Ambrosius

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§51, im alten Strafgesetzbuch von 1871: „Eine strafbare Handlung ist nicht vorhanden, wenn der Thäter zur Zeit der Begehung der Handlung sich in einem Zustande von Bewusstlosigkeit oder krankhafter Störung der Geistesthätigkeit befand, durch welchen seine freie Willensbestimmung ausgeschlossen war.“ Dieser Beleg war in einigen Pässen als Stempel eingetragen. Das galt natürlich nicht für Kapitalverbrechen, aber umgangssprachlich hieß es bei Menschen, deren Geistesstörung bekannt und durch Eintrag im Pass festgestellt war: Der hat Paragraf 51.
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Von allen Irren, mit denen ich es in meiner Ausbildung zu tun hatte, war er der Häuptling. Bis um Neun mussten alle im Büro sein, aber er kam immer erst um Zehn und niemand im Haus traute sich, was dazu zu sagen. „ICH HAB PARAGRAF EINUNDFÜNFZIG“ schrie er immer, wenn er einen seiner Anfälle hatte, „MIR KANN KEINER WAS“. Überhaupt gehörte das Rumbrüllen zu seinem wichtigsten Führungsinstrument, denn er war Abteilungsleiter einer kleinen Abteilung, die sich Liegenschaftsverwaltung nannte. Außer ihm war da noch der gütige Herr Keller, der sowas wie die Idealvorstellung eines liebenswürdigen Opas war und eine dicke und sehr gepflegte Frau Mitte Fünfzig, deren Namen ich vergessen habe. Das waren seine beiden Opfer, die er wahlweise allein oder gemeinsam bebrüllte, je nachdem ob sie beide oder ob nur einer von beiden in seinem Zimmer war. Das gehörte zu seiner Methode. Im großen Büro, in dem auch ich saß, da schrie er selten. Manchmal war er sogar ausgesprochen freundlich, wenn er mich ansprach, aber in der Regel interessierte ich ihn nicht. „Gebt dem Azubi was zu arbeiten, aber was Ordentliches“ rief er, „ich kontrolliere es“ – und damit war seine Pflicht mir gegenüber auch schon getan. Es gab nicht wirklich viel zu tun in dieser Abteilung. Heute wäre der Job von Ambrosius, dem liebenswerten Herrn Keller und der dicken Frau zusammengenommen der einer Teilzeitkraft. Aber damals legte man Kohlepapier zwischen die Seiten, um einen Brief fehlerfrei auf der Schreibmaschine zu tippen. Wenn da Fehler drin waren, nahm man TippEx, strich damit über die fehlerhaften Stellen und spannte die Papiere neu ein, um drüber zu schreiben. Überhaupt musste alles von Hand geschrieben werden, selbst die Termine im Kalender. Es gab große, gebundene Bücher mit irrsinnig langen Seiten drin, die man vor sich aufklappen konnte. In diese Journale wurde alles geschrieben, was mit dem Grundstück passierte, Grenztermine, Vermietungen, Flurteilstücke und Grundbuchlasten.

