Disziplin ist auch nicht alles

Disziplin ist auch nicht alles

Die Pause war fünfundzwanzig Minuten lang und lag zwischen der vierten und fünften Schulstunde. Wir waren immer zu fünft. Die beiden Tommys, der lange Siggi, der kurze Markus und ich. Wenn wir die kleine Kneipe am Marktplatz betraten, war nie jemand außer uns drin, denn sie öffnete immer erst kurz vorher. Es war morgens nicht mal Elf Uhr vormittags und die erste Amtshandlung der Wirtin war es, uns Punkt Fünf vor Elf fünf Bier auf die Theke zu stellen. Wir kamen rein mit unseren Sporttaschen aus der Doppelstunde Sport, stiefelten schnurstracks zum Tresen und zogen uns den Gerstensaft rein. Siggi war stets am schnellsten. Er war fünfzehn und damit ein ganzes Jahr älter als wir anderen vier. Er hatte das Schuljahr zum zweiten Mal an der Hacke und so wie es aussah, würde er es dieses Jahr auch nicht schaffen. Er war zweifellos der Chef. Schon allein, weil er einen Kopf größer war und ein Jahr älter. Mannomann. Ich genoss das Bier und konnte spüren, wie es mich Schluck für Schluck mehr entspannte. Anschließend war immer Mathe. Bevor wir das Ritual einführten, war mir die Schulstunde immer 'ne Qual. Mathe war nie mein Ding. Aber seitdem ich mich nach 'nem Bier reinsetzte, ging die Zeit wie von selbst rum.

Sport machte mir viel mehr Spaß. Ich verstand nicht, wieso einige von uns keine Lust drauf hatten. Gut, bei den Mädchen konnte ich es verstehen. Der Sportlehrer gab bei ihnen verdammt gerne Hilfestellungen, indem er ihnen an den Arsch fasste, sie an den Hüften hochhob oder die Beine streckte. Ich sah ihm oft dabei zu und dachte, Sportlehrer könnte ein guter Job für mich sein. Wenn die Mädels sagten, sie hätten Bauchschmerzen, mussten sie nicht antreten. Wir Jungs hingegen mussten immer ran. Der Lehrer war nicht nur gut im Grapschen. Er hatte auch eine besondere Gabe darin, uns zu motivieren, wenn uns was besonders gut gelang. Einmal war Leichtathletik dran. Das volle Programm. Wir übten den 110-Meter-Hürdenlauf, wir sprangen hoch und weit, warfen die Kugel und den Speer, sprinteten die Bahn rauf und runter und bekamen sogar Einblick in die Technik des Dreisprungs. Jede Sportstunde eine neue Disziplin. Der Typ hatte von allem Ahnung und war einfach gut darin, alles genau erklären zu können und ich war ständig angestachelt darin, am schnellsten zu sein, am höchsten zu springen, am weitesten zu werfen. Eines Tages war die 1.000-Meter Strecke dran. Er erklärte uns die zweieinhalb Runden auf dem Sportplatz, als ob wir sie bereits liefen. „Teilt Euch die Kraft ein“, sagte er. „Wenn Ihr ausgangs der ersten Runde merkt, dass noch Reserven da sind, lasst sie langsam kommen. Nicht alles auf einmal raushauen. Erst Ende der zweiten Runde alles geben, was noch drin ist“.

