Etwas Weltschmerz

Der Schrei (Edvard Munch)
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Also; gestern stehe ich von meinem Platz in der Sonne auf, um mir im Gartenhaus eine frische Flasche Bier zu holen und da höre ich draußen auf dem Weg einen Typen, wie er auf eine Frau mit einem Hund an der Leine einredet. Und er gibt immerzu und ohne Pause hasserfüllten Bullshit von sich und die Frau sagt immer „genau“ und „das stimmt“ und „so ist es“ und „das finde ich auch“. Ich konnte den Alten nicht sehen, weil er hinter einer Hecke stand, aber ich sah die Frau und den Hund und ich hörte mir dieses ekelhafte Zeugs an und beobachtete sie, wie sie dazu nickte. „Hier in Berlin arbeitet doch sowieso keener mehr“, sagte der Typ, „die sind doch alle auf den Demos, zum Arbeeten ham‘ die doch alle keene Zeit.“ „Rischdisch“, sagte die Frau. „Demonstriern wegen jedem Scheiß und verstopfn nur de Straßen“ und die Frau sagte „ja, det stimmt“. Ich sah mir die Frau an. Sie war vielleicht so um die 60, 65, aber mit jedem „det seh ick ooch so“ wurde sie ein Jahr älter und dann sah ich nur noch eine alte, grauhaarige, hässliche, hasserfüllte Frau da stehen, die niemanden mehr hatte außer ihrem Hund und der hatte es schon schwer genug. Der Hund drehte sich zum Gartentor und sah zu mir rein. Er war der Einzige, der uns alle drei sehen konnte. „Und dann schwafeln se über de Rente“, sagte der Typ den ich nicht sah, „bei mir wär‘ det janz einfach: 45 Jahre jearbeitet, Rente. Keene 45 Jahre, keene Rente, so einfach ist dette!“ „Ja, genau“, sagte die alte hässliche Frau. Der Hund tippelte etwas aufgeregt auf seinen Pfoten und überlegte wohl, ob er hier pissen soll. So richtig froh sah der nicht aus.

Dann drehte er sich wieder um und sah an ihr hoch. Aber sie beachtete ihn gar nicht. „Ja genau, det stimmt“, sagte sie wieder. Ich fragte mich, warum sie dem Arschloch ständig recht gab. Hatte sie denn selbst 45 Arbeitsjahre hinter sich, keine Kinder großgezogen und keine unbezahlte Pflegearbeit geleistet? Oder sagte sie sowieso immer zu allem „ja genau“ ohne drüber nachzudenken? „Die ham doch heute sowieso alle keene Lust mehr zum Arbeiten“, kam es hinter der Hecke vor. „Drücken sich jahrelang uff da Schule rum und weil se zu faul sind, wird ooch noch studiert!“ „Det is rischdisch“, sagte die Alte. Ich knackte das Bier, nahm einen tiefen Schluck und dachte an all die Idioten, deren Gelaber ich schon ertragen musste in meinem Leben. Mir war das auch immer unerklärlich, wenn ich die Interviews aus den 1950ern im Fernsehen sah: „Die sollten sich mal die Haare schneiden, diese Gammler und dann ab ins Arbeitslager“. So klangen sie damals, aber original – keine zehn Jahre nach Kriegsende – und so klingen sie heute, 2026, immer noch. So klangen sie in den Sechzigern, in den Siebzigern, in den Achtzigern und so redete auch die Generation meiner Großeltern. Als ob sie drauf warteten, dass der Führer sie dafür noch lobt.

