Da geht’s lang!

Samstag. Studiere den Terminkalender. Ganz schön was los, wie immer. Könnte heute zum Tantraworkshop gehen. Kostet nix. "Kein Sex" steht da. Nö, dann nicht. Im buddhistischen Zentrum werden Meditationen angeboten. Einführungsseminar. In meinem Kopf stellen sich Bilder von ganz lange still sitzenden Mönchen ein. Sitzen da so rum. Einer sagt was, was man nicht versteht. Alle murmeln was, dann wieder Stille. Naja, vielleicht nächsten Samstag. Hier, das wär's doch: Eine Fotoausstellung zum Thema "Der tiefere Sinn des Lebens zwischen Drugs and Rock'n'Roll. Kreuze ich mir an. Flohmarkt, Flohmarkt, Flohmarkt, Flohmarkt. 77 Szenen einer Ehe, getanzt vom Ballett der Freundschaft Pankow-Heinersdorf. Groovy. Oder hier: Kreuzberger Sommernachtsumtrunk. Wir testen die neuen Biere der Saison Heidelbeer-Litschi, Aprikosenwolke und Hau-den-Lukas. Es spielt die SO36-Combo der schwindsüchtigen Ubahnfahrer. Gar nicht übel, aber nur nach Voranmeldung.

Was gibt's noch? Cora cum Laude liest aus ihrer vierbändigen Trilogie des laufenden Schwachsinns. Da weiß man wieder nicht, was man kriegt. Kreuze mir anschließend wahllos alle Kulturveranstaltungen an, um zu sehen, was dann noch übrig bleibt. Hey. Thai-Street-Food-Market im Preußenpark. Das ist schon mal gebongt. Anschließend zum Rüdi. Ab in den BVG-Bus. Ist aber voll hier. Der Kutscher ruft "Rückt ma uff Ihr Spacken, sonst jeht die Tür nich zu. Is doch nich zu fassn, wie bescheuert Ihr seid!". Also alles wie immer. Beschließe, mir auf dem Weg zum Thaimarkt doch noch die Fotoausstellung anzusehen. Es gibt viel Rock'n'Roll drin. Aber keine Drugs. Am Ausgang erwartet mich jemand mit nem Gutschein für einen 20%-Nachlass auf ne Stadtrundfahrt. Kann das nicht mehr sehen mit dieser Touristenkacke. Beschließe, mir ein T-Shirt drucken zu lassen, auf dem steht: Ick bin keen Tourist, du Flitzpiepe! Und auf der Rückseite vielleicht: Nee, ick hab keene PäähbäckKarte und wenn de nochmal frachst, gibt's uff die Fontanelle! Müsste ich rückwärts am Kassenband vorbei. Üb' ich dann noch.

Auf'm Thai Markt gibt's frittierte Hirse-Petersilien-Bällchen mit Zwiebel, Ingwer und Minze. Da sag noch einer, wir Bärlina hätt'n keene Hohd-Küisin. Mittachs uff'm Rüdi dann die übliche Horde weinseliger Rentner. Drei davon erzählen mir ihr Leben. Übliche Quote. So viel kannste gar nicht erfinden, wie du hier an einem Nachmittag mitnimmst. Ich nehme reichlich Promille vom Wachenheimer Dudelsack mit auf die Rückfahrt, aber Turmstraße geht es erst mal nicht weiter mit dem TXL. Ich mag den Flughafenbus. Entweder kommen die Touristen grad an und sind gut drauf weil sie ankommen oder fahren grad zurück zum Flieger und sind froh, weil sie wieder weg dürfen. Auf jeden Fall ist meist gute Laune im Gelben, was bei der BVG jetzt nicht so häufig ist, denke ich genau in dem Moment, als der Bus sich hinter den anderen drei In der Turmstraße einreiht. Sieht aus wie ein Kutscherstreik! Das Drama schaust Du Dir aus der ersten Reihe an, denke ich, steige aus und laufe nach vorne.

"Geht nicht weiter hier", sagt die Fahrerin vom ersten Bus, die irgendwie so robust aussieht, dass sie nur Erna heißen kann. "Polizei hat die Beussel wegen Einsatz gesperrt", legt sie nach. "Na und? Da fahrn' se doch geradeaus bis zum Tegeler Weg, dann das bisschen Autobahn und schon sind se da" brechen sich drei Gläser Dudelsack souverän den Weg. Bin ja schließlich schon ne Ecke in Berlin, da kann man den Einheimischen ja mal sagen, wo es lang geht. "Trau ick mich nich", sagt Erna. "Kenn mich hier nicht aus". Zuerst muss ich über den Witz lachen, aber dann merke ich, dass es gar keiner ist. Horden von Flugticketbesitzern schauen bang nach vorne zu uns. Jetzt kommt es darauf an. Vielleicht steht ja morgen in der B.Z.: "Zugezogener Saarländer hilft Hunderten von Passagieren bei der Flucht aus der Hauptstadt…". "Pass ma uff, Mutti…" versuche ich meine wahre Herkunft zu verschleiern, "Ick bin hier zuhause und ick saje Dir, ditt issn Kinderspiel. Jeht ruckizucki!" Sie schaut mich an. Sekunden vergehen, die mir wie Minuten vorkommen. "Du fährst mit?", fragt Erna. "Na logisch", sage ich. Die Touristen weiter vorne atmen hörbar auf. 

"Bitte die Bordkarten bereithalten", rufe ich in den Bus und wundere mich, dass sich einige tatsächlich in die Manteltaschen fassen. "Tritt drauf", sage ich zu Erna und sie steuert den Wal drauf los. Über den Außenspiegel kann ich sehen, wie sich der ganze Tross von gelben Kolossen hinter uns in Bewegung setzt. Typisches Herdenverhalten. Geil! Ich steuere fünf Busse gleichzeitig. Kurz vor der Autobahn teste ich spaßeshalber Ernas Nerven. "Da vorne an der Ecke lässte mich raus, dann nach rechts und immer jeradeaus, kommste zum Flughafen". Aber sie bleibt cool. "Kleiner, Du kommst hier nicht raus, aber wenn das hier vorbei ist, fahr ich Dich nach Hause!" Ich hebe die Hand zum High-Five und wir klatschen hörbar ab. 

Am Terminal steigen dann fast alle vorne aus. Sehen dankbar aus. Viele schauen mich, ihren persönlichen Flughafenguide, erleichtert an. Sofort schalte ich auf Profi, ziehe meine Mütze ab und halte sie hin. Tatsächlich sammeln sich direkt ein paar Münzen drin. "Vielen Dank" sage ich, "stets zu Diensten" und kaum leert sich der Bus, wird er auch schon wieder voll. Die müssen hier seit Ewigkeiten warten, aber lachen vor Dankbarkeit, dass jemand vorbeikommt und sie abholt. Wenn ich bei der BVG wäre, würde ich TXL fahren wollen, denke ich. "Willkommen", lächele ich die gerade eingestiegenen Japaner an… "ich bin Ihr persönlicher Cityguide. Die BVG gibt Ihnen 20% Nachlass auf Ihre Fahrkarte, wenn sie ne Päähbäckkarte ham'".

 

 

 

 

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Ein Kommentar

  1. Gelesen am 16,03,18 beim Salonabend Thomas 

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