Damals hinterm Mond

Damals hinterm Mond

West-Berlin. Vom gleichen Augenblick an, in dem ich den Bahnsteig vom Bahnhof Zoo betrat, wandelte ich mich. Eben noch war ich ein kleiner Kaffer gewesen, der in die große Stadt fuhr, aufgeregt und gespannt darauf, was es diesmal alles zu sehen und zu entdecken gibt – und jetzt mit dem Berliner Asphalt unter den Füßen wuchs ich zu Django, cool, welterfahren und unerschütterlich. Ich schulterte meine Tasche und sah mich um. Mehrere Djangos waren unterwegs. Ausgangs der Treppe auf der Hardenberg lagen links und rechts ein paar Junkies rum, teils völlig leblos, teils die Passanten checkend, ob ne Mark für sie abfallen könnte. Ich war über den Punkt hinaus, an dem ich sie übersehen konnte. Als Kaffer lief man noch dran vorbei und blendete sie vor lauter Aufregung aus. Django kramte 50 Pfennig aus der Jeans, beugte sich runter und fragte einen etwa Gleichaltrigen mit lila Hahnenkamm, ob er ne Adresse zum Pennen wusste. Nicht, dass ich jedes Mal davon überzeugt war, dass es klappt. Aber das hier war West-Berlin. Man gab nicht einfach ne Münze her und drehte sich dann um. Immer gut, wenn man sich dafür austauschte.

Der Irokese sah mich müde an und drehte die Augen nach oben. "Kaffer", sagte er verächtlich. "Adresse?" fragte ich ungerührt zurück. Es dauerte einen guten Augenblick lang, in dem er meine Hartnäckigkeit zu prüfen schien. Ich kramte noch ne Münze raus. "36. Wrangel". sagte er. Ich bedankte mich. Zum SO36er ging es mit der Eins. Auch wenn ich nicht genau wusste, wo die Wrangel war, wusste ich, dass die U1 am Schlesischen Tor endete. Perfekt. Ich fuhr gerne Hochbahn. Schwarz natürlich. Es gab was zu sehen und ein bisschen war es jedes Mal so, dass man sich vorstellte, die Bahn würde diesmal nicht am Schlesischen halten, sondern durchbrettern. Doch dann hätte sie über die Oberbaum fliegen müssen, denn statt Mauer war die Spreebrücke einfach in der Mitte geteilt. Man konnte drauf sehen, aber man konnte nicht drüber weg in den Osten.

Der einzige, mir als Besucher mögliche Weg von der Insel der Glückseligkeit in den wilden Osten war über die Friedrichstraße oder man setzte sich in die U6 oder die U8 und schaute sich in den Geisterbahnhöfen die Vopos an. Beide U-Bahn-Linien durchquerten ein Stück jenseits der Mauer und es war immer wie in einem Agentenfilm, wenn sie die Geschwindigkeit runterfahren mussten und in den halb erleuchteten U-Bahnhöfen im Osten die Jungs in Uniform und gezückten Gewehren standen. In der Friedrichstraße kam man am U-Bahnhof an und kaufte an einem der beiden Kioske auf dem Bahnsteig zwei Päckchen Zigaretten zollfrei. Mehr war nicht erlaubt, aber Kontrollen gab es letztlich auch keine. Waren die Fluppen aufgeraucht, setzte man sich wieder in die U-Bahn. Wer in den Osten rübermachen wollte, stieg in einem komplizierten Gänge- und Treppenwirrwarr zwei Etagen nach oben und unterzog sich dann einer langwierigen Prozedur, die ohne weiteres ne Stunde dauern konnte. Zuerst musste man sich die Taschen durchwühlen lassen. Keine Ahnung, was sie da suchten. Dann ging man zum Ticketschalter und kaufte sich ne Eintrittskarte zu Siebenfünfzig für den Osten, sowie fünfundzwanzig Ostmark gegen fünfundzwanzig Westmark, was ein schrecklich schlechter Deal war.

Aber sie ließen sich die Neugierde gut bezahlen. Dann war wieder Agentenfilm. Man betrat eine etwa zwei Meter fünfzig lange Kabine, an der zur rechten Wand Spiegel angebracht waren. Einer von oben, zwei von vorne und hinten und einer von unten. Auf der linken Seite saß ein Grenzer in voller Montur und musterte mich ausgiebig. Von seiner erhöhten Position konnte er über den Spiegel jedem Weib unter den Rock glotzen. Das hatte er mir voraus. Dann nahm er in einer aufreizenden Ruhe, die ich nirgendwo sonst, an keiner Grenze und keinem Schlagbaum der Welt mehr sehen und erleben sollte, den Pass und prüfte ihn auf jeder einzelnen Seite nach Eintragungen und Visastempel.

