Element of Gänsehaut

Element of Gänsehaut

Die besten Rock- und Pop-Alben aller Zeiten. Eine subjektve Auswahl.

Heute: Element of Crime. Damals hinterm Mond.

 

Es gibt Musikstücke, die rühren mich zutiefst an. Ich kann nicht erklären, was es ist, ich weiß nicht mal, warum sie es tun. Eben noch bin ich mit irgendwas beschäftigt und Musik begleitet mich dabei und urplötzlich beschäftigt mich nichts mehr, außer dem Musikstück und ich stehe da und fange fast an zu heulen. Es war mir lange Zeit vor mir selber peinlich, weil ich mir immer vorstellte, was andere wohl dazu sagen würden, wenn sie mich beim nächste Mal plötzlich so ergriffen und reglos dastehen sehen. Irgendwann hab' ich das abgelegt und mich damit arrangiert, dass es etwas gibt, was ich nicht erklären kann.

2010 hat Christoph Dröser in der ZEIT versucht, dem Phänomen auf die Spur zu kommen. Warum bringen ein paar Töne unser Gefühlsleben in Wallung? Nun, um es kurz zu machen – keiner weiß das. Es gibt ein paar wissenschaftlich erklärbare Ansätze, aber allein die Tatsache, dass das eine Stück den einen und ein anderes Stück den anderen rührt, macht die Sache reichlich komplex. Letztendlich ist es ja auch schnuppe, denn ich weiß, dass es passiert. Und ich lasse es zu, weil es mir damit besser geht. Bei mir ist der Auslöser meist ein Streichinstrument, sehr häufig ist es auch eine Textpassage oder die Betonung eines Textes. Und ich kenne meine Pappenheimer!

Auf der 1991 erschienenen „Damals hinterm Mond“ gehört der Titelsong vollständig zu diesen Kandidaten. Jetzt, genau in diesem Moment, ohne das Stück zu hören, rührt mich schon die Erinnerung an das Intro so an, dass ich innehalten muss. Ich kann es hören, ohne es zu hören. Ausnahmsweise gibt es hier auch noch eine sehr passende Erinnerung zum Text, denn er beschreibt die Liebe zweier Menschen, die wie zwei Kinder unbeschwert nebeneinander leben. Sie spielen, sie lachen, sie feiern, sie streiten – und im Rückblick erscheint es ihnen so fern, so unwirklich, als sei es eben nicht hier, sondern sprichwörtlich hinterm Mond gewesen. Und was meine Erinnerung angeht, so war es das auch!

Heute ist Element of Crime wieder in aller Munde. Ihr neulich erschienenes Album „Schafe, Monster und Mäuse“ wird durch die Feuilletons und Kulturmagazine gereicht, als sei es eine Sensation. Tatsächlich haben die Berliner all die Jahre über handwerklich solide Arbeit geleistet und kaum ein Album fiel qualitativ ab, genausowenig, wie das aktuelle Album qualitativ besonders auffällig sei. Mir kommt es eher so vor, als soll ihnen aufgrund ihrer Durchhaltequalitäten eine Art Oscar für ihr Lebenswerk zugesprochen werden. Daher ist es auch reichlich schwer, das beste der Werke herauszupicken. Da aber das deutsche Debutalbum (E.o.C. versuchte sich zuvor auf englisch) immer was besonderes ist und damals auch überall als Geheimtipp rumgereicht wurde, steht für mich außer Frage, genau dieses in den Olymp der besten Rock- und Popwerke zu heben. Außerdem sind die Texte wirklich einzigartig. Ich kenne keine andere deutsche Band, die es schafft, auf diese lyrische Art so schön zu erzählen.

Prägend für den Sound von Element of Crime ist zweifellos Sven Regeners Trompete, die immer mal wieder aus drohenden musikalischen Löchern herausführt und diesen typisch-melancholischen Sound herbeiführt, der zum Markenzeichen von Element of Crime wurde. Neben ihm, der auch das Kultbuch „Herr Lehmann“ schrieb, hat noch Jakob Friederichs an der Gitarre als Gründungsmitglied bis heute durchgehalten. Auch seinen Sound würde ich aus hunderten von Gitarren heraushören – und das macht letzlich eine gute Band aus; dass man sie am Sound wiedererkennt. Kurioserweise blieb dieses erste deutschsprachige und meines Erachtens beste Werk der Band als einziges ohne irgendwelche Chartplatzierungen. Das spricht aber nicht gegen das Album, sondern gegen den Musikmarkt.

Wie alle hier besprochenen Alben, hat „Damals hinterm Mond“ keinen einzigen Hänger, sondern bietet durchgehend musikalische und textliche Höchstqualität. Neben dem Titelsong sind für mich „Blaulicht und Zwielicht“, „Mach das Licht aus, wenn Du gehst“ und „Wahr und gut und schön“ unter den guten die besten Titel. Ich persönlich lasse mich von der Scheibe immer wieder inspirieren und es fasziniert mich, wie ich nach dem hundertfachen Hören immer wieder was neues entdecke, was mir gefällt. Und sei es auch nur, dass sich eine Textzeile mir endlich erschließt, weil sie heute für mich einen Sinn ergibt. Nicht wie damals, als man sie einfach nur gerne mitsang, weil sie schön war. Nicht wie damals. Hinterm Mond.

 

 

 

 

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(Hier geht es zu Teil 1. Dire Straits: Making Movies).

(Hier geht es zu Teil 2. Fleetwood Mac: Rumours).

(Hier geht es zu Teil 3. Nina Hagen: Nina Hagen Band).

(Hier geht es zu Teil 4. Rolling Stones: Exile on main street).

(Hier geht es zu Teil 5. Queen: News of the world).

(Hier geht es zu Teil 6. AC/DC: Back in Black).

(Hier geht es zu Teil 7. Tracy Chapman).

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