Goldene Hochzeit

Goldene Hochzeit

Während ich das hier schreibe, kann ich es selbst kaum fassen. Denn es muss so im Frühjahr '68 gewesen sein. Mutter brachte mich morgens in den Kindergarten. Wir wohnten etwa zwei Kilometer davon entfernt und das war für jemanden mit kurzen Beinen verdammt weit. Um mir die Zeit auf dem Weg zu verkürzen, redete Mutti viel mit mir. Als Stadtkind zählte ich die Autos, die uns entgegen kamen. Das passte in meine übrigen Spiele, weil ich es als Einzelkind gewohnt war, mich mit mir selbst zu beschäftigen. Oder wir verglichen die Veränderungen zum jeweiligen Vortag auf dem Weg entlang der Vorgärten. Mutti war besorgt, dass ich nicht gerne hingehen würde. Aber es gefiel mir dort und es machte sie ohne Zweifel stolz, dass ich wie selbstverständlich ohne Murren jeden Tag mitlief. Doch der Weg dorthin schien mir sehr weit. Eines Tages fand ich in einem Gebüsch ein Spielzeug-Lenkrad, das zu einem Kettcar, einer Art muskelbetriebenes und damals sehr beliebtes Go-Kart gehören musste. Das reichte mir völlig aus, damit die Zeit auf dem Fußweg dorthin wie im Flug verging. Von nun an fuhr ich nämlich den Weg, indem ich das Lenkrad vor mir herbewegte und dabei Motorgeräusche von mir gab. Ich schaltete sogar regelmäßig vom ersten Gang hoch in den Dritten und merkte überhaupt nicht mehr, dass der Weg anstrengend war. Jeden Tag fuhr ich schneller.

In diesem Frühjahr 1968 traf ich einen anderen Jungen, den wir mit seiner Mutter auf den letzten Metern in Richtung des Kindergartens häufiger sahen. Er fiel mir sofort auf, weil er eine völlig überdimensionierte Brille aufhatte, mit der er ganz schön komisch aussah. Ich sprach nicht mit ihm, aber ich merkte, dass die beiden Mütter sich zum Gruß zunickten. Und im Kindergarten traf ich ihn dann wieder. Nachdem wir so fünf bis zehn Tage zusammen im Kindergarten verbrachten, gewöhnte ich mich an seine Riesenbrille. Mich interessierte der Junge und innerhalb des Spiels mit den anderen Kindern, hatten wir unseren eigenen Draht zueinander. Wenn ich mittags abgeholt wurde, war das auch seine Zeit. Dann gingen wir gemeinsam mit den Müttern bis zu der Ecke, an der ich jeden Tag meinen Sportwagen im Gebüsch geparkt hatte. Inzwischen redeten die Frauen miteinander und es stellte sich heraus, dass sie beide am gleichen Tag Geburtstag hatten und auch noch den gleichen Vornamen trugen. Mein Spielgefährte hatte auch zwei Geschwister. Während die beiden genug zu reden hatten, trotteten wir nebeneinander her und verstanden uns auch so. Ich hätte mein Lenkrad nie weg gegeben, weil es mein Vergnügen war, mit dem imaginären Schlitten durch die Straßen zu kurven. Um so mehr war ich überrascht, dass mir der Bursche sein Matchboxauto überließ, das er in den Kindergarten mitbrachte und das mir viel besser gefiel, als all die übrigen im Spielsaal. Er sagte, ich dürfe es einfach mit nach Hause nehmen und damit spielen, wenn ich es am anderen Tag wieder mitbringe. Darüber freute ich mich riesig. Erst als ich mit dem Spielzeug in der Tasche meinen Sportwagen im Gebüsch suchte und es tatsächlich nach Hause lenkte, war ich davon überzeugt. Auf der Rückfahrt überlegte ich, was ich ihm dafür am nächsten Tag anbieten könnte. Ob er doch mit meinem Lenkrad fahren würde?

Das war unser erster Freundschaftsdienst in einer Jahrzehnte lang anhaltenden Reihe von Ereignissen, die uns über eine gemeinsam verbrachte Kindheit im Problemviertel unserer Stadt, die Trennungen unserer Väter, die pubertären Jahre, die ersten Freundinnen, unendlich viele Feiern, die Berufsausbildung, die Erfahrungen unserer Beziehungen, über jeweils eine Ehe auf beiden Seiten und reichlich Höhen und Tiefen unseres Lebens brachten. Er war mir der zuverlässigste und beste Freund, den man sich vorstellen kann – auch wenn wir aufgrund unserer Lebenslinien weit davon entfernt waren, eine enge Freundschaft zu pflegen, in der man sich mehrmals die Woche trifft und die neuesten Erlebnisse teilt. Zeitweise waren Jahre darunter, in denen wir uns höchstens ein Mal sahen. Nein, es war diese Art von Freundschaft, in der zwei beschlossen, für immer Brüder zu sein. Und es auch tatsächlich blieben. Fast immer unsichtbar und doch stets da. Wenn wir uns heute sehen, brauchen wir keine zwei Minuten, um uns die intimsten Dinge zu erzählen. Es ist einfach so, als wären wir nie getrennt gewesen. Dabei hatten sich unsere Lebensläufe meilenweit voneinander entfernt. Würde ich jemanden wie ihn heute nochmals kennenlernen, würden wir es wahrscheinlich nicht mal bis zu einem gemeinsamen Bier schaffen. Solche Verbindungen funktionieren nur, wenn Du sie als Kind startest. Und zwar in einer Kindheitsphase, in der Du die allerersten Freundschaften Deines Lebens schließt. Wenn Du jemanden triffst, dem Du vertrauen kannst und noch nicht gelernt hast, dem Menschen gegenüber zuallererst argwöhnisch zu begegnen, weil irgendwas faul dran sein muss, wenn er Dir sein Lieblingsspielzeug überlässt. Manchmal muss man Glück im Leben haben. In diesem Jahr feiern wir goldene Hochzeit. Danke. Für alles.

 

 

 

 

*************

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.