Keine Leuchte weit und breit

Keine Leuchte weit und breit

In erster Linie war da Nebel. Immer dieser Nebel – nie klare Sicht auf die Dinge. Von der ersten Schulklasse an war er so dicht und undurchdringlich, dass man in dieser Suppe noch nicht mal seinen direkten Nachbarn sah. Gleichzeitig hatte ich eine erfüllte und wunderschöne Kindheit, solange sie nichts mit Schule zu tun hatte. Es ist mir, als ob der Nebel immer aufzog, wenn ich das Haus verließ und sich dann in der Schule zu einer weichen Wand aus Watte aufbaute, die mich umgab und aus der es nur dann einen Ausweg gab, wenn sich die letzte Schulstunde des Tages ankündigte. Eine weiche und schützende Hülle, die mich umgab und mir half, den Schultag zu überstehen.

In der Grundschule war es besonders heftig. Ich wusste nicht, was ich da sollte. Wir waren nahezu vierzig Sechsjährige und stellten uns auf dem Schulhof in Zweierreihen auf. Man konnte sich im Nebel nicht verlaufen, solange man sich an die beiden davor klemmte. Die Schwierigkeit bestand für mich eher darin, den richtigen Händchenpartner zu finden oder die richtige Klasse. Einmal sah ich so wenig, dass ich es fertigbrachte, unter dem Vordach mit Wucht gegen eine der Dachstützen zu laufen – hui, das gab Sternchen im Nebel!

Was wollten die hier von mir? Warum saß ich hier? Ich sang mir in Gedanken etwas vor, dachte mir Spiele aus und träumte von einer freien, sonnenklaren Sicht auf Wiesen, Fußbälle und Wasser. Es war jeden Morgen eine Überraschung, dass andere Hausaufgaben dabei hatten. Welche Hausaufgaben?, fragte ich. Es war nach jeder Schulstunde eine Überraschung, was als Nächstes auf dem Stundenplan stand. Was für eine Stunde kommt jetzt?, fragte ich nach jeder Stunde. Und dann war es in jeder letzten Schulstunde eine Überraschung, dass sich der Nebel wieder langsam verzog. In meinem Zeugnis stand, ich sei zwar begabt, aber faul, was der Wahrheit nicht annähernd nahe kam. Ich hatte schlicht keinen Plan, worum es ging.

Trotz Einsatz gegen Null musste ich nach vier Klassen in den Nebel zurück und betrat ein „naturwissenschaftliches, mathematisches Gymnasium“, was so ziemlich das Übelste war, was einem Planlosen und Verträumten wie mir passieren konnte. Gemeinsam mit dreißig Jungs – es gab dort einfach keine Mädchen – , zog sich der Nebel nochmal so heftig um mich herum, dass ich gerade mal in einem einzigen Fach, dem Deutschen, eine gute Note erreichte. Wahrscheinlich, weil ich gute Geschichten von Wiesen, Fußbällen und Wasser erzählte. Selbst in Religion stand eine fette Fünf. Zwei Jahre später fand ich mich auf einer Hauptschule wieder. Dort grenzten sich die Schüler dann nur noch zur Sonderschule ab und ich musste wieder nichts tun, weil das Niveau so niedrig war, dass man selbst in Religion eine Eins kassierte. Ganz einfach nur, weil man da war. Aber immerhin gab es dort Mädchen, so dass die Pause weitestgehend nebelfrei verlief.

Die nächste Evolutionsstufe hieß dann Realschule. Ich lernte sehr schnell, wie ich geheuchelte Aufmerksamkeit simuliere, ohne mich selbst zu sehr reinzuhängen und begann damit, mir den Nebel mit Sport, Knutschen und selbstgedrehten Zigaretten zu vertreiben. Die Schultage waren jetzt nur noch halb so lang und ich musste keine Geschichten mehr erfinden, sondern beschäftigte mich zunehmend mit den hübschen Dingen um mich herum. Ich hatte inzwischen voll Spaß am Leben, trug einen stattlichen Afro spazieren, einen grauen und selbstgestrickten Pulli samt Anti-AKW-Pin und war auch sonst mehr daran interessiert, was mit den Mittelstreckenraketen und meinem Körper geschieht, als mir Gedanken um binomische Formeln zu machen. Anfangs der Zehnten musste ich mit Schrecken feststellen, dass am Ende eine Abschlussprüfung auf mich warten würde, in der ich weder abschreiben, noch mit Improvisation über die Runden kommen könnte.

Also engagierte ich mich als Klassensprecher, wurde prompt in die Schülervertretung des Landes gewählt und versuchte alle Welt davon zu überzeugen, dass das Ablegen von Abschlussprüfungen schwere, mental kaum zu bewältigende und psychische Schäden bei den Absolventen hinterlässt. Auf mich traf es jedenfalls zu. Ich hatte inzwischen herausgefunden, dass es in anderen Bundesländern keine derartige Prüfung gab, aber da ich ja bleiben musste, wo ich war, entschied ich mich, das Schweinesystem von innen zu bekämpfen! Und was soll ich Euch sagen, es wäre mir beinahe auch noch gelungen. Die Schulkonferenz des Landes machte es zum Thema, wollte darüber aber frühestens im nächsten Schuljahr entscheiden. Die Dinge erschienen mir nun glasklar: Ich musste entweder noch eine Ehrenrunde drehen – oder auf ein mittelschweres Wunder hoffen. Was prompt eintrat. Das beste Mädchen unserer Klasse verliebte sich in mich und die Kombination aus Petting, Pershing und Prüfungsangst brachte es dann doch noch und ich schaffte den ganzen Krempel ohne zu glänzen, aber noch gerade so ausreichend.

Ich war jetzt 17 und der ganze Nebel um mich rum hatte sich soeben vollständig verzogen. Ich war gerade erst aufgewacht. Kein Mensch hatte mich darauf vorbereitet und mitten in tausend emotionalen Dingen musste ich mich nun entscheiden, wie es weitergehen sollte. Welchen Beruf, fragten sie mich. Verdammt. Ich hatte schon wieder keine Ahnung und wünschte mir die weiche Watte zurück. Beim Arbeitsamt gaben sie mir einen Test, in dem ich unter anderem je zwei Striche waagerecht über einen senkrechten malen sollte. Dann schrieb ich 70 Bewerbungen und nahm das Erste, was ich kriegen konnte.

.

.

.

*************

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.