Die ganz große Ernte

Die ganz große Ernte

(Aus der Serie: Meine Abenteuer mit dem Buchhalter (Teil 6))

Es war Mitte August. Und es war ein verdammt heißer Sommer, dieser Sommer 89. Die Hubschrauber flogen nun täglich übers Gelände. Ich sah den Buchhalter besorgt an. Der Buchhalter sah die Plantage besorgt an. Wie jeder Kiffer entwickelte ich einen gesunden Hang zur Paranoia. Vielleicht hatten sie aus der Luft Bilder geschossen und dokumentierten Beweise, bereiteten schon eine Anklage vor, die mich eine Weile aus dem Verkehr ziehen sollte? Andererseits war die Sache hier zu verlockend, als sie einfach aufzugeben. Die Investitionen überstiegen inzwischen mein Budget, aber die Aussicht auf baldigen Reichtum ließ mich weiter ackern. Ich erinnerte mich an einen Film über zwei durchgeknallte Freaks, die ihre Aufzucht unter einer blauen Plane versteckten, die vom Hubschrauber aus wie ein Swimmingpool aussah. Es war eine verdammt gute, teure und faszinierende Idee, aber ich kannte keinen, der mir ein Dach aus wasserblauem UV-durchlässigem Material bemalt. Vor allem nicht für den letzten Fünfziger, der mich durch den Monat tragen sollte. Also besorgte ich mir ein blaues Segeltuch, das mir als lichtdurchlässig verkauft wurde und spannte es über die gut fünfzig Hanfstauden, die allesamt mindestens Einmeter Achtzig maßen. Jetzt sah es von oben nicht mehr nach einer beunruhigend großen Haschischplantage aus, sondern wie ein blauer Fleck. Immerhin.

Ich hatte die Sache deutlich unterschätzt. Anfangs war es ein Kinderspiel. Die Strahler fürs Tageslicht gab es im Baumarkt, die Anzuchtschalen, die spezielle Pflanzenerde, den Vernebler und eine geeignete Schere kaufte ich mir im Fachhandel. Thermometer und Feuchtigkeitsmesser hatte ich noch aus den Vorjahren. Die Saat importierte ich eigenhändig aus Amsterdam und traf dabei die teuerste Wahl. Wäre doch gelacht, dachte ich mir, wenn ich es bis zum Herbst nicht zum Selbstversorger schaffen würde. Als ich im März die Pflanzschalen in Breite und Tiefe jeweils exakt mittig mit einem gesund aussehenden Samenkorn bepflanzte, dachte ich keinen Moment daran, dass mir die Sache über den Kopf wachsen würde. Nach dem Pflanzen vernebelte ich das Ganze nach Anleitung, packte die beiden Paletten in den Schrank und knipste die Sonne an. Die beiden 300 Watt-Strahler leisteten gute Arbeit, die Temperatur und Feuchtigkeit hielt ich konstant bei idealen Bedingungen. Ich hielt es für eine gute Idee, das Gras mit DUB-Reggae aus meinem Stereo dauerhaft zu beschallen und das schien ihm gut zu tun. Schon nach wenigen Tagen keimte es, was das Zeugs hielt und nach einer knappen Woche fing ich damit an, die Spitzen zu schneiden. Nach jedem Schnitt verzweigten sich die Nachtgewächse. Dann wieder vernebeln, Sonne an, Klappe zu. Es war einfach. Nach drei Wochen hatte ich sie alle soweit, dass es ein schönes, sattgrünes Bild ergab und es war eine Pracht, drauf zu sehen.

Und jetzt im Mittsommer standen sie da wie prächtige Tannenbäume, manche zwei Meter hoch und das Gewicht der Cannabisfrüchte ließ manchen Ast nach unten biegen. Wenn nur die verdammten Hubschrauber nicht gewesen wären. Sie haben Bilder davon, sagte ich mir jeden einzelnen Tag. Sie haben Bilder davon. Und sie werden mir einfach nicht glauben, dass ich mich dazu entschloss, binnen 24 Stunden Haschisch für mindestens Zehntausend zu vernichten, um meinem Freund, dem Buchhalter, einen Swimmingpool in den Garten zu bauen. Als ich die fünfzig kleinen Pflanztöpfe vor zwei Monaten anbrachte, sah die Sache noch niedlich aus, als ob wir Tomaten ziehen wollten und ohne die Tomaten sahen die Dinger auch noch wie Tomaten aus. Damals reichte mein Schrank nicht mehr aus und es wurde Zeit, das männliche Grün vom weiblichen zu trennen, denn nur die Weiber tragen die Früchte und bleiben nur so lange drall und dröhnend, bis sie bestäubt werden. Also genau wie bei uns, dachte ich mir noch und verabschiedete mich schweren Herzens von den Jungs, ließ sie aber weiter wachsen und brachte sie später in den örtlichen Bürgerpark, wo ich sie hübsch drapiert in die Mitte der Blumeninsel setzte.