„Früher hätt’s dett allet nich jejeben“ „Genau“ Der Hund sah mich wieder an. Vielleicht musste er wirklich dringend pissen, aber traute sich nicht. Ich nahm noch einen tiefen Schluck und setzte die Flasche auf dem Kühlschrank ab. Es machte mich nicht mal wütend, es deprimierte mich nur unendlich. Wie oft hatte ich diese faschistische Kacke schon gehört in meinem Leben? Und wie oft dachte ich, die sterben irgendwann aus und da wurde mir schlagartig klar, dass das nie der Fall sein wird. Ich konnte ihn ja nicht sehen, aber wenn der im Alter dieser Ja-Genau-Maschine war, dann war der auch zu der Zeit jung, als ich es selbst war. „Wenn die n ordentlichen Beruf hättn‘, käm se nicht uff den Jedanken“ „Genau“. Es hört einfach nie auf, dachte ich. In den Achtzigern war ich mir noch sicher: jetzt haben wir sie kleingekriegt. In den Neunzigern gab es nur noch ein paar verstreute Irre in der CSU oder bei den Republikanern. Wie um alles in der Welt konnte es sein, dass diese Kreaturen nicht nur überlebten, sondern sich auch noch vermehrten? Die sind doch mit mir gemeinsam gealtert! Wie wurden sie zu dem, was sie heute sind? „Aber um de Spritpreise, da müsstn se sich ma drum kümmern, det faule Pack“. „Find ick ooch!“

Die hatten doch alle die gleichen Chancen wie ich. Die hätten sich genauso darüber klar werden können, dass wir die Welt mit Liebe, Rücksicht und Vernunft retten müssen. Stattdessen wurden sie engstirnig, rückwärts gewandt, hasserfüllt, neidisch und dumm wie ihre Eltern und ihre Großeltern und das ist doch genau dieses gleiche braune Pack, dass es bei den Nazis schon gab und das jetzt aus ihren Löchern kriecht, als wäre ihre reaktionäre Geisteshaltung eine brandneue Erfindung. Ich überlegte kurz, ob ich aus meinem Versteck kommen sollte und dem Typ sage, er solle sich verpissen, bevor ich ihm die Scheiße aus dem Hirn prügele, aber mir war klar, dass ich das Problem so nicht löse. Warum leben diese Menschen nur auf demselben Planeten? Wer gibt ihnen das Recht, dieselbe Luft wie ich zu atmen? Es deprimiert mich so.

Der Hund tänzelte nervös auf der Stelle und sah mich an. Er konnte gar nicht fassen, dass mich keiner sah. Immer wieder schaute er hoch zur Nick-Maschine. Das arme Vieh. Es sah irgendwie ängstlich aus. Ich sah zurück und zuckte entschuldigend mit den Schultern. Anstatt dem Arschloch meine Meinung zu geigen, nahm ich mein Bier und ging zurück in den Garten, setzte mich auf die Hollywood Schaukel und ließ mir wieder die Sonne auf den Pelz scheinen. Ich hätte wahrlich genug Munition gehabt. Aber es bringt einfach nichts, dachte ich. Wozu sich aufregen, Wut produzieren, sich selbst krank machen damit? Es scheint keinen Ausweg zu geben. Es ändert sich nichts. Ganz im Gegenteil. Diese Geisteskranken waren nie wirklich verschwunden. Sie werden sogar immer mehr. Man kann ihnen einfach nicht entkommen. Aus ihren braunen Kehlen ergießt sich der Hass wie eine um sich greifende Pest und ich muss es mir mit anhören und kann einfach nichts dagegen tun, außer abzuhauen. Es gibt auch keinen Schutz für Menschen wie mich. Im Gegenteil. Während sich Autokraten die eigenen Taschen füllen, die Erde ausbeuten und Kriege entfachen, macht dieses Stimmvieh sich Sorgen um den Spritpreis. Was, so frage ich Euch, hat sich daran seit den Achtzigern geändert, außer dass alles nur noch schlimmer wurde? Im Grunde gibt es für Menschen wie mich nur noch eine Rettung: Keine Nachrichten mehr sehen, das Handy wegwerfen und in Ruhe Bier saufen, während das Rotkehlchen Nistmaterial sammelt. Genau das war ja auch der Plan. Wenn dieses Bier bloß nicht immer so schnell leer wäre. Noch so ein ungelöstes Rätsel.
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