Ich legte los und hielt mich genau daran, was er sagte. Ende der ersten Runde war ich mitten unter den anderen, in der zweiten schaffte ich mich nach vorne und klemmte mich hinter Siggi bis ausgangs der Kurve, dann zog ich an ihm vorbei und gewann das Rennen mit gut dreißig Metern Vorsprung, während Siggi ins Ziel kroch. „Du hat einen super Laufstil!“, rief er mir zu. „Das bauen wir aus!“ Eine Woche später war wieder 1.000-Meter-Laufen dran. Das erste Mal, dass wir im Sportunterricht etwas zwei Mal nacheinander machten. Ich bildete mir ein, dass es wegen mir war. Und tatsächlich nahm er mich vorher zur Seite, redete auf mich ein und empfahl mir, eine Runde in aller Ruhe ganz allein zu laufen und instruierte mich ganz genau, wie langsam ich sie laufen sollte. Mit den anderen machte er irgendwas anderes. Ich kümmerte mich nicht drum. Aber als ich wieder ankam, standen schon alle in den Startlöchern für die tausend Meter. Dann kam er wieder zu mir und sagte: „Gleichmäßig laufen. Immer den gleichen Takt halten. Kraft einteilen. Auf den letzten zweihundert alles geben" und ich nickte ihm – plötzlich ganz der Laufprofi geworden – wissend zu. Dieses Mal hatte er sogar eine Starterpistole dabei. Er drückte ab. Ich legte los. In der ersten halben Runde zogen sieben Jungs an mir vorbei, die ich Ende der ersten Runde schon wieder einkassiert hatte. Von nun an lief ich nur noch gegen mich selbst und kam nach den zweieinhalb Runden mit einer Zeit, die fast fünfzig Sekunden unter der von voriger Woche lag, wieder an. Der Lehrer warf mir einen Blick zu, als ob ihm jemand gerade ein Geschenk überreicht hätte. „Lauf noch 'ne Runde. Schön langsam. Morgen nachmittag um Vier sehen wir uns hier“.

Am nächsten Tag stand ich um Vier am Start. Und er war tatsächlich da. Und auch die Woche drauf und die darauf folgende auch. Der Ablauf war immer gleich. Es gab zuerst ein paar theoretische Anweisungen, die sich größtenteils mit lauftaktischen Tipps und Krafteinteilung beschäftigten. Nach ein paar Vorbereitungen liefen wir immer die 1000 Meter gemeinsam und er zog mich nach einigen Wochen auf eine Zeit knapp über drei Minuten, die für den Schulrekord und wenig später für die Landesbestzeit meiner Altersklasse U16 ausreichten. Dann kam er selbst nicht mehr mit. Ich fühlte mich wie ein Star, als ich die Einladung für den Bundeswettbewerb erhielt. Er nannte sich „Jugend trainiert für Olympia“ und bestand in den einzelnen Disziplinen jeweils aus den Landesbesten in ihren Altersklassen. Ich trainierte wie besessen auf den Wettbewerb hin. Die Vorstellung, damit jede Menge Ruhm und Geld einzustreichen, zumindest aber ohne größere Anstrengung später Sportlehrer zu werden, spornte mich an. Ich war inzwischen unter drei Minuten, als wir gegeneinander antraten. Aber die Konkurrenz war groß, sie waren alle sehr gut und sie waren sogar alle noch besser und liefen mir während des Trainingscamps regelmäßig davon. Als es um die Qualifikation für höhere Aufgaben ging, schlich ich als Letzter durchs Ziel, ausgepumpt und völlig am Ende. Kurzum, es dauerte nicht sehr lange, bis ich mit meinen Jungs wieder am Tresen stand und mir die Zeit bis zur Mathestunde mit einem goldgelben Bierchen überbrückte. In den Wochen, in denen ich nicht dabei war, hatte einer der beiden Tommys mit dem Rauchen von Camel-Filterzigaretten begonnen und so gingen wir dazu über, gemeinsam mit dem Ritual zum Bier eine der Fluppen zu rauchen. Außer Siggi. Der drehte seine Kippen selbst und zwar einhändig in der Manteltasche, was irgendwie unfassbar cool war. Auf dem Weg zur Mathestunde kam mir Conny aus der Nachbarklasse entgegen. Sie sah süß aus, seitdem sie die Haare jetzt offen trug. Sie trug eine blütenweiße Bluse, schritt sehr elegant an uns vorbei, lächelte mich an und warf mir einen Blick zu, für den ich jede Sportstunde hätte sausen lassen.

 

 

 

 

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