Der Buchhalter verfügte über massenhaft Platz in seinem Garten. Es war ihm schnuppe, was ich damit machte. Ich kam morgens gegen zehn, brachte die Thermoskanne Kaffee gleich mit, untersuchte die Marys nach Ungeziefer, schnitt hier und da wo es nötig war, düngte sie mit Fledermausscheiße, goss sie täglich gleichmäßig, aber nie zu viel und besprühte sie, wie ich es gelernt hatte. Nach stundenlang getaner Arbeit setzte ich mich auf den Hügel vorm Haus, besah mir meinen Reichtum, rollte mir einen Joint und sah ihnen beim wachsen zu. Ab und an kam der Buchhalter, setzte sich zu mir und sah sich die Plantage zunehmend besorgt an. Falls sie mich drankriegen würden, dann saß er mit in der Falle. Ich muss ihm aber hoch anrechnen, dass er nicht durchdrehte. Eher würde es mich treffen mit dem Durchdrehen. Stattdessen drehte er sich ab und zu eine und setzte sich zum Rauchen neben mich und wir fachsimpelten rum oder er sah mir beim arbeiten zu, sagte aber nie ein Wort, denn er hatte es mir gegeben. Es war nur schwer zu schätzen, wie viel Ernte uns bevorstand, aber es würde weit mehr sein, als wir im kommenden Winter verrauchen könnten.

Die Paranoia wuchs sich inzwischen besorgniserregend aus. Als ich Ende August auf meinem täglichen Gang zur Grünpflege zum Garten ging, hatte ich wie immer ein Auge auf alles, was mir suspekt nach Überwachung aussah. Es war auch kein Wunder. Die Haschischpflanzen waren inzwischen so riesig, dass sie ausreichend Schatten warfen, wenn man drin stand. Ich registrierte alles, was um mich herum vorging. Meiner Beobachtung nach hatten sie in dieser Woche zwei Mal einen Verkehrsunfall simuliert, um mir den Weg vom Verlassen des Hauses bis zum Garten nachzuweisen. Sie wussten, dass sie es mit dem neuen Drogenbaron der Stadt zu tun hatten. Also begann ich damit, einen Umweg einzuschlagen, denn offensichtlich hatten sie noch nicht ausreichend Beweise gesammelt.

Ich nahm jeden Tag einen anderen Weg, aber dann sah ich sie auch auf jeder neuen Strecke drei Tage in Folge. Die Sache war glasklar. Sie taten so, als ob sie sich mit Nachbarn unterhielten oder kümmerten sich vorgeblich um Ladendiebstahl oder lenkten den Verkehr, aber sie waren wegen mir hier. Daran gab es jetzt keinen Zweifel mehr. Das alles konnte kein Zufall mehr sein. Ich musste das Zeugs loswerden. Es war Ende August und die Dinger waren reif. Ich nahm einen Umweg, der einem Stadtwanderer zur Ehre gereicht hätte, kaufte mir unterwegs zwei leere Aldi-Tüten und sah von der Kasse aus beunruhigt auf den Parkplatz, wo sich gerade ein Streit zwischen zwei Kunden entfesselte. Würden sie jetzt gleich vorfahren und so tun, als ob es ihnen um den Streit geht, sich dann aber auf mich stürzen? Waren die zwei vielleicht sogar zivile Ermittler? Ich packte meine beiden Tüten und versuchte nicht hinzusehen, als ich den Laden verließ. Dann fiel mir auf, wie bescheuert auffällig es aussehen musste, mit nichts weiter als zwei leeren Aldi-Tüten rumzulaufen.

Bis ich im Garten ankam, war ich von der Sonne, der nackten Panik und dem viel zu langen Weg völlig durchschwitzt und am Ende. Der Buchhalter war nicht da. „Ist es wie in diesen Mafiafilmen, in denen deine Freunde zufällig abwesend sind, wenn der Zugriff erfolgt? Auch du, mein Freund Buchhalter?“, schoss es mir durch den Kopf. Ich nahm die Sense aus dem Schuppen und blickte mich um. Es war niemand zu sehen. „Vielleicht nehmen Sie einen nur in flagranti? Okay“, sagte ich mir so laut, wie es mir noch Mut machen konnte, „du hast es gewollt, du hast es getan, du bringst es zu Ende“. Ich hackte das ganze Grün um, während es mir gleichzeitig unendlich leid tat. All die Arbeit und jetzt diese jähe Ende! In zwanzig Minuten war ich durch und sah mich um. Kein Mucks. Nirgendwo. Verdächtig ruhig, dachte ich, viel zu ruhig. Dann schnitt ich die Früchte meiner Arbeit von den Ästen und füllte beide Aldi-Tüten randvoll mit allerfeinstem, handaufgezogenem und liebevoll behandeltem Gras und sie reichten einfach nicht aus. Ich stopfte mit aller Gewalt nach unten, was möglich war, es musste weit mehr als ein Pfund pro Tasche gewesen sein und trotzdem reichte es nicht, um alles aufzulesen. Mit zwei prall gefüllten Aldi-Tüten und Gras im Wert von mindestens zwanzigtausend Mark verließ ich den Garten und rief mir ein Taxi. Wenn schon untergehen, dann stilvoll, dachte ich.

Zuhause rief mich der Buchhalter an. „Jemand hat unser Hanf plattgemacht“, rief er. Ich versuchte, mir die Panik nicht anmerken zu lassen und starrte auf die Tüten. „Mach Dir keine Sorgen“, sagte ich. "Alles wird gut" (Fortsetzung folgt)

 

 

 

 

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