief ich ins Grün. „Ja, Mann! Schmeiß rüber!“ Klasse, dachte ich, da hat jemand mitgedacht! Also warf ich das Teil mit Schwung und in hohem Bogen über Zaun und Gebüsch und ließ mich weiter Richtung Einlass treiben. Nach endlosen Kontrollen suchte ich dann Manfred mit dem Bölkstoff auf der anderen Seite, aber wie sich herausstellen sollte, war ich der Erste von uns vieren, der drin war. Die anderen trudelten erst so nach und nach ein. „Er klang halt wie Manfred“, entschuldigte ich mich bei den anderen. Aber es war zweifelsfrei eine prima Idee. Also stellten wir uns selbst in die strategisch günstige Wurfzone und ich brüllte „Schmeiß das Ding rüber“ in die Menge, ohne jemand bestimmten damit zu meinen. Und schon bretterte es jede Menge Dosen über den Zaun – und einen weiteren Kanister, der enttäuschender Weise Sangria statt Wodka bereithielt. Wir sammelten das Zeugs auf und als Klein-Peter damit beschäftigt war, sich auf der Bühne zu blamieren und mit Schimpf und Schande aus dem Waldstadion vertrieben wurde, waren wir mit dem Sangria beschäftigt.

Es war ein toller und mitreißender, wunderbarer Konzertabend an diesem Vorsommertag des Jahres 1990, zu dem einfach alles passte. Wir standen weit vorne, hatten freien Blick auf die Bühne und der Sound war fantastisch. Die Band machte einen ausgeruhten und motivierten Eindruck, obwohl sie in den vergangenen neun Tagen fünf Konzerte hinter sich hatte. Die Setlist umfasste rund 25 Songs plus Zugaben mit über zwei Stunden purem Stones-Feeling, darunter das kraftvolle „Undercover of the night“ und das noch heute besondere „Miss you“. Zu „Sympathy for the devil“ fuhr Jagger mit einem Aufzug hinter der Bühne rund sechzig Meter hoch über die Bühne und begann erst dort mit seinem „Please allow me to introduce myself…“. Natürlich begannen sie mit „Start me up“ und schon mit dem ersten Gitarrenriff von Keith Richards, war es bereits das verdammt beste Open Air, das ich je besuchte.

Als die Flutlichter nach dem Konzert wieder entflammten und sich das Stadion langsam leerte, waren wir immer noch wie betäubt vom Erlebten. Noch eine gaze Weile waren wir wie in einem sehr guten Musikfilm gefangen und jeder von uns wusste, dass wir was Besonderes gesehen hatten. Aus den Boxen sang uns Bob Marley „No woman, no cry“ zum Abschied und es lag eine fühlbar friedliche Stimmung über dem ganzen Fußballfeld, das aussah, als ob noch mehr den Trick mit dem Kanister-Weitwurf kannten.

 

 

 

 

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