Wenn er einen entdeckte, den er nicht kannte, hielt der die Seite des Dokuments gegen die Scheibe aus Sicherheitsglas. So, als ob er darin gerade entdeckt hatte, dass man verbotener Weise schon mal afrikanischen Boden unter den Füßen hatte. "Marokko", sagte ich. Dann nahm er sich die Quittungen aus dem Zwangsumtausch und dem Eintritt vor und checkte auch diese aufs Genaueste. So, als ob man zwischen dem Zahlen und der Kontrolle Zeit gehabt hätte, die Dinger zu fälschen. "Na?", fragte ich. "Alles in Ordnung?" Der Grenzer schaute mich an, als ob ich ihm gerade angeboten hatte, seinen Schwanz zu massieren, damit er mich rüberlässt. Dann fing er von neuem an, den Pass durchzublättern. Irgendwann wurde es ihm zu langweilig und er klatschte seinen eigenen Stempel rein. Dann betätigte er einen Knopf unter seinem Pult und die andere Türseite der Kabine öffnete sich mit einem lauten, quäkenden und durchdringenden Summton, den ich bis heute nicht vergessen kann.

Wenn man dann endlich drüben war, brachte man die fünfundzwanzig Mark nicht unter. Einmal Busfahrten kostete zwanzig Pfennig. Man stieg in den Ikarus, steckte zwei Groschen in einen hoffnungslos überalteten Automaten, drehte an der Kurbel und zog sich ein Stück Papier ab, das man durch die mechanische Drehbewegung raus beförderte. Ich wollte es wissen und drehte die Kurbel ohne Groschen. Das Stück Papier kam auch so raus. Aber alle stopften sie die Groschen da rein und alle kurbelten sie sich dann erst das Papier raus. Das beeindruckte mich mächtig. Wenn es im Westen was umsonst gab, nahm man es sich und verschwendete keinen weiteren Gedanken dran.

Dann stellte ich mich zum Fahrer, um ihm beim Rühren zuzusehen. Der ungarische Ikarus hatte nicht weniger als zwölf Gänge und der Fahrer, der oft genug eine Fahrerin war, was mich nicht minder beeindruckte, fing an zu wirbeln. Erster, zweiter, dritter Gang… rumms! Vierter, fünfter, sechster Gang… klong! Siebter, achter, neunter Gang… ratsch, und schon Tempo Fuffzig. Dann die nächste Halte und alles wieder rückwärts. Die brauchten jedenfalls kein Fitnessstudio für ihre Armkraft, die waren im Training. An der Broilerbude gab es meist nur Bockwurst und davon kosteten zwei meist nicht mal ne Mark. Sein Geld in einem der Restaurants loszuwerden, war nicht minder schwer und obwohl ich mir meist was zum Futtern aus der Kaufhalle mitnahm, steckte ich am Ende des Tages nen Zehner in die Ritze irgend ner Sitzbank am Alex und überließ den Fund irgendwem.

In Kreuzberg fragte ich mich durch bis zur besetzten Hütte in der Wrangelstraße. Es gab drei davon, wie ich vor Ort feststellte. Ich nahm die erste und drückte im Hausgang eine der Türen zu den Wohnungen auf. Eine Frau um die dreißig mit üppigen, runden Brüsten lief an mir vorbei durch den Wohnungsflur. Sie hatte kein Oberteil an. Ich starrte einige Sekunden auf die im Takt wippenden Dinger, aber es war ihr egal. Niemand beachtete hier irgendwen. So war ich es auch gewohnt. Wir waren alle Djangos. Ich suchte mir eines der größeren Zimmer und legte meine Sachen auf den blanken Holzboden. Dann öffnete ich das Flügelfenster, drehte mir einen Joint, der drei bis vier ausreichend dicht machen würde und ließ das Zippo schnippen.

Erfahrungsgemäß lockte der Duft den ein oder anderen Bewohner an und so kam's dann auch. Ein Pärchen von nebenan kam rein, beide offensichtlich auf dem gleichen Weg hier gestrandet, sowie Frau Üppig, aber mit T-Shirt über den Dingern. Wir ließen den Spliff ein paar mal wortlos kreisen. Dann bat ich Frau Üppig meine Sachen an sich zu nehmen und versprach, vor Mitternacht zurück zu sein. Beschwingt und bekifft schritt ich die Stufen runter in den Kiez, atmete vor der Tür ein paar mal befreit durch und ließ es bis in die Zehenspitzen sacken. Aus der Eckkneipe gegenüber fiel einer mit Schwung aus der Tür und die Treppen runter, landete beinahe im Straßenverkehr, stoppte den Lauf aber gekonnt zwischen zwei parkenden Autos ab, indem er sich zunächst gegen das Heck des rechten, dann gegen die Front des linken prallen ließ. Er setzte sich einen Moment zwischen den Autos hin, um sich vom Schock des Aufpralls zu erholen, rappelte sich anscheinend unverletzt wieder auf, indem er sich links und rechts an den Stoßstangen aufstützte, schüttelte sich kurz und lief dann doch mitten durch den Straßenverkehr zur anderen Seite. Sechs glückselige Tage und Nächte auf der Insel lagen vor Django.

 

 

 

 

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One response to “Damals hinterm Mond”

  1. Klausi sagt:

    Gelesen am 18.09. in der Z-Bar (Tintenschiff)

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