Ich war drei Monate beim irren Ambrosius und schon am ersten Tag ging das los mit der Brüllerei. Erst schrie er die dicke Frau an und warf dann die Tür mit Karacho zu und später am Tag, da war es schon Zwölf, kam er zu mir. Ich saß gerade am Schreibtisch und notierte, was mir durch den Kopf ging. Weil ich immer schon die Neigung hatte, mir jeden Frust und jeden Scheiß aufzuschreiben, der mir einfiel, musste ich aufpassen, was ich rumliegen ließ. Er kam ins Zimmer, stürmte im militärischen Stechschritt auf meinen Schreibtisch los, als ob er ihn gleich umwerfen wollte, streckte mir die Hand entgegen und schrie: „MEIN NAME IST LEINENBACH, AMBROSIUS. ICH HAB PARAGRAF 51, DAMIT SIE ES WISSEN!“ und drückte mir die Hand so heftig, dass es schmerzte, während er die Augen absichtlich weit aufriss, um mich zu beeindrucken. „UND SIE?“. Ich sagte ihm meinen Namen. „WIE WAR DAS?“ schrie er wieder zurück. „AZUBI?“ Als ob er er mich nicht verstanden hätte. Aber ich merkte das sofort und antwortete nochmal genauso. Vielleicht war schon diese erste Begegnung der Grund dafür, warum er mich grundsätzlich nie beleidigte. Ich blieb einfach unbeeindruckt. Wann immer er bei uns im Raum war, beobachtete er, was ich gerade tat. Aber im Grunde genommen war es ihm egal, was das mit Arbeiten zu tun hatte, er war nur hinter dem her, was ich privat für einer war. Es fiel ihm auf, dass ich mir viel notierte und ich begann damit, ihm Fallen zu stellen. Ich schrieb auf einen Block „Der Dumme weiß nicht, dass er dumm ist“ und legte ihn exakt im 65-Grad Winkel unter die Arbeitspapiere und als ich von der Mittagspause zurück kam, zog ich mein Geodreieck, maß nach und so wusste ich, dass er es gelesen hatte.

Der liebenswerte Herr Keller, den ich wirklich gern zum Opa gehabt hätte, hatte seinen eigenen Umgang mit der Brüllerei. Einmal war er in Ambrosius‘ Büro, als der sogar Möbel umwarf, während er tobte. Aber als ich ihn danach fragend ansah, lächelte er einfach nur still vor sich hin. „Das geht alles vorbei“, sagte er. Die dicke Frau hatte es da schwerer. Einmal kam ich ins Büro zurück und fand sie weinend vor, aber sie wollte natürlich nicht mit dem Azubi drüber reden. Sie war fast öfter krank, als sie da war. Ich notierte mir: „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht“ und zog mein Geodreieck. Es waren nicht nur die Botschaften, die ich ihm schrieb. Wir entwickelten auch ein stilles Zeitungs-Spiel. Ich hatte die FAZ im Probeabo und er rief mir zu: „WAS STEHT HEUTE SCHLAUES DRIN?“ Ich sagte „jede Menge – ich geb‘ Sie Ihnen gern zum Lesen“, weil ich genau wusste, dass er dazu keine Geduld hatte. „WENN SIE IN DIE PAUSE GEHEN, BRINGEN SIE MIR DIE BILDZEITUNG MIT – ICH HAB PARAGRAF EINUNDFÜNFZIG. ICH WILL TITTEN UND FETTE BUCHSTABEN“. Und das tat ich dann auch. Ich brachte ihm jeden Tag die Bildzeitung vom Kiosk mit und legte sie ihm auf den Schreibtisch: „Mann beißt Hund“ sagte ich und notierte mir einen von Gandhi auf den Block: „Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier“.

Letztendlich war es für mich eine angenehme Zeit, weil mich schrie er nicht an und ich musste kaum was anderes tun, als einmal am Tag eine Tabelle zu schreiben. Mir blieb genug Zeit, um eine Persönlichkeitsstudie zu erstellen. Montags zum Beispiel war es am schlimmsten: Er suchte sich gezielt irgendwas aus, was nicht funktionierte – warum es nicht funktionierte, war ihm aber egal. Und dann rief er sie rein. Den einen, die andere oder beide. Dann dauerte es nicht lange und er redete sich in Rage bis er schrie. Ich weiß bis heute nicht mehr, wie ich die Tage bei Ambrosius mit den bleischweren Telefonen, den unübersichtlichen Wandkarten und den ganzen Akten rumbrachte, aber ich erinnere mich noch genau an diesen Häuptling der Irren und an seine beiden bemitleidenswerten Indianer. Auch später konnte man es im ganzen Haus hören, wenn er wieder mal „MIR KANN KEINER WAS“ schrie und ich dachte jedes Mal an den armen Herrn Keller und die arme dicke Frau. Nach drei Monaten zog ich zu der drallen Blonden im Rechnungswesen weiter, wo ich dann wirklich mal was arbeiten musste. Die Blonde war übrigens auch irre. Aber das ist eine andere Geschichte.
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